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Arbeiten im Humboldt Forum - Zustände wie zu Kaisers Zeiten

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Das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss soll deutsche Gegenwart mit ihrer Geschichte versöhnen. Doch Mitarbeiter beklagen Arbeitsbedingungen wie aus längst vergangenen Zeiten.

Fraglicher Umgang mit Arbeitsrechten

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Anne Tiedemann hatte sich gefreut. Sie war eine von 75, die sich im Herbst 2020 im Bewerbungsverfahren für den Besucherservice im Humboldt Forum durchsetzen konnte. "Ich habe gedacht, ich hätte meinen Traumjob gefunden. In einem internationalen Team und an einem weltoffenen Ort mit Toleranz und Respekt. Doch was ich vorgefunden habe, war das genaue Gegenteil."

Pandemie-bedingt fand die Eröffnung nur digital statt, die 75 Mitarbeiter des Besucherservices wurden zu Aufgaben der Bauaufsicht und der Sicherheit herangezogen. Ohne, so berichten mehrere Mitarbeiter Frontal21 und "Spiegel", dafür in irgendeiner Form geschult worden zu sein.

Kein Wasser, keine Toiletten

Stundenlang mussten sie in meist leeren Räumen ausharren, mitunter ohne Zugang zu Toiletten oder Trinkwasser. Nach mehreren Beschwerden an ihren Arbeitgeber, die Humboldt Forum Service GmbH, eine hundertprozentige Tochterfirma der Stiftung Humboldtforum, haben bis zum heutigen Tag fast die Hälfte der 75 Besucherservice-Mitarbeiter ihre Tätigkeit beendet - teils freiwillig, teils unfreiwillig.

Auch mit dem Datenschutz pflegte man hinter den nachgebauten Mauern von Preußens Glanz und Gloria einen Umgang, der eher an Kaisers Zeiten erinnert, als an die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts. Frontal21 und "Spiegel" liegt eine Liste vor, die die Humboldt Forum Service GmbH über ihre Mitarbeiter führte. Darin werden diese in die Kategorien "kritisch" und "sehr kritisch" eingeteilt, zudem Details ergänzt wie "fragt nach Betriebsrat", "ist montags immer müde" oder "geht zur Psychotherapie".

FDP-Abgeordneter vermutet systematisches "Ausspionieren"

Generalintendant Hartmut Dorgerloh lehnt ein Interview ab. Schriftlich teilt das Humboldt Forum mit: "Dies hätte nicht passieren dürfen und entspricht in keiner Weise dem Vorgehen und der Arbeitsweise der Stiftung Humboldt Forum. Die Existenz dieser Liste ist uns am vergangenen Mittwoch bekannt geworden. Sie wurde selbstverständlich gelöscht."

In Berlins Mitte, zwischen Staatsoper und Dom, thront nun ein Schloss. Heftig umstritten und teuer. Im Prachtbau hält künftig die Kultur Hof. Ein Prestigeobjekt für die Hauptstadt.

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Der FDP-Abgeordnete Hartmut Ebbing ist Mitglied des Stiftungsrats. Gegenüber Frontal21 äußert er Zweifel an dieser Darstellung, glaubt eher an ein System: "Das sieht schon sehr nach wirklich detailliertem Ausspionieren aus. Die Informationen, die ich da sehe, können ja nicht von Einem kommen, es muss ja ein System etabliert worden sein. Und das ist das Grausame. Es ist ein System des Misstrauens und nicht des Vertrauens. Das mag vielleicht vor 100 Jahren so gegangen sein, aber nicht heute."

Anders als vor 100 Jahren können sich die Mitarbeiter heute an die Berliner Beauftragte für Datenschutz wenden und einige haben das auch getan. "Auf der Liste befinden sich ja unter anderem Daten, die die Gesundheit betreffen oder die politische Meinung. Das hat in der Beurteilung von Arbeitsleistungen nichts zu suchen und ist aller Voraussicht nach unzulässig", so Maja Smolczyk gegenüber Frontal21.

Auch Corona-Maßnahmen nicht eingehalten

Auch die Corona-Schutzmaßnahmen wurden hinter den Mauern des Preußischen Palastes laut Aussagen der Mitarbeiter eher locker interpretiert. So wurden sie anlässlich der Geburtstagsfeier des Sicherheitschefs zum Singen einbestellt, während sich daneben die Führungskräfte umarmten. Frontal21 liegt ein Video dieses Events vor.

Dazu das Humboldt Forum: "Hierbei kam es zu einer Umarmung bei der persönlichen Gratulation und Geschenkübergabe auch durch eine Leitungskraft. Das ist menschlich verständlich, hätte aber in Zeiten von Corona nicht geschehen dürfen." Frontal21 zählt auf dem Video allerdings elf Umarmungen.

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Humboldt Forum zieht Konsequenzen

Das Humboldt Forum zählt zu Europas ambitioniertesten Kulturstätten. Über 500 Millionen Euro Steuergelder des Bundes fließen in das Prestigeprojekt von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, CDU. Zu einem Interview mit Frontal21 war sie nicht bereit, ließ aber über ihren Sprecher schriftlich erklären, dass sie die Vorwürfe sehr ernst nehme.

Eine Konsequenz wurde bereits gezogen: Nach den Nachfragen von Frontal21 und "Spiegel" wurde die Geschäftsführerin der Humboldt Forum Service GmbH von ihren Aufgaben entbunden.

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