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Sollen Muezzine zum Gebet rufen? - Islam-Experten uneinig über Gebetsrufe

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In Köln dürfen Moscheen freitags über Lautsprecher zum Gebet rufen. Ein Schritt zur Integration oder theologisch gar nicht nötig? Fachleute haben dazu keine eindeutige Position.

Für Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, B'90/Grüne, zählt der Muezzin-Ruf zur freien Religionsausübung, für Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide dagegen ist das "kein Bestandteil des muslimischen Gebets".

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Es gibt in Deutschland Moscheen, von denen aus seit Jahrzehnten teilweise täglich über Lautsprecher zum muslimischen Gebet gerufen wird. Große Aufregung gibt es wegen diesen wenigen Gotteshäusern nur selten. Anders ist das aktuell in Köln: Seit dem 8. Oktober erlaubt die Stadt allen 45 muslimischen Gemeinden, jeden Freitag für wenige Minuten öffentlich zum Gebet zu rufen.

Obwohl sich zu diesem erklärten Modellprojekt bislang keine einzige Gemeinde angemeldet hat, wird seit Tagen über das Angebot diskutiert. So auch im ZDF-Morgenmagazin zwischen den Islamwissenschaftlern Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, und Lamya Kaddor, die für die Grünen gerade in den Bundestag eingezogen ist.

Steht Muslimen der öffentliche Gebetsruf rechtlich zu?

Kaddor unterstützt das Kölner vorhaben, Muslime hätten ein Anrecht auf freie Religionsausübung.

Es ist schlichtweg ein verbrieftes Recht in Deutschland, dass Staatsbürger ihre Religion frei ausüben.
Lamya Kaddor, Grünen-Bundestagsabgeordnete

Stellte man das in Frage, müsste man auch diskutieren, "ob Religion im öffentlichen Raum überhaupt keinen Platz haben soll", sagte Kaddor.

Für Khorchide ist hingegen die zentrale Frage, ob es unter Muslimen überhaupt einen Bedarf nach solchen öffentlichen Gebetsrufen gibt. "Die Studie Muslimisches Leben in Deutschland zeigt, dass gerade ein Drittel der Muslime überhaupt zum Freitagsgebet geht", sagt Khorchide.

In der vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erstellten Studie wird jedoch nicht explizit nach dem Besuch des Freitagsgebets gefragt. 35 Prozent der befragten Muslime gaben an, "häufig" religiöse Veranstaltungen zu besuchen, 35,9 Prozent gaben "selten" an, 29 Prozent "nie".

Ich finde es sehr wichtig, dass man in einem demokratischen System die betroffene Bevölkerung vor Ort befragt, Muslime wie auch Nichtmuslime.
Mouhanad Khorchide, Universität Münster

Drei Viertel aller Deutschen lehnen es einer aktuellen Civey-Umfrage zufolge ab, dass der Muezzin-Ruf "genauso selbstverständlich sein soll wie die christlichen Krichenglocken".* Nur 18 Prozent sprechen sich klar dafür aus. Kaddor weist jedoch darauf hin, dass es keine Umfragewerte gibt, die ein Stimmungsbild nur unter Muslimen zeichnen.

Heinrich Bedford-Strohm während eines Medienkongresses in Mainz.

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Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm ist offen für den Muezzin-Ruf in Köln. Dass Muslime hier ihre Religion ausübten, gehöre für ihn zu einer demokratischen Gesellschaft.

Welche religiöse Bedeutung hat der Gebetsruf?

In vielen islamischen Ländern erklingt der öffentliche Gebetsruf fünf mal täglich. Er sei eine "wichtige und obligatorische" Einleitung des Gebets, erklärt Kaddor.

Jeder Muslim oder jede Muslimin, die fünfmal, einmal wie auch immer oft am Tag betet, spricht selbst den Gebetsruf vorher einmal bevor man mit dem Gebet beginnt. Insofern gerade für das Freitagsgebet ist es durchaus wichtig und obligatorisch, dass der Gebetsruf einmal wenigstens gerufen wird.
Lamya Kaddor, Grünen-Bundestagsabgeordnete

Auch hier widerspricht Khorchide. Theologisch sei der Ruf nicht zwingend notwendig:

Aus muslimisch-theologischer Perspektive ist es kein Bestandteil des Gebets. (...) Anders als wenn wir jetzt über das fünfmalige Gebet oder das Fasten im Ramadan sprechen würden. Das gehört zu den Säulen des Islams. Aber der Gebetsruf doch nicht.
Mouhanad Khorchide, Universität Münster

Welche Botschaften stecken im muslimischen Gebetsruf?

"Der muslimische Gebetsruf beinhaltet das muslimische Glaubensbekenntnis und ruft Muslime explizit zum muslimischen Gebet", erklärt Khorchide. Dass das Glockenläuten dem gegenüber eine neutralere Form der Einladung zu einer religiösen Veranstaltung ist, verneint Kaddor:

"Das Glockenläuten in Deutschland oder egal wo auf der Welt impliziert, dass man auch damit einen gewissen Missionarsanspruch verbindet. Deshalb ist es eigentlich nichts anderes. Tatsächlich, denn auch das Glockengeläut lädt zum Gebet ein", sagt die frühere Religionslehrerin und Buchautorin Kaddor.

Fünfmal täglich per Lautsprecher zum Gebet gerufen zu werden, hält auch Kaddor für überzogen: "Für meinen Geschmack wäre das in der Tat auch zu viel. Aber an einem zentralen Gebet, dem Freitag zum Mittagsgebet für fünf Minuten in einer gewissen Lautstärke, dann muss das zumutbar sein für die Bevölkerung in einem Einwanderungsland."

*Hinweis, 28.10.2021: In einer früheren Text-Version hieß es an dieser Stelle, drei Viertel aller Deutschen würden einer Civey-Umfrage zufolge öffentliche Gebetsrufe ablehnen. Diese Formulierung war mit Blick auf die exakte Formulierung in der Umfrage leicht verkürzt und wurde darum präzisiert.

Ditib Zentralmoschee Köln-Ehrenfeld

Pilotprojekt für Muslime in Köln - Öffentliche Gebetsrufe bald Normalität? 

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von Nils Metzger
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