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Brachen, die Insekten retten

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Insektensterben - Brachen, die Insekten retten

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Die meisten Forschungsergebnisse zum Insektensterben sind nur lokal. Dennoch warnen Biologen. Ein Rettungs-Projekt könnte ein Vorbild für ganz Deutschland sein.

Insektensterben ist ein Dauerthema. Doch weder über die genauen Zahlen, die Ursachen, noch über Lösungen herrscht Einigkeit. Die Wissenschaft sucht fieberhaft nach belastbaren Ergebnissen.

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Bis zum Frühling ist es nicht mehr lange hin, dann summt und brummt es wieder auf den Wiesen und in den Wäldern des Landes - im Idealfall. Denn spätestens seit dem Erscheinen der sogenannten Krefelder Studie kann man sich da nicht mehr so sicher sein.

Viele Forschungsergebnisse zum Insektensterben sind lokal

30 Jahre lang hat der Entomologische Verein Krefeld Millionen von Insekten gefangen und gewogen. Bei den meisten Arten, so fanden die Forscher heraus, sind die Bestände rückläufig. Über die Ergebnisse wurde 2017 in der Zeitschrift "Science" berichtet und das Insektensterben wurde zunehmend in den Medien präsent.

Die lokalen Ergebnisse einiger Messstellen fielen in der Folge nicht selten einer Verallgemeinerung zum Opfer. Unter anderem wurde in sozialen Netzwerken von einem Rückgang der Insekten in Deutschland von 70 bis 80 Prozent gesprochen. Zahlen, die so ohne eine genaue Zuordnung nicht haltbar sind. Fakt ist: Eine flächendeckende Langzeitstudie zum Insektensterben gibt es aktuell nicht. Viele Forschungsergebnisse sind lokal zu betrachten, sind aber trotzdem alarmierend. 

Für Sachlichkeit beim Insektensterben

Für mehr Sachlichkeit in der Diskussion spricht sich Prof. Dr. Josef Settele aus. Der Agrarbiologe sitzt im Weltbiodiversitätsrat und forscht seit rund 30 Jahren zum Thema Falter. "Beim Thema Insektensterben", sagt er, "muss man erst einmal zwischen dem Rückgang der Artenvielfalt und der Abnahme der Biomasse, Masse der durch Lebewesen anfallenden organischen Substanz in einem bestimmten Lebensraum, unterscheiden."

Damit bringt er einen wichtigen Punkt zur Einschätzung des Insektensterbens ins Spiel. Die meisten Forscher haben keinen Zweifel am Rückgang der Artenvielfalt, aber beim Thema Biomasse gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. Dies liegt auch daran, dass es immer wieder mal zu explosionsartigen Vermehrungen von Insekten auf lokaler Ebene kommen kann, so wie dies bei Mückenplagen und dem Borkenkäfer zu beobachten ist.

Derzeit haben sich im Osten Afrikas und in Pakistan Heuschrecken stark vermehrt:

Der Osten Afrikas ist von riesigen Schwärmen der Wüstenheuschrecke befallen. Die Insekten legen bis zu 150 Kilometer pro Tag zurück und verwüsten mit ihrem Fressdrang ganze Landstriche.

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Josef Settele selbst ist seit Jahren drei Falterarten in der Pfalz auf der Spur. Dabei stellte er fest, dass eine Art zugenommen hat, eine Art konstant geblieben ist und eine Art völlig ausstarb. Settele sieht die Ursache für die Abnahme der Insektenarten unter anderem in den sich verändernden Lebensräumen und der Landnutzung durch die Agrarwirtschaft, die immerhin 50 Prozent der Fläche in Deutschland ausmacht.

Eine Welt ohne Insekten wird nicht funktionieren.
Josef Settele, Agrarbiologe

Settele spricht sich für einen sorgsamen Umgang mit Zahlen aus, warnt vor Panikmache, aber auch von einer Unterschätzung des Problems. An einem massiven Rückgang der Insekten hat er keine Zweifel. Für ihn ist jetzt die Zeit, die Weichen für eine insektenfreundliche Zukunft zu stellen.

Käfer werden wie bei Big Brother überwacht

Dies sieht auch Prof. Dr. Nico Eisenhauer nicht anders. Auch ihm ist die Bedeutung der Insekten für unsere Welt, z. B. als Bestäuber oder Nahrungsquelle für Vögel, bewusst. Dabei hat er nicht nur Fluginsekten im Visier, sondern Eishauer kümmert sich auch um Insekten im Boden. "Die sind zwar nicht so telegen wie Bienen, aber mindestens genauso wichtig", meint er.

Zwischen Leipzig und Halle arbeitet er im Idiv Ecotron. Die Innenanlage des Forschungszentrums gleicht einem Raumschiff. Hier stehen 24 identische Einheiten, sogenannte EcoUnits. Eisenhauer hat hier die einzigartige Möglichkeit, Umweltbedingungen wie Temperatur, Nährstoffvorkommen und Niederschlag in jedem einzelnen Ökosystem innerhalb der EcoUnits vollkommen zu kontrollieren. Dies geht an der Oberfläche, aber auch im Boden. 

"planet e.: Die Insektenretter": Mehrere hochtechnologische gläserne Forschungskammern in einer Halle. Der Kameramann steht neben einer und filmt hinein.
Große und kleine Käfer mit Mikrochips auf dem Rücken krabbeln hier in den sogenannten EcoUnits für die Wissenschaft.
Quelle: ZDF / Andreas Ewels

Käfer mit kleinen Sendern auf dem Rücken laufen durch die künstlichen Welten und liefern Daten an eine Computeranlage im Nebenraum. Ein wenig erinnert alles an Big Brother.

Wir wollen unter anderem herausfinden, welche Einflüsse der Klimawandel auf die Insektenwelt hat. Dafür verfolgen wir die Käfer auf Schritt und Tritt.
Nico Eisenhauer

Ein Projekt, was noch einige Jahre andauert.

Landwirtschaft als Verursacher im Fokus

Wenn es um die Verursacher des Insektensterbens geht, dann rückt die Landwirtschaft immer wieder in den Fokus. Wegen des großen Flächenanteils innerhalb Deutschlands wundert dies erst einmal nicht. Viele Landwirte fühlen sich aber ungerecht behandelt, sehen sich nicht allein als Schuldige und sind es sicher auch nicht.

Ganz wenige Landwirte sind aber wohl so radikal wie Thomas Fischer. Mais und Raps sucht man bei dem Sachsen aus Hirschstein vergebens. Pestizide? Fehlanzeige. Er fordert: "Wildnis statt Äcker!" Der Naturfreund legt Brachen an, pflanzt Hecken. Fischer gibt zu, unbequem zu sein, sieht sich aber als Realist.

Die moderne intensive Landwirtschaft hat enorme Erträge zu Folge, allerdings zu Lasten der natürlich vorkommenden Pflanzen- und Tierarten.
Thomas Fischer, Landwirt

Mit Fördermitteln und eigenem Geld kauft Fischer Teile aus Äckern heraus und macht daraus kleine Naturparadiese. "Zehn bis 50 Prozent Prozent Brachland in Sachsen", so wünscht er sich, "wären ein enormer Mehrwert für die Natur."

Dabei stößt er bei den Landwirten in der Umgebung nicht selten auf Unverständnis. Sein Konzept geht laut eigener Aussage aber auf. Reich wird er damit nicht, aber der Insektenreichtum in seinen Flächen ist enorm. Dies prüfte auch ein Wissenschaftler des Senckenberg-Museums. Schmetterlingsexperte Dr. Matthias Nuß hält dies für ein Projekt, das für ganz Deutschland funktionieren könnte. 

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