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Ansteckend? Neue Fakten zum Kinderkriegen

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Nachwuchs in Deutschland - Ansteckend? Neue Fakten zum Kinderkriegen

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Kinderkriegen ist ansteckend, sagt eine aktuelle Studie. Von Kettenreaktionen bei Schwangeren, steigenden Geburtenraten und immer älteren Eltern - hier die neuesten Erkenntnisse.

Schwangere Frau mit Ultraschallbildern
Das Thema Nachwuchs betrifft alle gesellschaftlichen Schichten - und ist ständigen Veränderungen unterworfen. Das sind die neusten Entwicklungen.
Quelle: imago/Panthermedia

1. Kinderkriegen ist "ansteckend"

Es klingt banal, ist aber seit Neuestem wissenschaftlich bewiesen: Die Geburt eines Kindes kann im Familien- und Kollegenkreis zu einer Art Kettenreaktion bei der Familienplanung führen. Anders ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau schwanger wird, steigt, wenn eine Kollegin ein Baby bekommt. Das zeigt eine Studie unter Beteiligung der Universität Bamberg im Fachblatt "Demography".

Umgekehrt bekommen Personen im gebärfähigen Alter, die kaum Geburten in ihrem Umfeld miterleben, mit niedrigerer Wahrscheinlichkeit Kinder. Die Mechanismen, die der Ansteckung zugrunde liegen, konnten mit den vorliegenden Daten nicht detailliert untersucht werden.

So richtig überraschend ist das Ergebnis nicht, sagt Elternschaftsforscherin Désirée Waterstradt. "Die Studie weckt wahrscheinlich deshalb so große Aufmerksamkeit, weil sie unsere Vorstellung von der freien, ganz persönlichen Entscheidung für ein Kind erschüttert." In anderen Zusammenhängen würde uns ein "Ansteckungseffekt vermutlich kaum überraschen oder irritieren - etwa bei der Entscheidung für einen bestimmten Autotyp. Doch rund um Familie und Kinder sei unsere Gesellschaft "sehr hellhörig und hochgradig empfindlich."

2. Geburtenrate steigt wieder an

Nach ihrem Höhepunkt im Jahr 1964 hat die Geburtenrate in Deutschland kontinuierlich abgenommen - dieser Abwärtstrend währte bis ins Jahr 2011. Danach nahm die Anzahl an Geburten in Deutschland wieder zu. Seit 2016 ist die Geburtenrate zwar nicht noch weiter angestiegen - aber sie ist auch nicht wieder eingebrochen. Vom Babyboom der 60er Jahre ist Deutschland allerdings weit entfernt - im Jahr 2018 bekamen Frauen durchschnittlich 1,57 Kinder, wie das Statistische Bundesamt mitteilt.

Elternschaftsforscherin Waterstradt sieht einen Zusammenhang zwischen dem Aufwärtstrend (2011 bis 2016) und der Höhe des Elterngeldes. "Es war ein ganz offizielles geschlechterpolitisches Signal, eine Stellungnahme des Staates, dass Mütter nicht mehr aus ihrem Beruf aussteigen sollen und dass die väterliche Fürsorge fürs Kind sozial erwünscht ist", so die Forscherin. Dennoch gebe es nach wie vor Mängel in "geschlechterpolitischen Strukturen" - von fehlenden Entbindungsstationen bis zu Kita-Schlüsseln und Hausaufgabenkonzepten.

Es sei die Aufgabe der Wissenschaft und des Wissenschaftsjournalismus, faktenbasiert über solche Mängel und Erkenntnisse zu berichten. "Wir können uns im Bereich Elternschaft nicht mit diesen unsäglichen Ratgebern zufrieden geben", so Waterstradt. "Elternschaft ist ein hochgradig vermintes Themengebiet" - denn es betreffe die Machtstrukturen der Gesellschaft. Umso notwendiger sei eine fundierte Einordnung wissenschaftlicher Studien und aufklärende Formate, rund ums Thema Familie und Kinder.

3. Jedes dritte Kind wird außerehelich geboren

Im Jahr 1970 wurden durchschnittlich nur 7 Prozent der Kinder von unverheirateten Eltern geboren. Im Jahr 2017 waren es 34,75 Prozent - also ein Drittel aller neugeborenen Kinder in Deutschland. Ein Trend, dessen Ursache in gesellschaftlichen Strukturen begründet ist.

"Die Bedeutung der Ehe hat nachgelassen", sagt Waterstradt. Familien seien heutzutage kindzentriert, das heißt nicht mehr der Vater, sondern das Kind ist das Zentrum der Familie. Das betreffe auch den Erziehungsstil und die emotionalen Bedürfnisse: Die Elterninteressen stehen hinter den Interessen des Kindes. "Für all diese Aspekte von Familie ist eine Ehe nicht erforderlich", so Waterstradt.

4. Mütter bekommen später Kinder

Im Jahr 1991 waren Mütter - unabhängig von der Gesamtzahl ihrer Kinder - durchschnittlich etwa 29 Jahre alt. Im Jahr 2018 waren Mütter durchschnittlich 31 Jahre alt. Der Trend geht klar in die Richtung von Spätgebärenden: Immer mehr Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind im vierten Lebensjahrzehnt. 2018 waren die Mütter von 48 Prozent der insgesamt 366.000 Erstgeborenen zwischen 30 und 39 Jahren alt.

An solchen Statistiken kritisiert die Forscherin Désirée Waterstradt vor allem eines: Der isolierte Blick auf das Alter der Mutter. "Väter waren im Durschnitt schon immer älter als die Mütter", so Waterstradt. Es sei schwer zu verbergen, dass Frauen nach wie vor für "Kindzentrierung" zuständig seien. "Wer in seinem Leben möglichst wenig Geschlechterrollenstress will, passt sich an."

Das steigende Alter hänge außerdem mit den steigenden Erwartungen an Mütter und Väter zusammen. "Wir erleben eine regelrechte Inflation von Ansprüchen", sagt die Forscherin. Und gerade weil Mütter - und zunehmend auch Väter - diesen steigenden Ansprüchen an sozialen Status, Partnerschaft und Kindzentrierung gerecht werden wollen, fühlten sie sich dem erst immer später gewachsen.

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