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Kolumbien - Betancourts Abrechnung mit ihren Entführern

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Ingrid Betancourt wurde sechs Jahre von der FARC-Guerilla festgehalten. Die ehemals wohl berühmteste Geisel der Welt redete ihren Entführern bei einem Wiedersehen ins Gewissen.

Ingrid Betancourt am 23.06.2021 in Bogota (Kolumbien)
Ingrid Betancourt redet nicht nur ihren Entführern ins Gewissen - sie kritisiert auch die jetzige Regierung.
Quelle: AP

So richtig wusste niemand in Kolumbien, wie das Treffen ausgehen würde: Vor der "Wahrheitskommission" trafen sich die ehemalige grüne Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt und die Kommandanten der ehemaligen FARC-Guerilla - Geisel und Entführer. Wer eine rührselige Versöhnungsstory erwartet hatte, wurde eines Besseren belehrt.

Sechs Jahre im Dschungel festgehalten

Die inzwischen in Frankreich lebende Betancourt ging mit ihren Entführern, die sie mehr sechs Jahre unter menschenunwürdigen Bedingungen im Dschungel festhielten, hart ins Gericht. Sie forderte von der Ex-Guerilla eine tiefgreifende Überprüfung der eigenen Haltung zu den Geschehnissen von damals. Betancourt fragte mit Blick auf die schleppenden Schadensersatzzahlungen an FARC-Opfer:

Die Opfer zu entschädigen ist ein Tabuthema in Kolumbien. Wie wollen sie entschädigen? Wo sind die Einnahmen aus dem Drogenhandel?
Ingrid Betancourt, ehemalige grüne Präsidentschaftskandidatin und Entführungsopfer

Auch das Bitten um Vergebung nahm Betancourt ihren Entführern nicht wirklich ab. Es gebe nur auf der Seite der Opfer Tränen, sie sehe aber keine auf der Seite der Guerilleros. Sie hätte ein Zusammentreffen der Herzen erwartet, kein politisches.

Über 50 Jahre dauert bereits der Kampf zwischen der FARC-Guerilla und den Regierungstruppen Kolumbiens. Doch was wollen die Rebellen? Wir blicken in die Organisationsstrukturen.

Beitragslänge:
59 min
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Ex-Guerilleros stellen sich der Aufarbeitung

Für die Ex-Guerilleros, die inzwischen als Partei im kolumbianischen Parlament sitzen, war es ein ungemütlicher Tag. Allerdings stellten sich die FARC-Führer dieser unangenehmen Aufarbeitung, die vom Vorsitzenden der Wahrheitskommission, dem Jesuiten-Pater Francisco de Roux, organisiert wurde.

Der hatte auch an einen anderen prominenten Protagonisten appelliert, um Vergebung zu bitten. Kolumbiens Ex-Präsident Alvaro Uribe (2002-2010) wird vorgeworfen, dass während seiner Amtszeit der Skandal um die "falsos positivos" geschah - die Konsequenz einer Regel, die Militärs für die Tötung von Feinden, den Guerilleros, Sonderprämien einbrachte.

Um in den Genuss dieser Vergünstigungen zu kommen, wurden auch unschuldige Zivilisten getötet, in Guerilla-Uniformen gesteckt und als Rebellen ausgegeben. Die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung zu bitten, müsse freiwillig geschehen, sagte de Roux. Die FARC erklärte sich bereit, für ihren Teil der Schuld genau das zu tun.

Brutale Polizeigewalt während Protesten

Doch neben der scharfen Kritik hatte Betancourt auch eine Botschaft für ihre Landsleute mit nach Bogotá gebracht. Das Land befindet sich in einer tiefen innenpolitischen Krise. Der Regierung des rechtsgerichteten Präsidenten Ivan Duque werfen Menschenrechtsorganisationen vor, für brutale Polizeigewalt während der seit Ende April anhaltenden Sozialproteste verantwortlich zu sein.

Mindestens 20 Tote konnte die NGO Human Rights Watch dokumentieren, wahrscheinlich sind es mehr. Gewalt sei keine Lösung für die Probleme des Landes, sagte Betancourt. Sie sagte:

Die einzige Wirklichkeit ist, dass wir als Kolumbianer niemals mehr zur Vergangenheit zurückkehren wollen und wir bereit sind, uns zu ändern und Schulter an Schulter eine neue Zukunft für alle aufzubauen.
Ingrid Betancourt, ehemalige grüne Präsidentschaftskandidatin und Entführungsopfer

Betancourt war mehr als sechs Jahre in der Gewalt der FARC. Entführt wurde sie am 23. Februar 2002 bei einer Wahlkampfreise durch ein von der FARC kontrolliertes Gebiet in San Vicente del Caguan.

Als sechs Jahre später die Nachricht von der gewaltfreien Befreiung Betancourts bekannt wurde, feierten die Menschen, es gab Hupkonzerte und spontane Feuerwerke. Betancourt verließ Kolumbien und ging nach Frankreich, das Land, in dem sie aufwuchs. Ihr Vater vertrat Kolumbien bei der UNESCO.

Jahrelange Verhandlungen über Friedensvertrag

Mehrere Jahre lang verhandelten die FARC-Guerilla und die Regierung des damaligen Präsidenten Juan Manuel Santos (2010-2018) über einen Friedensvertrag, der 2016 unterzeichnet wurde. Der Vertrag fiel bei einer Volksabstimmung knapp durch und wurde erst durch einen Parlamentsbeschluss ratifiziert.

Kritiker warfen Santos vor, der Guerilla zu viele Zugeständnisse gemacht zu haben. Santos erhielt nach dem verlorenen Referendum für seine Bemühungen den Friedensnobelpreis, was den Vertrag rettete.

Die Wahrheitskommission

Ein Punkt des Friedensvertrages war die Gründung einer Wahrheitskommission, die sich mit der Aufarbeitung des bewaffneten Konfliktes beschäftigt. Sie war es auch, die sowohl Betancourt als auch die FARC einlud, sich nach Jahren von Angesicht zu Angesicht auszusprechen.

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