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Zwischen Blüten und Katastrophen

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100 Jahre Libanon - Zwischen Blüten und Katastrophen

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Den 100. Jahrestag der Staatsgründung feiert der Libanon inmitten einer der schwersten Krisen seiner Geschichte.

Archiv: Ein Ball mit Friedenszeichen liegt zwischen Trümmern in Beirut, Libanon.
Zuletzt erschütterte eine Explosion im Hafen Beiruts das ganze Land.
Quelle: AP

Vor 100 Jahren stellte sich der französische General Henri Gouraud in die Vorhalle des Palastes von Beirut und rief umringt von Politikern und religiösen Würdenträgern den Staat Großlibanon aus. Zum Jahrestag am 1. September ist nun wieder ein Franzose zu Besuch: Präsident Emmanuel Macron.

Aber die Stimmung könnte nach der verheerenden Explosion in der Hauptstadt Anfang August nicht sein. Für viele Libanesen war sie der Gipfel jahrzehntelanger Krisen, wuchernder Korruption und Misswirtschaft.

Angesichts eines drohenden Staatsbankrotts fragen sich viele Bürgerinnen und Bürger zum 100. Geburtstag ihres Landes, ob sie nicht besser wegziehen sollten.

Fenster Ausblick über die zerstörte Stadt von Beirut.

Nachrichten | Politik -
Beirut: Eine traumatisierte Stadt
 

Beirut nach der Explosion

Ein Leben in Unruhe

Ich bin 53 Jahre alt und habe nicht das Gefühl, dass ich in diesem Land ein stabiles Jahr erlebt habe.
Alexandre Najjar, libanesischer Schriftsteller

Mit acht Jahren erlebte Najjar den Ausbruch des Bürgerkrieges von 1975 bis 1990. In dieser Zeit wurde Beirut zum Synonym für Geiselnahmen, Autobomben und Chaos.

Als Teenager sah er 1982 israelische Truppen einmarschieren und Beirut belagern. Als sich christliche Milizen 1989 gegenseitig bekriegten, war Najjar ein junger Mann. Er war Ende 30, als eine Autobombe 2005 den ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri tötete.

Die verheerende Explosion in Beirut trifft ein Land, das ohnehin in einer tiefen Krise steckt.

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Ein Jahr darauf lieferten sich Israel und die schiitische Hisbollah einen monatelangen Krieg. Nicht zu vergessen ungezählte andere Konflikte, Ausbrüche sektiererischer Kämpfe und sonstige Katastrophen. Für Najjar ist die Explosion am 4. August Beweis, dass die Regierung nicht in der Lage ist, für ein Minimum an öffentlicher Sicherheit zu sorgen.

Vorgezeichnet war diese Entwicklung nicht. Der im Libanon gefundene Ausgleich zwischen den 18 religiösen Gruppen im Land galt als Vorbild für Pluralismus. Ein ungeschriebenes Gesetz schreibt bis heute vor, dass der Präsident immer Christ, der Regierungschef Sunnit und der Parlamentspräsident Schiit sein muss.

Blütezeit und Bürgerkrieg

In den 1950er Jahren boomte die Wirtschaft des Landes. Während der Regierungszeit des pro-westlichen Präsidenten Camille Chamoun blühte der Tourismus. Arabische Erdölstaaten brachten Geld ins Land. Die 60er und frühen 70er Jahren gelten als die Blütezeit des Libanons.

Doch gleichzeitig nutzten militante Palästinenser den Libanon als Ausgangsbasis für Angriffe auf Israel. 1975 gingen die religiösen Gruppen im Libanon aufeinander los. Fast 150.000 Menschen wurden getötet, Syrien und Israel marschierten ein.

Malte Gaier, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, bezeichnet die Lage in Beirut als "Ausnahmezustand". Der Wiederaufbau des Libanon werde Jahre dauern.

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Letzteres konnte zwar die PLO unter Jassir Arafat vertreiben, das jedoch führte zum Aufstieg der schiitischen Hisbollah im Libanon. Sie durfte nach dem Ende des Bürgerkriegs als Einzige ihre Waffen behalten und hielt 2006 auch israelischen Angriffen stand.

Heute verfügt die Hisbollah mit ihren Verbündeten über die Mehrheit im Parlament. Dennoch ist sie äußerst umstritten. Während viele Schiiten loyal zu ihr stehen und zahlreiche Libanesen mit ihrer anti-israelischen Haltung sympathisieren, werfen ihr andere vor, das Land dem Iran auszuliefern.

Korruption gedeiht im Libanon

Viele Warlords der Bürgerkriegszeit führen heute politische Parteien und versorgen sich und ihre Familien mit Posten. Sie kontrollieren wichtige Teile des Geschäftslebens und bereichern sich. Auch politische Unterstützung wird mit Ämtern in Ministerien und Unternehmen erkauft.

Libanon Proteste

Proteste im Libanon -
Der Frust über korrupte Eliten
 

Hunderttausende Libanesen fordern den Rücktritt der Regierung. Der Frust ist nicht neu: Zu viel Müll, zu wenig Elektrizität und ein Premier, der einem Model Millionen überweist.

von Nils Metzger

Der Geburtstag: ein Tiefpunkt

Mehr als 70 Jahre nach der Unabhängigkeit 1943 erhofft mancher die Lösung von der ehemaligen Mandatsmacht Frankreich. Als Macron im August das schwer zerstörte Beirut besuchte, wurde er von einer begeisterten Menge begrüßt. Mehr als 60.000 Menschen haben eine Petition mit der Bitte unterzeichnet, der
Libanon solle für zehn Jahre wieder unter französisches Mandat kommen. Doch Macron will davon nichts wissen. "Ihr müsst Eure Geschichte selbst schreiben", sagte er der Menge.

Najjar hat etwa 30 Bücher auf Französisch verfasst und sagt, so katastrophal habe er sich den 100. Geburtstag seines Landes nicht vorgestellt. Doch:

Es gibt noch Hoffnung: Wir haben den Tiefpunkt erreicht und die Dinge können nicht noch schlimmer werden.
Alexandre Najjar, libanesischer Schriftsteller
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