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"Die Menschen haben keine Chance"

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Interview mit Tankred Stöbe - "Die Menschen haben keine Chance"

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Die humanitäre Lage im Jemen hat sich durch das Coronavirus noch einmal deutlich verschärft. Intensivmediziner Tankred Stöbe gibt Einblick in ein Land ohne Hoffnung.

Im Jemen sind die Menschen von Bürgerkrieg und Pandemie gleichzeitig bedroht. Die Bevölkerung ist dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.

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2 min
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ZDFheute: Wie ist die Lage vor Ort?

Tankred Stöbe: Der Jemen wird seit fünf Jahren von einem grausamen Bürgerkrieg heimgesucht. Die Menschen finden keine Ruhe. Beispiel Aden. Die Menschen dort haben etwa eine Stunde pro Tag Elektrizität. Wasser gibt es nicht mehr, es muss in Kanistern herbeigeschafft werden. Das heißt, die Grundbedingungen des Lebens sind schwierig:

Es gibt nicht genügend zu essen, die Menschen haben kein Einkommen mehr.

Seit Jahren werden Ärzte und Lehrer nicht mehr bezahlt. In solch einer Situation ist es extrem schwierig, mit einer Pandemie wie Covid-19 umzugehen. Die Epidemie ist im Jemen ungebremst eingebrochen und hat unglaublich viele Tote und Infizierte gezeigt, die aber von den offiziellen Zahlen nicht widergespiegelt werden, weil die Kapazitäten zum Testen nicht da sind.

ZDFheute: Wie ist die gesundheitliche Situation?

Stöbe: Malaria und Dengue-Fieber passieren weiter. Und auf Covid-19 war das Land überhaupt nicht vorbereitet und es gab auch nicht die entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten.

Wir hatten im Covid-Center, was wir im Mai mit 40 Betten inklusive einer Intensivstation eröffnet haben, keinen Sauerstoff. Wir mussten diesen in Sauerstoffzylindern einzeln transportieren und im Stunden-Rhythmus austauschen. Die Menschen dort waren nicht adäquat behandelbar.

Bürgerkrieg, Hunger und Krankheit –im Jemen sind Not und Leid zum ständigen Begleiter geworden.

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ZDFheute: Wie schwierig ist es als Mediziner, wenn man explizit zum Helfen hinfährt und merkt, dass man eigentlich nicht in dem Umfang helfen kann, in dem man es möchte?

Stöbe: Das ist schwierig. Zumal, wenn ich auf Covid-19 schaue, ist das eine Katastrophe mit Ansage und wir haben seit vielen Monaten weltweit Zeit gehabt uns darauf vorzubereiten, entsprechend die Krankenhäuser auszurüsten.

Hier zeigt sich in dramatischer Art und Weise, wie ein Land, ein "failed state", wo einfach von gar nichts genügend da ist, wie ein solches Land völlig unvorbereitet in eine solche Katastrophe geht.

ZDFheute: Sie haben den Jemen als "failed state" bezeichnet - hat die Weltöffentlichkeit zu wenig hingeschaut?

Stöbe: Viel zu wenig. Der Jemen zählt zu den großen humanitären Krisen dieser Zeit. Hinzu kommt: Es ist ein völlig abgeriegelter Konflikt. Die Menschen haben keine Chance zu fliehen. Das Land ist auf zwei Seiten vom Meer umgeben, im Osten ist eine lange Wüste bevor der Oman kommt und der Norden - Saudi-Arabien - ist Feindesland geworden, also nicht mehr zugänglich.

Die Menschen haben keine Chance.

Wir sehen viele binnenvertriebene Menschen im Jemen, aber wir sehen keine Chance für diese Menschen aus dem Konflikt herauszukommen. Es kommt aber auch zu wenig Hilfe rein.

Immer wieder werden die Seehäfen blockiert, die Flughäfen geschlossen. Für uns als Hilfsorganisation ist es schwierig genügend Menschen, genügend Hilfsmittel in das Land zu bekommen. Die Welt muss da hinschauen und vor allem helfen. Sonst ist eine Besserung nicht denkbar.

Helfer mit Desinfektionsspray

Bürgerkrieg und jetzt Corona -
Jemen: Die Krise in der Krise
 

Der Jemen zählt zu den größten humanitären Krisen. Das Land ist arm und hat ein kollabiertes Gesundheitssystem.

von Florence-Anne Kälble

ZDFheute: Die jemenitische Bevölkerung ist anders strukturiert - man lebt generationsübergreifend in Großfamilien und der Umgang untereinander ist von sozialer Nähe geprägt.

Stöbe: Die sozialen Traditionen in diesem Land erschweren alles, was "social distancing" angeht oder auch Hygienemaßnahmen. Aber es gibt dramatischere Mangelzustände: Erstens, es gibt kein Wasser. Die Menschen aufzufordern sich die Hände zu waschen ist fast zynisch, wenn es kein Wasser gibt.

Zweitens sind natürlich in einem Land, in dem dauernd Bomben explodieren und in dem geschossen wird, diese Gefahren für die Menschen sehr viel plastischer, bedrohlicher, auch eben tödlicher.

Insofern habe ich fast eine gewisse Sympathie, dass diese Menschen sich auf das fokussieren, was sie sehen und das ist eben der Bürgerkrieg. Und wenn dann noch ein unsichtbares Virus ungebremst durch die Gesellschaft geht, dann ist jede Hilfe zu spät.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble

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