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Leichenfunde offenbaren - Wie indigene Kinder in Kanadas Heimen litten

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In Kanada sind an Internaten für indigene Mädchen und Jungen sterbliche Überreste von mehr als 1.000 Kindern entdeckt worden. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Zwei Frauen und ein Mädchen hören zu, während eine Gruppe Jugendlicher vor der ehemaligen Kamloops Indian Residential School trommelt und singt am 05.06.2021.
Nach der Entdeckung eines Massengrabs mit Überresten von 215 Kindern auf dem Gelände eines früheren Internats für Indigene in Kanada verlangen UN-Menschenrechtsexperten Aufklärung.
Quelle: dpa

Innerhalb weniger Wochen sind an vier ehemaligen Heimen für indigene Mädchen und Jungen in Kanada sterbliche Überreste von mehr als 1.000 Kindern entdeckt. Seither sorgt das Thema in Kanada und weltweit für Aufsehen.

Was haben die jüngsten Knochenfunde zu bedeuten?

Die gefundenen sterblichen Überreste belegen die ärmlichen Lebensbedingungen in vielen Heimen für indigene Kinder. Bislang ist der Tod von mindestens 3.200 Kindern nachweisbar; Experten gingen von mehr als 6.000 aus. Nach den jüngsten Funden wird man die Zahlen vermutlich nach oben korrigieren müssen.

Die jüngsten Enthüllungen über tote Kinder in kanadischen Umerziehungslagern sind nur die Spitze des Eisbergs, sagt der Schweizer Historiker Manuel Menrath.

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Wie lief das Leben in den Heimen ab?

Zunächst versprachen sich alle Beteiligten von den Schulen Vorteile: Die Indigenen hofften, Anschluss an europäische Kultur und Bildung zu finden, die Kirchen versprachen sich Fortschritte bei der Missionierung, und der Staat konnte die Verantwortung für die oft diskriminierten Ureinwohner abgeben.

Viele Schulen waren jedoch finanziell schlecht ausgestattet und überbelegt, wenige verfügten über qualifiziertes Personal. Ein Schultag begann um 5.30 Uhr morgens und endete um 20.00 Uhr abends.

Die Hälfte des Tages mussten die Schüler arbeiten. Dies war dazu gedacht, ihnen Perspektiven für ein späteres Auskommen zu schaffen. Tatsächlich trugen die Kinder oft zum Unterhalt der Schulen bei.

Woran starben die Schüler?

Bereits 1906 schlug ein Arzt in einem Bericht für das sogenannte "Amt für Indianerangelegenheiten" Alarm und sprach davon, dass jeder vierte Schüler an Schulen im Westen Kanadas gestorben sein soll.

Die meisten verstarben demnach an Tuberkulose, Masern oder Grippe. Einige kamen um, weil sie auf der Flucht erfroren, andere starben in Folge von Unfällen.

In Umerziehungsheimen sollten Kinder der Ureinwohner Kanadas ihre eigene Kultur und Sprache vergessen, die Kultur der europäischen Einwanderer lernen. Nach dem Fund von Gräbern fordern Ureinwohner weitere Untersuchungen – 6000 Kinder werden vermisst.

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Überlebende berichten, dass sie Gewalt und Erniedrigung ausgesetzt waren. "Wir wurden geschlagen, wenn wir unsere indigene Sprache sprachen, obwohl wir kein Englisch konnten", erinnerte sich der 81-Jährige Barney Williams unlängst im "Spiegel".

"Als Strafe steckten sie uns für acht Stunden ein keilförmiges Holzstück in den Mund... Am schlimmsten war aber der sexuelle Missbrauch. Ich wurde acht oder neun Jahre von einem Priester vergewaltigt", so Williams.

Wurden die Geschehnisse aufgearbeitet?

Mitte der 1980er-Jahre reichten ehemalige Schüler erstmals Klagen auf Entschädigung ein. 2006 schloss die kanadische Regierung mit den indigenen Völkern eine Vereinbarung ab.

Sie sah die Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission vor. Premier Stephen Harper entschuldigte sich 2008 bei den Indigenen für das Versagen des Staates und bat um Verzeihung. Zwischen 2009 und 2015 wurden Berichte von rund 7.000 ehemaligen Schülern gesammelt.

Im 2015 vorgelegten Abschlussbericht sprechen die Verfasser von einem "kulturellen Völkermord". Inzwischen flossen auch größere Summen für Wiedergutmachungen.

Kritiker beklagen jedoch, dass es immer noch an Mitteln fehle, um ungeklärte Todesfälle in den Internaten zu untersuchen und nicht gekennzeichnete Grabstätten zu identifizieren.

Ein Chief aus Kanada spricht Klartext

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Wie reagierte die katholische Kirche?

Die kanadischen Bischöfe und Leiter der Ordensgemeinschaften entschuldigten sich 1991 bei den Schülern. Zugleich beteuert die Kanadische Bischofskonferenz, dass lediglich 16 von 70 katholischen Bistümern mit den Internaten zu tun hatten, ferner etwa drei Dutzend Ordensgemeinschaften. Die katholische Kirche als Ganzes in Kanada sei nicht mit den Heimen verbunden gewesen.

Dennoch wollen Indigene erneut vor Gericht ziehen; im Dezember will Papst Franziskus eine Abordnung aus Kanada im Vatikan empfangen.

Tote in Kanada - Kinderleichen: Keine Entschuldigung vom Papst 

In Kanada wurde ein Massengrab mit 215 Kinderleichen gefunden. Das Internat daneben wurde von der katholischen Kirche betrieben. Der Papst umging eine Entschuldigung.

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