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3 Jahre Gesetz gegen Kinderehe - "Das Ende der Kindheit"

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Warum auch drei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes gegen Kinderehen noch viele Minderjährige in rechtlich unwirksamen Ehen leben und wie Corona das Problem verschärft.

Seit Inkrafttreten des Gesetzes gegen Kinderehen wurden 813 Fälle gemeldet.

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Heiraten mit 16: Bis zum 22. Juli 2017 war das in Deutschland möglich - vorausgesetzt das Familiengericht stimmte zu. Vor drei Jahren wurden die Regeln verschärft. Mit dem "Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen" sollten Menschen unter 18 Jahren davor geschützt werden, in eine Ehe gezwungen zu werden.

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Regelungen in der Praxis gar nicht angekommen sind", lautet das Fazit von Myria Böhmecke von der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes". Es gebe Nachbesserungsbedarf.

Nur zehn Kinderehen aufgehoben, Dunkelziffer weit höher

Seit Inkrafttreten des Gesetzes wurden deutschlandweit 813 Ehen mit Minderjährigen gemeldet. Nur zehn davon wurden aufgehoben. Diese Zahlen beziehen sich auf eine Studie der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" im September vergangenen Jahres.

Infografik: Gemeldete Fälle von Kinderehen in Deutschland

Die Dunkelziffer wird weit höher geschätzt. Das Problem: Viele Bundesländer führen keine Statistiken und es gibt keine einheitliche Regelung, welche Behörde jeweils zuständig ist. Viele Fälle werden gar nicht erst gemeldet. "Manchmal fällt erst auf, dass ein Mädchen minderjährig ist, wenn die Geburt des ersten Kindes im Standesamt registriert wird", erzählt Böhmecke. Die Fälle, bei denen Kinder oder Jugendliche bereits unter 16 Jahren geheiratet haben, sind gar nicht erst registriert, da diese in Deutschland grundsätzlich unwirksam sind.

Kein einheitliches Vorgehen bei Frühverheiratung

Auch gibt es kein bundesweit einheitliches Verfahren, wie bei Fällen von Frühverheiratung vorgegangen wird. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Schulungen für Mitarbeiter in Behörden fehlen", sagt Böhmecke.

Wir gehen davon aus, dass in Deutschland im Grunde jedes Wochenende Früh-Verheiratungen stattfinden.
Myria Böhmecke, "Terre des Femmes"

In manchen Fällen wird befürchtet, dass ein gerade volljährig gewordenes Mädchen zusammen mit dem Ehemann eingeladen wird, um die Ehe zu bestätigen. Ein aufklärendes Gespräch oder Bedenkzeit vor der Einwilligung ist nicht standardmäßig vorgesehen.

Betroffene von Kinderehen fürchten, verstoßen zu werden

Viele Betroffene bleiben in Frühehen, weil sie ihre Rechte nicht kennen und befürchten, das Ansehen der Familie zu verlieren. "Die Mädchen wissen, was mit ehrenlosen Frauen passieren kann und dass es wirklich eine Gefahr für sie ist", sagt Böhmecke.

Es geschieht mitten in Deutschland, auch in unserer Nachbarschaft: Mädchen sollen einen Mann heiraten, den sie gar nicht kennen und nicht lieben - weil ihre Familie es so will.

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"Für die Betroffenen bedeutet eine Frühehe häufig das Ende der Kindheit", sagt Böhmecke. Oftmals brechen sie die Schule ab und müssen ihre sozialen Kontakte einschränken. "Verheiratete Mädchen werden häufig auf den häuslichen Bereich beschränkt, sie sollen möglichst früh Kinder bekommen und die meisten werden auch sehr früh schwanger", so Böhmecke.

Corona-Pandemie: Zusätzlich 13 Millionen Kinderehen weltweit

Die Corona-Krise verschärft das Problem zusätzlich. Die Schulen, der Ort an dem Frühehen auffallen, Präventionsprojekte durchgeführt werden oder Betroffene Hilfe suchen, sind geschlossen. Hinzu kommt die wirtschaftliche Situation. Denn Kinderehen werden häufig aus finanziellen Gründen geschlossen.

Wir gehen davon aus, dass in solchen Krisensituationen die Mädchen darunter zu leiden haben.
Myria Böhmecke

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen schätzt, dass es weltweit durch die Corona-Pandemie zu weiteren 13 Millionen Kinderehen kommen werde, die sonst zwischen 2020 und 2030 nicht stattgefunden hätten.

Evaluierung des Gesetzes zu Kinderehen steht noch aus

Laut Gesetz sollten die Ministerien für Justiz, Inneres und Familie bis zum heutigen Mittwoch die Auswirkungen des Gesetzes bewerten. Dies steht bis dato noch aus.

Die Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" verlangt etwa eine Meldepflicht für Ausländerbehörden, Schulungen für Mitarbeiter von Behörden sowie eine Regelung, dass Ehepartner aus EU-Staaten ihre Freizügigkeit in der EU behalten können - auch wenn ihre Ehe wegen Minderjährigkeit aufgehoben wird.

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