Sie sind hier:

Pilotprojekt für Muslime in Köln - Öffentliche Gebetsrufe bald Normalität?

Datum:

Jeden Freitag dürfen Moscheen in Köln nun über Lautsprecher zum Gebet rufen. Dass öffentliche Gebetsrufe in ganz Deutschland bald Normalität werden, glauben Islam-Vertreter nicht.

Ditib Zentralmoschee Köln-Ehrenfeld
Die Ditib-Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld gehört zu den Orten, von wo aus Gebetsrufe öffentlich übertragen werden könnten. (Archivbild)
Quelle: dpa

Der Gebetsruf gehört im Islam zu den festen Ritualen. In mehrheitlich muslimischen Ländern ist die Klangkulisse sich überlagernder Lautsprecher-Rufe der zahlreichen Moscheen normaler Teil des Alltags. In Deutschland sind öffentlich hörbare Muezzin-Rufe bis auf einige Ausnahmen Seltenheit.

Modellprojekt in Köln

Die Stadt Köln hat jetzt ein Modellprojekt gestartet. Seit Freitag ist allen 45 muslimischen Gemeinden der Stadt für zwei Jahre gestattet, jeden Freitag für wenige Minuten einen Gebetsruf öffentlich zu übertragen. Gemeinden, die sich beteiligen möchten, müssen bei der Stadt einen Antrag stellen.

An Bedingungen wie Lärmschutz sind die Gebetsrufe weiterhin geknüpft. Die Gemeinden müssen Anwohner vorab informieren und einen Ansprechpartner für Beschwerden benennen.

Gemischte Reaktionen auf Kölner Ankündigung

Die Ankündigung von Oberbürgermeisterin Henriette Reker stieß auf erwartbar geteiltes Echo. Gegenüber "Bild" sprachen Gegner von einem "schrecklichen Ruf" und "Parolen des gewalttätigen Islamismus". Reker verteidigte das Projekt:

Den Muezzin-Ruf zu erlauben ist für mich ein Zeichen des Respekts.
Henriette Reker, Oberbürgermeisterin von Köln

Abdassamad El Yazidi, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, lobte die Initiative im Gespräch mit ZDFheute: "Das ist ein positives Zeichen für die in der Verfassung verankerte Religionsfreiheit. Religiosität darf sichtbar und hörbar sein in unserem Land."

Ein Klick für den Datenschutz

Erst wenn Sie hier klicken, werden Bilder und andere Daten von Drittanbietern nachgeladen. Ihre IP-Adresse wird dabei an externe Server (Facebook, Google, Instagram, Twitter, etc.) übertragen. Über den Datenschutz dieser Anbieter können Sie sich auf den jeweiligen Seiten informieren. Um Ihre künftigen Besuche zu erleichtern, speichern wir Ihre Zustimmung in einem 'ZDF-Cookie'. Diese Zustimmung können Sie in den Einstellungen unter 'Mein ZDF' jederzeit widerrufen. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Wie sind muslimische Gebetsrufe in Deutschland geregelt?

"Es gibt in Deutschland kein Gesetz, das den Gebetsruf verbietet, letztlich geht es um die Lärmschutzbestimmungen", erklärt El Yazidi. "Und doch sind es nur einzelne Gemeinden, die so einen Schritt überhaupt in Erwägung ziehen. Das wird sich auch danach nicht ändern."

Für die Genehmigung öffentlicher Gebetsrufe sind die Städte und Gemeinden zuständig. 1985 klagte eine muslimische Gemeinde erfolgreich den öffentlichen Gebetsruf ein. Andere Städte, vor allem in Nordrhein-Westfalen, folgten.

Zu Feiertagen, im Ramadan oder auch während der Corona-Krise gibt es zusätzliche Genehmigungen. Eine Statistik, wie oft der Adhan oder Azan genannte Gebetsruf öffentlich stattfindet, gibt es nicht.

Es gibt Gemeinden in Deutschland, wo unbeachtet von medialer Berichterstattung seit Jahrzehnten der Gebetsruf über Lautsprecher stattfindet.
Abdassamad El Yazidi, Zentralrat der Muslime

"Für viele Gemeinden ist das aber nicht die Priorität Nummer eins. Ausgerufen wird ja in allen Moscheen in Deutschland, aber meist innen und leise. Auch ohne Lautsprecher könnten die religiösen Vorschriften eingehalten werden, so El Yazidi.

In Bayern soll es ab September das Wahlpflichtfach „Islamischer Unterricht“ geben. Das Fach wird an mehr als 350 Schulen angeboten. Kritiker planen eine Verfassungsklage.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Angst vor Anfeindung hält Moschee-Gemeinden ab

Auch die Angst vor Angriffen und Ressentiments könnte Gemeinden davon abhalten, sich um öffentliche Gebetsrufe zu bemühen. "Viele Gemeinden, die vielleicht ein Interesse an einem Zeichen nach Außen hätten, überlegen sich das zweimal", sagt El Yazidi.

Es gab ganz üble Artikel, in denen der Gebetsruf von der sogenannten Islamkritiker-Szene als Aufruf zum Krieg interpretiert wird. Das ist die erwartbare dunkle Seite dieser Debatte.
Abdassamad El Yazidi, Zentralrat der Muslime

Ein Imam, der diese Erfahrung machen musste, ist Benjamin Idriz - er leitet die Islamische Gemeinde Penzberg nahe München.

"2020 wollten wir gemeinsam mit den Kirchengemeinden in Penzberg ein Zeichen setzen. Dass wir noch da sind in der Pandemie, dass die Menschen nicht in Angst leben müssen", berichtet Idriz ZDFheute.

Penzberg: Vorhaben nach Demo von außen gestoppt

Er habe einen öffentlichen Gebetsruf für einen Freitag angeregt. Aus der Lokalpolitik und von Pfarrer-Kollegen habe er Rückhalt bekommen - es folgte eine Diskussion mit Leserbriefen in der Zeitung.

"Dann kam eine Gruppe von Islamgegnern aus München und hat stundenlang in der Stadt demonstriert, das Anliegen von außen politisiert", erzählt Idriz. "Wegen dieser Unruhe habe ich meine Bitte wieder zurückgezogen. Wir brauchen dafür wohl etwas mehr Zeit."

In Deutschland haben zwei Musliminnen den säkularen Islam kennengelernt. Mit ihrer Initative wollen sie sich nun auch für Gleichberechtigung einsetzen.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Wird es künftig mehr öffentliche Gebetsrufe geben?

Es sei wichtig, dass der öffentliche Gebetsruf als Bereicherung und nicht als Bedrohung verstanden werde, sagt Idriz. "Wir Muslime müssen erklären, was der Gebetsruf genau bedeutet. Er ist kein Zeichen der Macht, sondern ein normaler Teil des Gebets selbst."

Idriz, der auch Vorsitzender des Münchner Forum für Islam ist, sagt, dass es für die bayerische Landeshauptstadt bislang keine Pläne wie in Köln gebe.

Ich finde aber nicht, dass der öffentliche Gebetsruf im Mittelpunkt der Islamdebatte in Deutschland stehen sollte.
Benjamin Idriz, Islamische Gemeinde Penzberg

Idriz wie El Yazidi betonen, dass die muslimische Community wichtigere Anliegen als den öffentlichen Gebetsruf habe, etwa Integrations- und Bildungsarbeit. Am Freitag - dem ersten möglichen Termin des Kölner Pilotprojekts - blieb es jedoch ruhig. Noch erklang von keiner Moschee der Gebetsruf über Lautsprecher.

Heinrich Bedford-Strohm während eines Medienkongresses in Mainz.

EKD-Ratsvorsitzender - Bedford-Strohm offen für Muezzin-Ruf in Köln 

Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm ist offen für den Muezzin-Ruf in Köln. Dass Muslime hier ihre Religion ausübten, gehöre für ihn zu einer demokratischen Gesellschaft.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.