ZDFheute

Verschwiegen und vertuscht: Missbrauch in der Kirche

Sie sind hier:

Frontal 21 und Correctiv - Verschwiegen und vertuscht: Missbrauch in der Kirche

Datum:

Wegen sexuellen Missbrauchs von zehn minderjährigen Jungen wurde ein Priester verurteilt. Die Konsequenz der katholischen Kirche: Versetzung des Pfarrers in eine andere Gemeinde.

Screenshot aus Video: Eine Andacht im Freien, ein Pfarrer in der Bildmitte (Gesicht verpixelt), Messdiener im Vordergrund
Pfarrer Peter H. feiert gemeinsam mit seinen Messdienern den Gottesdienst.
Quelle: RA

Zur kleinen Kapelle auf der Anhöhe laufen die Pilger vom bayerischen Garching an der Alz ungefähr eine halbe Stunde. Immer wieder kommen Gläubige hierher und schreiben in das Buch auf dem Altar ihre Bitten an die Gottesmutter Maria. Zwischen den Genesungswünschen für die Oma steht in Grundschulschreibschrift dann plötzlich dieser Satz:

"Die Sexuele Belestigung soll aufhören. Dein Stefan".
Zitiert aus dem Bittbuch in Garching

Wann dieser Satz dort hineingeschrieben wurde, lässt sich heute nicht mehr genau feststellen. Es war aber zu der Zeit, als Peter H. Pfarrer in Garching an der Alz war. "Er war sehr locker und konnte gut predigten. In der Gemeinde war er sehr beliebt", erinnert sich die ehemalige Lokaljournalistin Rosemarie Anwander. 20 Jahre war Pfarrer H. in Garching bis er 2008 plötzlich versetzt wurde.

Doch von seiner Vorgeschichte wusste in der Gemeinde kaum einer etwas: "Wir wussten, dass er ursprünglich aus dem Bistum Essen kam und, dass dort etwas vorgefallen sein soll." Dass ihr Pfarrer pädophil war und bereits 1986 wegen sexueller Belästigung von zehn minderjährigen Jungen verurteilt worden war - das hatte die Kirche den Gläubigen in Garching jahrzehntelang verschwiegen. "Es war ein Schock."

Screenshot aus Video: Ein aufgeschlagenes Bittbuch mit diversen handschriftlichen Einträgen
In dieses sogenannte "Bittbuch" trugen Gläubige ihre Wünsche und Bitten ein, auch Stefan.
Quelle: ZDF

Gemeinsame Recherche von ZDF und Correctiv

Mindestens drei Jungen aus Garching haben nach Informationen des ZDF-Magazins "Frontal 21" und des Recherchezentrums Correctiv Pfarrer H. beschuldigt, sie sexuell missbraucht zu haben.

"Aus den Akten ergibt sich, dass im Jahr 1993 bekannt wird, dass H. Erstkommunionkinder auf die Stirn geküsst haben soll und ein älterer Jugendlicher im Pfarrhof verkehre", teilte das zuständige Erzbistum München und Freising auf Nachfrage mit. Die Kirche habe die Opfer finanziell entschädigt. Die Staatsanwaltschaft untersuchte die Fälle, stellte die Ermittlungen aber ein: wegen Verjährung.

Screenshot aus Video: Markus Elstner aus Essen
Markus Elstner war Messdiener in einer Gemeinde in Bottrop.
Quelle: ZDF

Doch die Geschichte von Peter H. beginnt lange vor seiner Zeit in Garching. Ende der 70er Jahre ist Peter H. um die 30 Jahre alt und als Kaplan in Bottrop zuständig für die Messdiener. Einer von ihnen ist Markus Elstner. Peter H. lädt ihn ein, in seiner Pfarrwohnung zu übernachten. Der Kirchenmann trinkt mit dem Elfjährigen Alkohol.

Bis heute fällt es Elstner schwer, zu erzählen, was damals passiert ist: "Das fing mit Streicheln an. Dann hat er mich angefasst. Und er hat mir an mir gezeigt, was ich bei ihm machen soll. Ich musste ihn dann oral befriedigen." Es sollte nicht bei diesem einen Besuch bleiben. Regelmäßig bestellt der Kaplan den Jungen zu sich.

Missbrauchsopfer melden sich beim Bistum

"Dieser Fall ist absolut abgründig und abscheulich und hinterlässt eine unglaubliche Spur an Leid und Verletzungen", sagt der heutige Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, im Interview mit Frontal 21 und Correctiv. Der damalige Kaplan Peter H. habe sich auch an anderen Messdienern vergangen.

Einige von ihnen haben sich beim Bistum gemeldet: "Wir wissen, dass es acht Jungs gewesen sind. Und aus der Aktenlage vermuten wir, dass es auf jeden Fall noch fünf weitere gibt, von denen man sagen kann, dass sie missbraucht worden sind."

Wie geht die Kirche mit Missbrauch um?

Doch statt Peter H. zu entlassen, versetzt ihn die Kirche 1980 nach München. Erzbischof ist dort damals Kardinal Joseph Ratzinger – der Mann, der später als Papst Benedikt XVI. in die Geschichte eingehen wird. Ratzinger soll damals mitentschieden haben, dass H. eine Therapie wegen seiner pädophilen Neigungen in München macht.

Sein Psychotherapeut Dr. Werner Huth erinnert sich: "Ich habe damals gesagt, er darf nie wieder mit Jugendlichen arbeiten. Da gibt es in der Kirche genug Felder: In einem Altenheim zum Beispiel oder in der Verwaltung."

Trotz dieser Warnungen wurde H. jedoch noch im selben Jahr in einer Münchner Gemeinde zur Seelsorge eingesetzt und kam dort auch mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt. Dazu teilte das Erzbistum München und Freising auf Nachfrage mit: "Aus der Aktenlage geht nicht hervor, wie intensiv sich der damalige Erzbischof Joseph Ratzinger mit dem Fall H. beschäftigt hat."

Im Jahr 2000 – als H. schon lange in Garching war – soll er Kardinal Ratzinger wieder getroffen haben. Der war damals Präfekt der Glaubenskongregation und besuchte den Weihbischof Heinrich von Soden-Fraunhofen, der in der Nähe von Garching lebte. Dabei soll Ratzinger auch auf Pfarrer H. getroffen sein. Das berichtete H. damals Mitgliedern des Pfarrgemeinderates.

Das Bistum bestätigte den Besuch Ratzingers bei Weihbischof von Soden-Fraunhofen und schreibt: "Über Treffen von Kardinal Joseph Ratzinger mit H. liegen dem Ordinariat keine Erkenntnisse vor." Der emeritierte Papst Benedikt XVI. reagierte auf eine Anfrage nicht.

Viele Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern

Insgesamt soll Peter H. mindestens 28 minderjährige Jungen sexuell missbraucht haben, teilten das Bistum Essen und das Erzbistum München/Freising auf Anfrage mit. Es ist somit einer der größten Missbrauchsfälle der katholischen Kirche.

Jetzt könnte der Fall strafrechtlich neu aufgerollt werden. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München II sagte Frontal 21: "Wir prüfen, ob es weitere Taten gibt und ob Ermittlungen aufzunehmen sind."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.