Terra-X-Kolumne: Klimaschutz und Menschenrechte - passt das?

    Terra X - die Wissens-Kolumne:Klimaschutz und Menschenrechte - passt das?

    von Gregor Steinbrenner
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    Bei Klimakonferenzen berichten Journalisten über Emissionsminderungen, Finanzierungspakete für Klimaschäden, über Staaten, die blockieren - nur nicht über Menschenrechte.

    Terra X - Die Wissens-Kolumne: Gregor Steinbrenner

    In der Terra-X-Kolumne auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpert*innen jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
    Das erste, was mir auffällt, ist die Stille. Keine Protestchöre: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut". Das war der Sound von Glasgow, von der Klimakonferenz im vergangenen Jahr. Hier in Ägypten protestiert fast niemand auf der Straße. Irgendwo soll es ein Camp geben, weit weg vom Gelände der COP (Conference of the Parties), weit weg von den Regierungschefs und vor allem weit weg von den Journalisten.

    Protest bei Klimakonferenz in Ägypten fehlt

    Diese Stimmen fehlen. Auf den letzten COPs haben sie so Druck gemacht auf die Verhandler. Ohne Proteste, ohne Aktivisten hätte es kein Paris-Abkommen gegeben, das sagen auch die Delegierten. Hier also nun die verordnete Stille. Gespenstisch.
    Aktivisten von Fridays for Future protestieren auf Klimakonferenz COP27. Nicht ungefährlich, denn Aktionen, die Aufsehen erregen, sind nicht erwünscht von der ägyptischen Regierung.09.11.2022 | 5:24 min
    Und die Gefahr ist real: Geschätzt 60.000 kritische Stimmen wurden in Ägypten zum Schweigen gebracht. Menschen, die aus politischen Gründen im Gefängnis sitzen. Meinungsfreiheit ist hier ein Verbrechen. Warum veranstaltet man dann eine Klimakonferenz ausgerechnet hier? In einem autoritären Staat?

    Aktivist Fattah wird wohl im Gefängnis sterben

    Einer, der für dieses Verbrechen büßt, ist Alaa Abdel Fattah. Er ist eigentlich Software-Entwickler. In einem früheren Leben war er das. Er hat sein Leben dem Kampf für die Meinungsfreiheit gewidmet. Dafür saß er die meiste Zeit in den vergangenen zehn Jahren im Gefängnis. Seit über 200 Tagen ist er inzwischen im Hungerstreik. Er wird wohl sterben in diesem Gefängnis. Vielleicht schon sehr bald.
    Kanzler Olaf Scholz (SPD) hat die Freilassung für Fattah gefordert. Bei einer Veranstaltung im deutschen Pavillon auf der COP bedankt sich seine Schwester Sanaa Seif dafür. Auch sie ist politische Aktivistin. Auch sie saß schon in einem ägyptischen Gefängnis. Auch sie möchte, dass ihr Bruder freikommt. Natürlich. Aber das wird nicht durch freundliche Appelle geschehen. Sondern durch Politik.

    Zwischen Menschenrechten und Investitionen

    Deutschland schließt Partnerschaften mit Ägypten. Hier soll ein Hub entstehen, Umschlagpunkt für Flüssiggas nach Europa. Zaghafte Menschenrechtsappelle und gleichzeitig Millionen-Investitionen. Seine Schwester fordert von der deutschen Regierung, diese Politik zu ändern.
    Neben ihr im deutschen Pavillon sitzt Jennifer Morgan, die neue Staatssekretärin im Auswärtigen Amt. Ihre Reaktion? Pokerface? Wohlwollendes Nicken? Nein. Jennifer Morgan kämpft mit den Tränen. 

    Slumbewohner wollen keine Aktivisten-Besuche mehr

    Auch Hossam Bahgat ist eingeladen, er kennt Fattah gut, auch er ist ägyptischer Menschenrechtsaktivist. Er berichtet darüber, wie schwierig die Arbeit für ihn und seine Mitstreiter ist. Zum einen die Angst, selbst ins Gefängnis zu müssen. Aber auch die Sorge um diejenigen, für die sie sich einsetzen: Slumbewohner zum Beispiel.
    Von denen wird Hossam Bahgat inzwischen gebeten, nicht mehr zu kommen. Denn wenn er wieder weg ist, kommen ägyptische Sicherheitskräfte. Und dann müssen die Ärmsten dafür büßen, wenn ihnen die "Staatsfeinde" geholfen haben. So berichtet es Hossam Bahgat.

    Klimakonferenz als Bühne nutzen

    Und trotzdem findet er es richtig, dass die Klimakonferenz dieses Jahr in Ägypten stattfindet. Denn es ist eine Chance, das Thema Menschenrechte ins Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Seine Chance. Er darf nicht ausreisen, seit sieben Jahren schon. Also muss er diese Bühne nutzen.
    Die Menschen in Ägypten sind durch den Klimawandel besonders betroffen. Extrem heiße Temperaturen ruinieren die Ernte und der steigende Meeresspiegel droht nicht nur die Stadt Alexandria zu überfluten. Doch das Land findet auch neue Lösungen.15.06.2022 | 6:14 min
    Und was haben Menschenrechte nun mit der Klimakrise zu tun? Das fundamentalste Menschenrecht ist das auf Leben, auf ein unversehrtes Leben, ein Nicht-geschädigt-Werden. Dieses Menschenrecht wird durch die Folgen der Klimakrise gebrochen. Wenn sie hier in Scharm el Scheich von Klimagerechtigkeit sprechen, geht es um dieses Menschenrecht. Fluten, Dürren, Stürme - kurz: der Klimawandel - zerstören es.
    Die wichtigsten Forderungen an alle Teilnehmenden dieses Gipfels sind: Die Treibhausgase endlich reduzieren (noch steigen sie!). Den ärmeren Ländern Hilfe und Know-how zukommen lassen, damit sie sich schützen können. Und Geld geben für Schäden, die entstehen - und von den reichen Ländern mit ihren hohen Emissionen verursacht werden und bereits verursacht wurden. Und die vielleicht wichtigste Forderung: genau das auch aussprechen zu dürfen.
    Hat der Krieg die Energiewende gebremst oder eher beflügelt? Fakt ist – sie bleibt der Schlüssel zur Lösung der Energiekrise. Kann der große Umbau gelingen ohne Artenschutz und Biodiversität zu gefährden?27.01.2023 | 28:46 min

    … ist Journalist und Moderator der Wissenschaftssendung NANO auf 3sat. Seit Jahren berichtet er über die Klimakonferenzen.

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