"Merii Kurisumasu" - Weihnachten in Japan mit Fast Food

    Weihnachten in Japan:"Merii Kurisumasu" mit Fast Food und Lichtern

    Elisabeth Schmidt
    von Elisabeth Schmidt, Japan
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    In Japan gibt es kaum Christen, viele Menschen feiern dennoch Weihnachten. Nur anders als in Europa. Mit einem Meer aus Lichtern, aber auch einem Date und frittiertem Hähnchen.

    An Weihnachten lassen es Freunde und Paare in Japan gerne auf einer Party krachen. Der Jahreswechsel ist dann der besinnlichere, spirituelle Feiertag, eine Zeit für den engsten Kreis der Familie. Obwohl der 24. und 25. Dezember in Japan keine Feiertage sind und sich auch nur ein Prozent der Bevölkerung zum Christentum bekennt, wird das Fest im ganzen Land gefeiert.
    Überall gibt es sogenannte "Christmas Illuminations" zu bestaunen: Restaurants, Einkaufszentren, Freizeitparks und ganze Straßenzüge verwandeln sich in romantische Winterlandschaften, mit Millionen funkelnder Lichter. In diesem Jahr leuchten sie vielerorts allerdings nur von Sonnenuntergang bis etwa 22 Uhr, auch Japan muss Energie sparen.
    Weihnachtsdekoration in Tokio
    "Christmas Illuminations" wie hier in Tokio gibt es in vielen japanischen Städten.
    Quelle: imag/Lucas Vallecillos

    Importierte Weihnachtstraditionen aus Deutschland

    Etliche Weihnachtstraditionen wurden aus aller Welt übernommen: Ein Wesen namens "Santa Claus" bringt Kindern Geschenke. Gerade macht deutscher Stollen als Weihnachtsgebäck Karriere, so wie übrigens viele weitere Importe aus der Bundesrepublik.
    Wer den Weihnachtsmarkt in Tokio-Hibiya betritt, mag sich die Augen reiben: Eine meterhohe Stufenpyramide aus dem Erzgebirge prangt am Eingang, nebst Nussknackern, Steiff-Tieren, einem Stand mit Aufschrift "Gebrannte Mandeln" und einem mit "Guryuwine", die japanische Umschrift für "Glühwein". Auf der einen Seite des Marktes tanzt ein Ensemble japanischer Mädchen in roten Kleidern und Weihnachtssternen im Haar zu "Oh Du Fröhliche". Auf der anderen Seite wird deutsches Bier ausgeschenkt.
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    Die Erklärung ist simpel: Die ersten Weihnachtsmärkte sollen aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Japan hat sie um die Note Volksfest (und das im Vergleich zum Glühwein etwas alkoholärmere Bier) ergänzt.

    "Christmas Cake" als Wohlstands-Symbol

    Traditionelle Weihnachtskuchen
    Der traditionelle Weihnachtskuchen ist in Japan auch ein Zeichen des Wohlstands.
    Quelle: Elisabeth Schmidt

    Auf den Weihnachtstisch kommt vielerorts ein "Christmas Cake". Die Hauptzutaten sind rot und weiß, wie die japanische Nationalflagge: Erdbeerkuchen mit Sahne. Sogar einen "Christmas Cake"-Emoji gibt es heute.
    Laut Osami Kubota, Chef-Patissier eines Nobel-Hotels in Tokio, geht das Backwerk auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurück: Endlich gab es in Japan wieder Sahne zu kaufen. Ein Konditor in Tokio kam auf die Idee, Biskuitböden mit Erdbeeren und Sahne zu füllen. Der Kuchen wurde nicht nur zum Verkaufsschlager, sondern auch zum Symbol japanischen Wohlstandes.

    Frittiertes Huhn als Weihnachts-Tradition

    Ziemlich einzigartig ist diese Tradition: Viele Familien bestellen bereits Wochen vor Heiligabend bei der Fast Food-Kette "KFC" ihr Weihnachtsmenü vor. Das Phänomen geht auf einen Werbecoup aus den 1970er Jahren zurück: "Kentucky for Christmas" lautete ein Slogan, der Hühnchen in Japan als Truthahn-Alternative anpries.
    Das Maskottchen der Kette, Colonel Sanders, sah zufällig auch noch aus wie "Santa Claus" - seitdem strömen Zehntausende Japaner jedes Jahr an Heiligabend ins Schnellrestaurant oder lassen sich einen Eimer frittierter Hühnchen nach Hause liefern.
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    Heiligabend ist der zweite Valentinstag

    Das Fest der Liebe ist in Japan mittlerweile außerdem zu einer Art zweitem Valentinstag mutiert. Das Programm vieler Paare sieht so aus: Schick dinieren, Geschenke tauschen, durch die "Christmas Illuminations" flanieren und dann auf ein Hotelzimmer gehen. Unverheiratete Paare wohnen meist noch bei ihren Eltern.
    Heiligabend ist mittlerweile so romantisiert, dass Singles ohne "Christmas-Date" als "übrig gebliebener Weihnachtskuchen" bezeichnet werden. Einsamkeit an Heiligabend ist in Japan, dem Industrieland mit dem höchsten Durchschnittsalter, ein großes Thema.

    Verabredungen aus dem Automaten

    Aber Japan wäre nicht Japan, wenn findige Unternehmer nicht auch hierfür eine Lösung parat hätten: Dates aus dem Automaten. Analoges Online-Dating sozusagen. In einer blinkenden Gacha-Maschine, unter anderem in Tokio-Kamata, kann man sich für umgerechnet sieben Euro eine Telefonnummer ziehen.
    Auf den feil gebotenen Dosen sind das Alter und das Geschlecht der Person geschrieben, viele sind 70 Jahre und älter. Finden sich die beiden nach dem ersten Telefonat sympathisch, kommt es zum Date. Alles andere liegt dann vermutlich im Zauber der Weihnacht. In diesem Sinne: Frohes Fest! Oder wie man in Japan sagen würde: Merii Kurisumasu!
    Elisabeth Schmidt ist ZDF-Ostasien-Korrespondentin

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