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Kontrollen bei Tönnies - Mit Transparenz gegen Hygienedefizite?

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Zu warme Schweinehälften oder kontaminierte Schweineköpfe in Fleischfabriken - über solche Missstände soll eigentlich das Verbraucherinformationsgesetz informieren. Was taugt es?

Herunterfallende Schweine
Heruntergefallene Schweinehälften bei einer Kontrolle eines Tönnies-Schlachthofs im Landkreis Steinburg in 2018.

Niemand schlachtet in Deutschland so viele Schweine wie die Tönnies Holding. Zum Fleischimperium gehören auch Wurst- und Fleischwarenhersteller. Wie häufig, wie lange und mit wie viel Personal wurden die Betriebe überprüft? Und wurden die Kontrollen vorher angekündigt?

Vom Metzgersohn auf die Liste der reichsten Deutschen - der Aufstieg des Clemens Tönnies war rasant. Kein anderer Konzern schlachtet in Deutschland so viele Schweine wie Tönnies.

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Das will ZDFInfo im April 2021 von 14 Ämtern wissen. Möglich macht es auch das Verbraucherinformationsgesetz: Demzufolge müssen Ämter Informationen zu Kontrollen sowie die Berichte offenlegen. Ein knappes halbes Jahr später offenbart die Umfrage erhebliche Defizite – sowohl der Kontrollen als auch des Gesetzes.

Landkreise kontrollieren meist unangekündigt

Häufig kontrollieren in den Betrieben nur ein oder zwei Personen für einige Stunden. Viel zu wenig, meinen Fleisch-Experten wie der ehemalige Lebensmittelkontrolleur Franz Voll:

Die Kontrolle ist weder ausreichend, noch hat sie einen ordentlichen Zeitrahmen.
Franz Voll, Lebensmittelkontrolleur

Immerhin geben die meisten Landkreise an, dass sie unangekündigt kontrollieren. Nicht so Anhalt-Bitterfeld: Keine einzige lebensmittelrechtliche Gesamtbetriebsprüfung des dort ansässigen Tönnies-Betriebs führte in den vergangenen zehn Jahren zu einer behördlichen Maßnahme.

Um die Fleischqualität zu wahren und das Tier keinen Qualen auszusetzen, erlegt ein Schweizer Landwirt seine Angus-Rinder durch einen Gewehrschuss, statt sie gestresst in einen Schlachthof zu bringen.

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Auf Nachfrage erklärt der Kreis, dass unangemeldete Kontrollen oft fehlschlagen würden, da "die verantwortlichen Mitarbeiter nicht immer zur Verfügung stehen". Das zeige die Erfahrung aus anderen Bereichen.

Abschreckend hohe Gebühren für Berichte

Selbstverständlich müssten Lebensmittelkontrollen unangekündigt stattfinden, kritisiert Matthias Wolfschmidt von der Verbraucherschutzorganisation foodwatch:

Wer amtliche Kontrollen Tage vorher ankündigt, nimmt die Vertuschung von Missständen nicht nur billigend in Kauf, sondern will offenbar auch gar keine Missstände finden.
Matthias Wolfschmidt, foodwatch

Doch selbst Ämter, die Defizite feststellen, geben die entsprechenden Berichte nicht immer heraus. Mal verlangen sie abschreckend hohe Gebühren: Circa 3.000 Euro beispielsweise für einen einzigen Betrieb.

Herunterfallende Schweine
Dokumentation aus der Kontrolle des Landkreises: Schweine auf einem Tönnies-Schlachthof im Landkreis Steinburg in 2018.

Mal dauert es erschreckend lange: Der Kreis Gütersloh beispielsweise prüft schon seit über fünf Monaten, ob er die Kontrollbögen herausgibt. Das betrifft gleich fünf Tönnies-Betriebe. Und die Firmen dürfen beim Amt Einwände gegen zu viel Transparenz vorbringen. Auch das sieht das Verbraucherinformationsgesetz vor.

Zwei Kontrollen ohne lebensmittelrechtliche Beanstandungen

So teilt der "Zweckverband Veterinäramt JadeWeser" zum dort ansässigen Tönnies-Schlachthof zwar mit, dass lediglich zwei der 27 Kontrollen ohne lebensmittelrechtliche Beanstandungen verliefen. Welcher Natur die waren, bleibt jedoch offen. Denn die Kontrollbögen gibt das Amt nicht heraus, solange das Verwaltungsverfahren läuft.

In Schleswig-Holstein versuchte eine weitere Tönnies-Schlachterei sogar vor Gericht, die Herausgabe der Kontrollberichte an ZDFInfo zu verhindern. Erst nachdem die Firma ihren Widerspruch zurückzieht, darf der Landkreis Steinburg die Kontrollbögen offenlegen.

Das Kilo Schweinefleisch für knapp sechs Euro, der Landwirt bekommt ganze 1,66 Euro. Viele Bauern geben auf, die Fleischproduktion konzentriert sich immer mehr auf riesige Betriebe. Nach dem Skandal bei Tönnies wird der Ruf nach Veränderung lauter.

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Denen zufolge stoppt 2017 ein Kontrolleur einen Kühltransporter mit Schweinehälften. Das Fleisch ist zu warm. Noch im selben Jahr zwingt der Landrat die Schlachterei per Ordnungsverfügung, bauliche Veränderungen durchzuführen.

Tönnies: Beanstandungen wurden beseitigt

Er hat erhebliche Zweifel, ob das Fleisch aus der Schlachterei "ausnahmslos und ohne weiteres für den menschlichen Verzehr geeignet ist". 2018 werden geschlachtete Sauen und Eber amtlich vorläufig beschlagnahmt, da deren Köpfe "nicht kontaminationslos" gewonnen wurden.

Dazu erklärt die Tönnies-Pressestelle, man habe 2015 den Schlachthof mit Investitionsstau übernommen: "Vor allem während der Bauphase gab es Beanstandungen im Altbestand, die nicht unseren Qualitätsansprüchen entsprachen und die wir kurzfristig und in Abstimmung mit den zuständigen Behörden abgestellt haben."

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Heute sei man "froh, welche Entwicklung der Standort hingelegt hat." Der Landkreis bestätigt auf Nachfrage, dass die Missstände aus der Vergangenheit nicht mehr anhielten.

Foodwatch fordert öffentliche Kontrollergebnisse

Doch wieso hat die Öffentlichkeit bis jetzt nichts davon erfahren? Die Gesetzeslage sei hier "unzureichend", meint Matthias Wolfschmidt von foodwatch, "im Sinne des vorsorgenden Gesundheitsschutzes" müssten alle amtlichen Kontrollergebnisse öffentlich gemacht werden – auch ohne dass jemand gezielt danach fragt.

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