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Prozess gegen IS-Rückkehrerin - Machtlos oder mörderisch - Fall Jennifer W.

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Kriegsverbrecherin, die für den Tod einer Fünfjährigen mitverantwortlich ist oder Opfer eines brutalen IS-Anhängers? Am Montag fällt das Urteil gegen IS-Rückkehrerin Jennifer W.

Archiv: Die Angeklagte Jennifer W. hält auf ihrem Sitz im Gerichtssaal einen roten Aktendeckel vor ihr Gesicht.
Die Angeklagte Jennifer W. beim Prozess 2019. (Archivbild)
Quelle: dpa

Am Münchner Oberlandesgericht fällt das Urteil im Terrorprozess um eine IS-Rückkehrerin. Ihr werden unter anderem Versklavung mit Todesfolge und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Worum geht es in dem Prozess?

Ein fünfjähriges Mädchen wird im irakischen Falludscha unter sengender Hitze angebunden und stirbt offenbar. Die kleine Rania und ihre Mutter Nora gehören zu der vom sogenannten Islamischen Staat (IS) verfolgten Religionsgemeinschaft der Jesiden. Beide sollen als Sklaven gehalten und immer wieder misshandelt worden sein.

Acht deutsche Frauen und ihre 23 Kinder hat die Bundesregierung aus Syrien zurückgeholt. Die Frauen hatten sich dem IS angeschlossen und lebten zuletzt in einem Gefangenenlager.

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2015 kommen Rania und Nora zu der Angeklagten Jennifer W. und ihrem damaligen Mann, dem IS-Anhänger Taha. Als die Kleine krank ist und ins Bett macht, soll sie Taha zur Strafe an ein Fenster gebunden haben, bis sie qualvoll verdurstet. Jennifer W. tut laut Anklage nichts, um den Tod des Kindes zu verhindern.

Was sagt Jennifer W. zu den Vorwürfen?

Die Frau mit den langen dunklen Haaren hat lange geschwiegen. Als sie sich endlich äußert, räumt sie nur die IS-Mitgliedschaft ein.

Was mit Rania geschah, stellt sie anders dar: Sie habe dem Mädchen helfen wollen, sei aber machtlos gewesen. Für Ranias Leiden sei allein ihr Ex-Mann Taha zuständig. Jennifer W. beschreibt ihn als brutalen Menschen, der auch sie selbst attackiert habe.

Sie zweifelt allerdings an, dass Rania tatsächlich tot sei. Taha habe das Mädchen nach dem Zusammenbruch ins Krankenhaus gebracht. Was dann mit ihr passiert ist, bleibt offen. "Ich werde nie aufhören zu hoffen, dass das Kind doch noch gefunden wird", erklärt Jennifer W. Worte, die sie kühl und distanziert von einem Blatt Papier abliest.

Was weiß man über Jennifer W.?

Die heute Dreißigjährige wächst im niedersächsischen Lohne auf. Sie hat kaum Freunde. Nach der 8. Klasse verlässt sie die Schule, hat keine Ausbildung, keinen Job. Sie interessiert sich zunehmend für den Islam und beginnt sich zu verschleiern. Nur so habe sie sich wohl gefühlt, erzählt sie.

Die Angeklagte mutmaßliche IS-Rückkehrerin sitzt vor Prozessbeginn auf ihrem Platz in der ersten Reihe im Gerichtssaals am 10.03.2021.

Mutmaßliche IS-Terroristin - Totes Mädchen: Jennifer W. bricht Schweigen 

Jennifer W. soll tatenlos zugesehen haben, wie ein Kind verdurstete. Seit zwei Jahren läuft der Prozess. Jetzt brach die mutmaßliche IS-Terroristin ihr Schweigen.

2014 reist sie nach Syrien, lebt in Frauenhäusern, heiratet erst einen IS-Kämpfer und, nachdem diese Ehe scheitert, Taha. Mit ihm geht sie nach Falludscha. 2016 kehrt sie schwanger nach Deutschland zurück. Nach der Geburt ihrer Tochter will sie wieder in den Irak. Das Leben beim IS sei das Beste für sie gewesen.

Auf dem Weg dahin berichtet sie 2018 ihrem Fahrer von ihrer Arbeit für die Sittenpolizei und von Ranias Tod. Doch der Mann ist kein IS-Anhänger, sondern V-Mann der Polizei. Heute sagt sie, sie habe Unwahrheiten erzählt, um sich wichtig zu machen.

Was hat das Verfahren so besonders gemacht?

Der Prozess in München gilt als erster, in dem auch Kriegsverbrechen an Jesiden verfolgt werden.

Schwierig gestaltet sich die Aussage der Kronzeugin des Prozesses: Nora. Die Mutter des verdursteten Mädchens ist 47 Jahre alt, wirkt jedoch deutlich älter und ist psychisch angeschlagen. Noch immer leidet sie unter den Folgen jahrelanger Demütigung und Versklavung. Wegen eines Sprachfehlers ist sie schwer zu verstehen. Oft verstrickt sie sich in Widersprüche, bringt einiges durcheinander. Sie kann weder lesen noch schreiben.

Was droht der Angeklagten?

Die Bundesanwaltschaft wertet das Handeln von Jennifer W. u.a. als Kriegsverbrechen und fordert lebenslange Haft. W.‘s Verteidiger halten nur eine Verurteilung wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung für gerechtfertigt. Angemessen seien maximal zwei Jahre Haft.

Jennifer W. nutzt ihr Schlusswort für einen Angriff auf die Justiz. An ihr solle ein Exempel statuiert werden. Jeder Versuch der Verteidigung, Zeugen zu ihrer Entlastung zu laden, sei vom Gericht unterbunden worden. "Es ist für mich unbegreiflich, zu welchem Unmenschen ich hier degradiert wurde", so ihr Vorwurf. Am Montag um 10 Uhr verkündet der Senat sein Urteil.

Petra Neubauer ist Redakteurin im ZDF-Landesstudio in München.

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