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Kriminaldirektor zur BKA-Arbeit - Kinderpornografie: Ermitteln in Abgründen

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Der Fall in Münster hat eine hitzige Debatte über härtere Strafen bei Kindesmissbrauch und Kinderpornografie entfacht. Wie spürt das BKA Täter auf? Ein Ermittler berichtet.

Ein Screenshot einer Kinderpornografie-Plattform. Archivbild
Signal im Kampf gegen Kinderpornografie im März 2019: Die Betreiber der Elysium-Plattform wurden zu Haftstrafen verurteilt.
Quelle: Arne Dedert/dpa

Nicht nur aus der Union kommen Rufe nach härteren Strafen bei Kindesmissbrauch und Kinderpornografie. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will zügig einen Gesetzentwurf vorlegen. Zudem fordert sie, dass soziale Medien Kinderpornografie nicht mehr nur löschen, sondern auch dem Bundeskriminalamt melden. Aber wie ermittelt das BKA im Fall von Kinderpornografie eigentlich? Kriminaldirektor Matthias Wenz berichtet im Interview über Möglichkeiten und Grenzen:

ZDFheute: Wie reagiert die Szene darauf, wenn ein kinderpornografisches Netzwerk gesprengt wird? Werden Daten gelöscht und wird darüber diskutiert?

Matthias Wenz: Natürlich führt so etwas zu Verunsicherung. Die Szene rechnet allerdings auch jederzeit damit und versucht, sich entsprechend abzuschotten. Wenn bei einer Plattform wie Elysium mit dem Administrator oder den Moderatoren der Kopf der Hydra abgeschlagen wird, dann ist die Plattform natürlich weg.

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ZDFheute: Gibt es einen klassischen Verlauf bei den Ermittlungen gegen Kinderpornografie?

Wenz: Jeder Fall ist anders. Aber die meisten Hinweise auf Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie erhalten wir beim BKA von dem US-amerikanischen NCMEC (National Center for Missing and Exploited Children). Wir wollen natürlich an den Missbraucher heran und das schaffen wir häufig über diese Hinweise, die wir aus den USA bekommen haben

Genauso kommt es vor, dass wir auf einem beschlagnahmten Computer Dateien, Nachrichten, Kontakte oder Bilder von anderen Pädo-Kriminellen finden. Wir beobachten auch Darknet-Foren, ob deutsche Missbraucher mit dabei sind und werden dabei von ausländischen Behörden unterstützt.

ZDFheute: Welche Hürden haben Sie in der Ermittlung?

Wenz: Es hängt immer davon ab, welche Qualität die Hinweise haben und wie aktuell sie sind. Wenn Provider die Bestandsdaten ihrer Kunden nicht speichern und wir keine anderen Ermittlungsansätze haben, wird die Spur an der Stelle sofort kalt. Das ist die allergrößte Hürde. Denn eine IP-Adresse mit Zeitstempel ist für uns die einfachste und schnellste Möglichkeit, einen Tatverdächtigen oder einen Tatort zu ermitteln.

ZDFheute: Täglich werten Sie Hunderte Bilder und Hinweise aus: Hat sich da etwas verändert?

Wenz: Ja, es verändert sich. Seit ein paar Jahren kennen die Zahlen leider nur eine Richtung, und zwar die nach oben. Gleichzeitig stellen wir auch fest, dass die Vergrößerung der Speicher auf Geräten auch mehr Möglichkeiten bietet, Kinderpornografie zu speichern. In Einzelfällen müssen wir auch mehr Beweismaterial sichten.

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ZDFheute: Wie gehen die Beamten des BKA mit der Belastung um?

Wenz: Wir sind beim BKA in der Situation, dass wir nur Freiwillige an diese Arbeit setzen können, die sich das Beweismaterial anschauen. Wir haben auch eine sehr enge psychologische Begleitung. Meist ist es Teamarbeit, sodass man Kollegen dazu holen und um Unterstützung bitten kann.

Bei uns muss man mit diesen Abgründen leben können. Wenn man das nicht mehr möchte, kann man das Team aber auch jederzeit verlassen.

ZDFheute: Kommen sie personell und technisch mit oder fehlt dem BKA etwas, um schneller zuschlagen zu können?

Wenz: Wir haben beim BKA das Personal in den vergangenen Jahren deutlich aufgestockt und auch die Abläufe beschleunigt und verbessert. Wir haben technisch aufgerüstet, Wir haben technisch aufgerüstet, sodass wir große Datenmengen schneller kategorisieren und einstufen können. .

ZDFheute: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer sprach von einer Kinderporno-Industrie: Sehen sie eine Professionalisierung der Szene?

Wenz: Was wir sehen, ist, dass diejenigen, die in kinderpornografischen Darknet-Foren unterwegs sind, schon ganz genau wissen, was sie da tun. Jemand, der sich dort bewegt, hat einiges unternommen, um dorthin zu gelangen.

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Ein dritter Aspekt, der uns sehr viel Sorge bereitet, ist die Verbreitung von selbst hergestelltem Material. Kinder und Jugendliche werden über soziale Netzwerke dazu gebracht, sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen. Das wird gefilmt oder sie filmen sich selbst - teils unter Androhung von Nachteilen, teils werden ihnen Belohnungen versprochen. Solches Material macht inzwischen einen sehr großen Anteil aus.

ZDFheute: Viele neue Herausforderungen und immer mehr Daten: Sind sie in dem Kampf gut gewappnet?

Wenz: Man kann die steigenden Fallzahlen schon so interpretieren, dass die Kontrollmechanismen immer besser werden. Aber wir sprechen von einem sehr, sehr großen Dunkelfeld. Deswegen können wir schlecht sagen, ob wir tatsächlich erfolgreich sind. Wir schaffen es, wenn alles gut läuft, den Missbrauch eines einzelnen Kindes relativ schnell zu beenden.

Das Interview führte Anna Kleiser.

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