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Kindesmissbrauch: Wie kann das passieren?

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Opfer und Täter mitten unter uns - Kindesmissbrauch: Wie kann das passieren?

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Warum sexueller Kindesmissbrauch jahrelang unbemerkt bleibt, Behörden versagen und Ermittlungen in jedem zehnten Fall scheitern: Drei Perspektiven auf ein vielschichtiges Problem.

Beobachtendes Auge hinter einer Computermaus
Im besten Fall ertappen die Ermittler die Täter auf frischer Tat vor dem PC, um an die Beweisdaten zu kommen.
Quelle: colourbox.de

Missbrauchsfälle wie in Münster und in Bergisch-Gladbach werfen dieselbe Frage auf: Wie kann das passieren? Drei Menschen, die an drei Fronten gegen sexuellen Kindesmissbrauch kämpfen, geben Antworten und zeigen Probleme auf.

Die Opfer

Oft sind die Täter keine Fremden: Bekannte, Verwandte, Nachbarn, Eltern. Die wenigsten landen vor Gericht. Kann man es Kindern zumuten, dort auszusagen?

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Täter nutzen emotionale Bindung zum Opfer aus

Jahrelang wird im Fall Münster ein Zehnjähriger von seinem Stiefvater sexuell missbraucht - kein Einzelfall.

"Der Täter ist meist eine Bezugsperson, zu der eine emotionale Bindung besteht, hat häufig eine positiv konnotierte Bindung", erklärt Astrid Helling-Bakki, Kinderärztin und Geschäftsführerin der Childhood-Stiftung, einer Anlaufstelle für Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs. Die Täter - meist männlich - machten sich die enge Bindung zum Opfer zunutze. Mit Drohung und Erpressung verhindern sie, dass sich das Kind jemandem anvertraut.

Mangelnde Zusammenarbeit von Behörden

Ein Grund, warum Täter oft nicht auffliegen, ist die mangelnde Zusammenarbeit und Transparenz zwischen den Institutionen Jugendamt, Polizei und Gericht. "Wie kann es sein, dass die eine Institution von der und der Sache weiß und die andere nicht?", fragt Helling-Bakki. Auch müsse der Prozess kinderfreundlicher gestaltet werden.

Letztendlich ist es ganz gravierend für das Kindeswohl.
Astrid Helling-Bakki, Kinderärztin und Geschäftsführerin der Childhood-Stiftung

Bislang werden Kinder auf dem Polizeirevier verhört oder müssen vor Gericht aussagen - manchmal gar im Beisein des Täters. "Wer erwartet, dass ein Kind bei so etwas auch nur ansatzweise eine verlässliche Aussage macht und das Kind gleichzeitig nicht geschädigt wird? Das ist hochgradig traumatisierend."

Zentrale Anlaufstellen für sexuellen Kindesmissbrauch fehlen

Das Childhood-Haus bringt alle Institutionen sowie Psychologen und Kinderärzte unter einem Dach zusammen. Befragungen werden per Video aufgezeichnet, eine Re-Traumatisierung für das Kind würde somit weitgehend vermieden, sagt Helling-Bakki.

Die Childhood-Häuser in Heidelberg und Leipzig sind in Deutschland eine bislang einzigartige Einrichtung. Zentrale Anlaufstellen in jedem Bundesland - wie auf Bundesebene mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs - würden helfen, Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch schneller und kindgerechter aufzuklären.

Die Ermittler

Warum ist es so schwierig, Fälle sexuellen Missbrauchs bei Kindern aufzudecken? Die Vorratsdatenspeicherung könnte helfen.

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Massive Personalnot

Im Fall Bergisch Gladbach sind Ermittler auf über 30.000 Spuren gestoßen. Sie beschlagnahmten 30 Terabyte an Daten.

"Wir haben derzeit massiv Personalnot im Bereich der Sachbearbeitung, bei der Bearbeitung von Missbrauchsdarstellungen und auch bei der Bearbeitung des sexuellen Missbrauchs", sagt Dirk Peglow, stellvertretender Bundesvorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter und Landesvorsitzender in Hessen.

Immense Berge von Durchsuchungsbeschlüssen liegen auf Halde.
Dirk Peglow, stv. Bundesvorsitzender vom Bund Deutscher Kriminalbeamter

Steigende Datenmengen, hoher Auswerteaufwand

Vielfach können Ermittler vorliegende Durchsuchungsbeschlüsse nicht durchführen, weil sie aufgrund von nicht vorhandenem Personal schlichtweg nicht dazu kommen. Die steigende Zahl der Datenmengen und der immense Auswerteaufwand von sichergestellten Missbrauchsabbildungen verschärfen den Personalmangel.

Aufgrund teils professioneller Verschlüsselung ist speziell ausgebildetes Personal nötig. Um aber Experten aus der Privatwirtschaft dafür zu bekommen, muss das Berufsumfeld attraktiv genug sein.

Jeder zehnte Fall scheitert an fehlenden Daten

62.000 Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch in Deutschland bekam das Bundeskriminalamt im Jahr 2019 von der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation NCMEC. In 21.600 Fällen begann man zu ermitteln.

"In jedem zehnten Fall konnten allerdings keine weiteren Ermittlungen zur Identifizierung durchgeführt werden, weil die Daten bei den Providern nicht vorhanden waren", erklärt Peglow. Mit der Vorratsdatenspeicherung könnten mehr Täter überführt werden.

Die Täter

Die Täter leben mitten unter uns: Sie sind Ehemänner, Väter, Nachbarn, Freunde - den Opfern sind sie selten fremd.

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Viele Straftaten auf Bewährung ausgesetzt

Im Fall Münster waren den Behörden die pädophilen Neigungen des Hauptbeschuldigten bekannt. Er war bereits zweimal auf Bewährung verurteilt worden.

"Erfahrungsgemäß ist es häufig so, dass nicht der komplette, vorhandene Handlungsspielraum ausgenutzt wird, rein rechtlich gesehen", antwortet die psychologische Psychotherapeutin Sarah Allard, auf die Frage nach härteren Strafen. Sie ist therapeutische Leiterin der Behandlungsinitiative Opferschutz (BIOS-BW), behandelt Menschen mit pädophilen Neigungen und erstellt Gutachten.

Therapie gegen Pädophilie während Haft

Bei verurteilten Straftätern müssten Therapiemaßnahmen bereits während der Haft und nicht erst danach angeboten werden, meint Allard. "Natürlich möchten sie nicht wieder in Haft und werden sich hüten, in der ersten Zeit nochmal eine Straftat zu begehen. Aber das Problem, diese Störung, bleibt bestehen."

80 Prozent der Täter sind therapeutisch gut erreichbar.
Sarah Allard, Psychologische Psychotherapeutin

Pädophilie muss nicht zwingend zu einer Tat führen. 80 Prozent der Täter empfänden sexuelle Befriedigung auch mit Erwachsenen, könnten aber keine Beziehungen zu Erwachsenen aufbauen, erklärt Allard. Diese Tätergruppe sei gut behandelbar.

Stigmatisierung verhindert Therapie

Die anderen 20 Prozent der Täter sind "kernpädophil". Eine Therapie ist schwieriger, kann Betroffenen jedoch Bewältigungsstrategien aufzeigen. Das Problem: Die meisten Betroffenen suchen erst dann Hilfe, wenn sie aufgeflogen sind oder die Polizei schon ermittelt. Bis dahin vergehen oft Jahre. Teils ist die Scham zu groß, teils werden sie selbst von Therapeuten abgewiesen.

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