Avital Grinberg im Interview: Es ist Zeit für Veränderung

    Interview

    Avital Grinberg im Interview:"Chutzpah Time": Es ist Zeit für Veränderung

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    Avital Grinberg tritt als Aktivistin und EUJS-Präsidentin ein für junge jüdische Belange. Ein Gespräch über Sorgen, Ängste und Wünsche, Identität und notwendige Veränderungen.

    Avital Grinberg, Aktivistin und Präsidentin der "European Union of Jewish Students"
    Avital Grinberg ist Aktivistin und Präsidentin der "European Union of Jewish Students"
    Quelle: Alexandre Liebhaberg

    ZDFheute: Wie ging es den jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland im Jahr 2022? Welche Sorgen, Ängste und Wünsche hatten sie?
    Avital Grinberg: 2022 sind viele unterbewusste Ängste offensichtlich geworden: Wir mussten vermehrt antisemitische Vorfälle und problematische gesellschaftliche Diskurse erleben. Ich denke dabei beispielsweise an die Documenta.
    Auch die Wahlen in Israel mit dem Ruck nach rechts waren problematisch. Allen voran überschattet aber der Krieg in der Ukraine das Jahr. Man darf nicht vergessen, dass 50 Prozent der jüdischen Community in Deutschland einen ukrainischen Hintergrund hat - und einen postsowjetischen Hintergrund sogar haben 95 Prozent aller Jüdinnen und Juden in Deutschland.

    Avital Grinberg, Aktivistin und Präsidentin der "European Union of Jewish Students"
    Quelle: Alexandre Liebhaberg

    ... ist in Berlin bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Ihre Eltern sind aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Die 26-Jährige hat an der Humboldt-Universität in Berlin Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaften sowie Jüdische Erziehung in Jerusalem studiert. Im August wurde sie zur Präsidentin der Europäischen Union Jüdischer Studierender gewählt. Die European Union of Jewish Students, kurz EUJS, ist eine der wichtigsten Interessenvertretungen in Brüssel und ist die direkte Ansprechpartnerin der EU für junge jüdische Belange.

    ZDFheute: Haben Sie die Hoffnung, dass 2023 besser und erfreulicher wird?
    Grinberg: Im Moment gibt es für mich wenig Anlass zur Hoffnung auf Besserung. Für die jüdische Community wird zudem sehr herausfordernd sein, dass viele junge jüdischen Aktivistinnen und Aktivisten 2022 sehr erschöpft und ausgebrannt verlassen.
    Doch die jüdischen Gemeinden brauchen diese jungen Leute, die sich einbringen - dringend. Vor allem haben viele meiner Generation hier in Deutschland auch eine große Aufgabe: sich ihr Judentum wieder von Neuem zu erarbeiten. Und: Vor einem Monat hat die Bundesregierung die erste Nationale Strategie gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben vorgestellt. Darin sehe ich Potenzial und bin gespannt, was sie mit sich bringen wird.
    ZDFheute: Was ist mit der Aufgabe, sich das Judentum von Neuem zu erarbeiten, verbunden?
    Grinberg: Ich kann das gut an meiner eigenen Geschichte festmachen: Wie viele kam auch meine Mutter aus der ehemaligen Sowjetunion ohne Ahnung von den jüdischen Traditionen nach Deutschland. Denn dort war das jüdische Leben zum Großteil nicht existent und jüdisch sein wurde nur als Ballast empfunden.
    Meine Aufgabe war es, die Schönheit des Jüdischseins wieder in die Familie zurückzubringe. Und zu zeigen, wofür jüdisch sein noch steht, außer dafür, dass es einem scheinbar nur das Leben schwer macht.
    ZDFheute: Was ist diese junge jüdische Identität in Ihren Augen?
    Grinberg: Die junge jüdische Identität ist vor allem mit Neugierde und Hingabe verbunden. Die Neugierde ist der Motor, der unser Engagement antreibt. Mit Hingabe verbinde ich, dass ich gerade im vergangenen Jahr zahlreiche junge Leute erleben durfte, die Spannendes auf den Weg gebracht haben – vom Buch bis zum Podcast.
    All das trägt dazu bei, die junge jüdische Identität darzustellen, so wie sie ist: plural, divers und tiefgründig. Sie reicht von säkular bis religiös und von politisch engagiert bis völlig desinteressiert. Sie ist verbunden mit der Suche danach, wie man jüdische Wertvorstellungen mit politischen und gesellschaftlichen Werten vereinen kann.
    ZDFheute: Leider gehört auch Antisemitismus nach wie vor zum Alltag. Welche Rolle spielt dieser in Ihrem Leben?
    Grinberg: Antisemitismus ist leider für viele junge Jüdinnen und Juden wieder vermehrt Teil des Alltags. Wir erleben ihn auf struktureller Ebene, auf der Straße und an Universitäten oder im Internet. Hinzu kommt aber auch die Diskrepanz, wie wir uns selbst sehen und wie die Außenwahrnehmung ist.
    Antisemitische Fotocollagen im Internet
    Ohne Konsequenzen für die Täter21.06.2022 | 7:54 min
    Denn ich selbst denke mir: "Ich bin doch auch deutsch". Diese Normalität kommt mir medial und gesellschaftlich zu kurz. Dagegen steht die Perspektive, dass jüdisches Leben in Deutschland immer noch als exotisch und fremd betrachtet wird. Sich darin wiederzufinden, ist schwierig.
    ZDFheute: Sie bezeichnen sich selbst als radikale Idealistin. Was ist für Sie mit dieser Eigenschaft verbunden?
    Grinberg: Für mich ist damit der Slogan "Chutzpah Time!" verbunden. Der Begriff "Chutzpah" lässt sich nur schwer übersetzen. Er bedeutet so viel, wie auf charmante Art dreist zu sein oder "frecher Mut". Genau das fehlt in meinen Augen in Politik und Gesellschaft: authentische, zugängliche, leidenschaftliche, proaktive und emotional-intelligente Personen, die zugleich nicht auf den Mund gefallen sind und auch mal frech auf den Tisch hauen können. Das möchte ich sein.
    Es ist Zeit für diese Veränderung. Für mich geht es darum, dass mein Handeln von Idealen geleitet wird, ich diese unterwegs niemals vergesse, sondern meinen Weg straight gehe und unermüdlich für diese Werte einstehe.
    Das Interview führte Michael Kniess.