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Diversität und Diskriminierung - Japan und der "Naomi-Effekt"

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Lange wurden Japaner mit einem nicht-japanischem Elternteil diskriminiert. Nun macht das Land zwei Afro-Japaner zu Gesichtern Olympias in Tokio. Hat sich also etwas geändert?

Osaka Naomi in Aktion am 19.07.2021 in Tokio.
Tennisspielerin Naomi Osaka - Tochter einer Japanerin und eines Haitianers - entzündete das olympische Feuer.
Quelle: Reuters

"Im Leichtathletikclub nach der Schule habe ich mich beim Training echt reingehängt", sagt Raimu Kaminashi, Model und japanische "Miss Universe"-Vize sowie angehende IT-Fachfrau. "Aber die anderen erkannten mich und meine Leistung nicht an. Sie mieden mich, versteckten sogar meine Running-Spikes."

Rassismus-Erfahrungen in der Schule

Knapp zehn Jahre ist es her, da tuschelten Mitschüler hinter ihrem Rücken. Sie sei ja nur so sportlich aufgrund ihres Vaters. Der ist nämlich Nigerianer, also schwarz und kräftig. Klar, dass dessen Tochter Raimu Kaminashi als sogenannte Haafu vor allem deswegen schneller als alle anderen in der Schule sei.

Ein "Halber" oder eine "Halbe", "halber Japaner" oder "halbe Japanerin" - die Zuschreibung "Haafu" grenzt aus, deutet eine Nichtzugehörigkeit innerhalb der japanischen Gesellschaft an, sagt deutlich: "Du gehörst nicht zu uns."

Raimu Kaminashi
Raimu Kaminashi wurde diskriminiert: "Viele Sachen, die Hater gegenüber Naomi Osaka geäußert haben - sie sei keine Japanerin und dergleichen - habe ich auch erfahren."
Quelle: instagram.com/raimu.kaminashi_official

Für Raimu keine leichte Zeit, diese Ausgrenzung setzt sie unter Druck. Als Mädchen lehnt sie bunte Klamotten ab, die ihre Mutter so mag, um nicht noch weiter aufzufallen. Partout besteht sie darauf, Japanisch zu sprechen, selbst wenn ihre Mutter gerne auf Englisch zurückgreift. Schließlich sagen einige Bekannte, Raimu benehme sich japanischer als manche Japanerin.

"Eine Form milder Aggression"

Dieser soziale Druck sei klassisch japanisch. "Es ist eine Form milder Aggression", sagt Julian Keane, Forscher an der Städtischen Universität in Osaka, Autor sozialwissenschaftlicher Bücher und Mitbegründer des Webportals Haafu Talk.

Es mögen zwar positive Assoziationen wie Musikalität oder Sportlichkeit sein, aber die Errungenschaft der Person werden dadurch auf den Begriff Rasse reduziert.
Julian Keane, Forscher an der Städtischen Universität in Osaka

In Japans Gesellschaft und Politik war Rassismus lange kein Thema. "Rassismus wäre vernachlässigbar, hieß es", sagt Keane. "Das sei ein Problem Amerikas oder Afrikas und meine Forschung von daher überflüssig. Ich nenne das Hinin Racism, den Abstreiterrassismus."

Bis 1970 kaum internationale Pärchen in Japan

Im Inselreich stehen etwa 125 Millionen Japanern, Tendenz sinkend, rund 2,7 Millionen in Japan lebenden Ausländern, Tendenz steigend, gegenüber. Die japanischen Behörden erfassen jedoch nur die Staatsangehörigkeit und nicht das ethnische Zugehörigkeitsgefühl als Grundlage für ihre Statistik.

Über die Größe der "Haafu Community" lässt sich nur indirekt Aufschluss gewinnen - etwa über internationale Hochzeiten. Von denen gab es nach Ministeriumsangaben zuletzt etwas mehr als 20.000 pro Jahr, zumeist innerasiatisch. Zwar sind die Zahlen rückläufig, doch in Japan heiratet man allgemein weniger.

Fest steht: Die Zahl der Haafu steigt, denn bis 1970 gab es fast keine internationalen Pärchen in Japan.

Hachimura und Osaka: Gesichter Japans bei Olympia

Zwei Haafu wurden nun zu Gesichtern Japans bei Olympia. Zur Eröffnungsfeier trug Basketballstar Rui Hachimura den Hi no Maru, Japans Flagge, ins Stadion. Die meinungsstarke Tennisgröße Naomi Osaka zierte schon vorher viele Werbekampagnen japanischer Firmen. Nun wurde sie zur Fackelträgerin, die das olympische Feuer für Nippon entfachte.

Die Olympischen Spiele in Tokio sind eröffnet. Japans Tennisstar Naomi Osaka entzündete bei einer Eröffnungsfeier vor fast leeren Rängen das olympische Feuer.

Beitragslänge:
10 min
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Forscher Keane ist überzeugt, dass die japanische Gesellschaft und besonders deren Elite noch nicht offen für Diversität ist, dennoch habe sich bereits etwas getan.

Dass Haafu wie Naomi Osaka oder der Basketballer Rui Hachimura derart offen Japan als Sportler vertreten dürfen, das hätte es vor zehn Jahren nicht gegeben, obwohl schon damals viele Haafu im Kader waren.
Julian Keane, Mitbegründer des Webportals Haafu Talk

Der Begriff dessen, was japanisch sei, hat sich also erweitert. "Doch in einer japanischen Firma oder Partei werden Haafu noch immer nicht als Führungskräfte akzeptiert", so Keane.

Rui Hachimura am 29.07.2021 in Tokio
Bei der Eröffnungsfeier in Tokio trug Rui Hachimura gemeinsam mit Ringerin Yui Susaki die Fahne seines Landes.
Quelle: AP

Naomi Osaka: Stolz auf sich als "Blasian"

Model Kaminashi ist heute nicht nur, aber auch dank Naomi Osaka eine selbstbewusste "Blasian": eine Black Asian. "Viele Sachen, die Hater gegenüber Naomi Osaka geäußert haben - sie sei keine Japanerin und dergleichen - habe ich auch erfahren", sagt Kaminashi.

Osaka spricht offen über diesen Missstand und Millionen hören zu, wenn sie sagt, dass sie stolz auf sich als "Blasian" sei. Vielen Japanern wird jetzt erst bewusst, dass es Blasians und Haafus überhaupt gibt.

Ich ziehe daraus auch eine Motivation für mich selbst: Was Naomi weltweit durch den Sport leisten kann, kann ich hier in Japan durch meine Arbeit wie zum Beispiel in der Modelbranche erreichen.
Raimu Kaminashi, Model
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