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Ohnmacht, Angst, Hilflosigkeit - Wie können wir mit Krisen umgehen?

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Erst kam Corona und jetzt die Hochwasser-Katastrophe. Krisensituationen können einen Menschen mit voller Wucht treffen. Warum ist das so? Und was hilft gegen das Ohnmachtsgefühl?

Ein Mann marschiert durch eine überflutete Straße am 14.07.2021 in Hagen
Ein Gefühl der Ohnmacht nach den Aufräumarbeiten in Hagen.
Quelle: epa

Auf einmal ist alles anders. Menschen verlieren geliebte Angehörige, all ihr Hab und Gut, ihr Zuhause. "Die deutsche Sprache kennt kaum ein Wort für die Verwüstungen, die hier angerichtet wurden", sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Flutkatastrophe in Deutschland. Wie schon zuvor die Corona-Pandemie lässt auch dieses Ereignis sicher geglaubte Dinge äußerst fragil erscheinen.

Riesige Erdlöcher, weggerissene Häuser, davonschwimmende Autos: Viele empfinden dies ähnlich wie Corona als nie dagewesene Krise zu ihren Lebzeiten. Und nicht nur die akut selbst Betroffenen spüren Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Denn schon seit dem Frühjahr 2020 leben die Menschen in Deutschland coronabedingt in einer Extremsituation.

Deutschland blieb lange von Krisen verschont

Und nun werden sie auch noch mit Bildern konfrontiert, auf denen binnen kürzester Zeit gefühlt ganze Orte weggespült werden. Wie sind wir als Gesellschaft auf solche Krisen eingestellt? Dazu sagt der sozialwissenschaftliche Katastrophenforscher Martin Voss:

Wir sind aus größeren Katastrophenereignissen über die Jahrzehnte, da wir weitgehend verschont geblieben sind, etwas rausgewachsen.
Martin Voss, Katastrophenforscher

Im 20. Jahrhundert etwa hätten die beiden Weltkriege bei den Menschen und nachfolgenden Generationen eine Art Bewusstsein dafür geschaffen, dass es auch gesamtgesellschaftliche Schicksalsschläge gebe. "Das ist eine Mentalität, die aus solchen kollektiven Katastrophen wächst, und die ist rausgewachsen nach 70, 80 Jahren", erklärt der Wissenschaftler von der Freien Universität Berlin.

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Menschheit kehrt nach Krisen schnell zur Normalität zurück

Ob die aktuellen Ereignisse jedoch zu einem dauerhaften Unsicherheitsgefühl in der Gesellschaft beitragen, ist für Voss noch nicht sicher. "Auch nach diesen extremen Tagen werden wir vermutlich doch nach drei, vier Jahren weitgehend zur Normalität zurückkehren und eher wieder die Augen verschließen vor dem, was passieren kann."

Aber weil Frequenz und Häufigkeit von Krisen und Katastrophen zumindest gefühlt zunehmen, kann sich das auch zu einem grundlegenderen Wandel verstärken, sagt Voss. Eine Aussicht, die angesichts einiger Prognosen etwa für die Klimakatastrophe nicht ganz unrealistisch erscheint.

Schon die Krisen in den vergangenen 20 Jahren hätten einen Einfluss auf das kollektive Bewusstsein gehabt - weg von einem Trend zu einer gefühlt friedlicher werdenden Welt, so der Forscher.

Psychologin: Auf plötzliche Krisensituationen kann man sich nicht einstellen

Die Psychologin Christina Jochim von der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung betont: Von jetzt auf gleich, ohne jegliche Vorwarnung, in einer existenziell bedrohlichen Situation zu sein, also etwa die eigenen vier Wände zu verlieren, die einem Sicherheit und Alltag bieten - das sei natürlich für jeden erst einmal erschütternd. Es sei kaum möglich, sich auf solche Situation einzustellen.

Wir Menschen sind keine Fans von Kontrollverlust und auch keine Fans von Ohnmacht.
Christina Jochim, Psychologin

Beim Umgang mit diesen Extremsituationen spiele durchaus eine Rolle, dass beide Katastrophen - Pandemie und Flut - schwer fassbare Dimensionen und Auswirkungen annehmen. Wichtiger sei aber: "Psychische Bewältigungsfähigkeit ist nicht unerschöpflich." Man stoße an Grenzen, so Jochim.

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Was hilft: Perspektive schaffen

Am Ende hat die Psychologin jedoch auch noch eine positive Aussicht: "Wir Menschen können manchmal mehr bewältigen, als wir denken." Als Beispiel nennt sie die Angst- und Unsicherheitsgefühle zu Beginn der Corona-Pandemie, mit denen dann doch relativ zeitnah viele individuell, aber auch die Gesellschaft als Ganzes klargekommen seien.

Jochim sagt: "Wenn die Krise bewältigbar ist, wird das zwar immer ein belastender Teil der eigenen Biografie sein - aber auch ein gut integrierbarer Teil, also ein Teil, mit dem man auch zurechtkommen kann." Es gilt also, einen neuen Horizont zu öffnen für die Zeit danach.

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