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Warum Linkshänder oft ignoriert werden

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Internationaler Linkshänder-Tag - Warum Linkshänder oft ignoriert werden

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Heute werden Linkshänder zwar nicht mehr zu Rechtsschreibern umerzogen, aber immer noch oft von Hirnstudien ausgeschlossen. Das geht jedoch auf eine veraltete Annahme zurück.

Ein Linkshänder beim Malen
Dass Menschen eine gewisse Seite bevorzugen, ist nicht auf die Hände beschränkt.
Quelle: Imago

Michelangelo nutzte beim Werkeln an seinen Statuen vorrangig die linke Hand, Jimi Hendrix schlug seine Gitarre mit links an und Beethoven malte die Noten am liebsten mit links aufs Papier: Bis heute hält sich die Vermutung, Linkshändern sei eine besondere künstlerisch-musikalische Begabung in die Wiege gelegt worden.

Bewiesen ist das jedoch nicht. Doch dass geschätzt zehn bis 15 Prozent der Menschen von Geburt an lieber mit der linken als der rechten Hand greifen, schreiben oder werfen, fasziniert Wissenschaftler bis heute.

Jimi Hendrix, aufgenommen am 30.11.1969 Fehmarn (Deutschland)
Jimi Hendrix spielte seine Gitarren mit links (Konzert am 30. November 1969 auf der Insel Fehmarn)
Quelle: dpa

Reine Linkshänder sind eher selten

"Reine Rechts- oder Linkshänder sind eher selten", sagt Cornelius Weiller, Direktor der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie am Universitätsklinikum Freiburg, "viel häufiger wird die Händigkeit bei Tätigkeiten gemischt: Jemand schreibt zum Beispiel mit der linken Hand, macht den Tennisaufschlag aber mit rechts." In solchen Fällen spricht man von der Präferenz einer Hand. Die ist vermutlich genetisch vorgegeben.

Der französische Chirurg und Pathologe Paul Broca stellte im 19. Jahrhundert fest, dass die linke Hirnhälfte für Sprache zuständig ist. Damit kam die Idee auf, dass man diese Hälfte auch für komplexe motorische und kognitive Fähigkeiten braucht, für analytisches Denken und Kultur.

Für die rechte Hirnhälfte, welche die linke Hand steuert, blieben dann nur "primitive" Reaktionen übrig.

Unter Erwachsenen heute sind viele "umtrainierte" Rechtsschreiber

Man wusste auch, das die linke Hirnhälfte die rechte Hand steuert, daher ging man davon aus, dass Rechtshändigkeit gut für die Sprache und Sprachentwicklung sei, weshalb bis in die 70er Jahre Linkshänder gezwungen wurden, mit rechts zu schreiben. Deshalb finden sich unter den heutigen Erwachsenen viele "umtrainierte" Rechtsschreiber, die andere Tätigkeiten wie das Steuern einer Computermaus instinktiv mit der linken Hand erledigen.

Allerdings wissen wir heute, dass der Zusammenhang zwischen Sprache und Händigkeit geringer ist als gedacht.
Neurologe Cornelius Weiller

Die Kognitionswissenschaftlerin Emma Karlsson von der Bangor University in Wales sagte dem Lifestyle-Magazin "Vice", es sei eine Art Faustregel für Neurowissenschaftler, dass es schlecht sei, Linkshänder in Hirnstudien aufzunehmen.

Zurück geht diese Annahme Weiller zufolge auf einen möglichen Unterschied in der Hirnanatomie bei Rechts- und Linkshändern. Allerdings handelt es sich dabei nur um einen statistischen Unterschied. Das heißt, bei großen Fallzahlen finden sich Unterschiede, an einem einzelnen Hirn kann man das nicht unterscheiden. "Wahrscheinlich sind sogar die individuellen Unterschiede größer als die zwischen Rechts- und Linkshändern", sagt Weiller.

Wenn einem Neurologen der Scan eines Gehirns vorgelegt wird, kann der aufgrund des Bildes unmöglich unterscheiden, ob es sich um einen Links- oder Rechtshänder handelt.
Neurologe Cornelius Weiller

Rechtshänder gelten bei Studien als Norm

Da es mehr Rechtshänder als Linkshänder gibt und wissenschaftliche Studien nach einer Homogenität der Studienpopulation streben, nimmt man Rechtshänder als "Norm".

Dass dennoch bis heute daran festgehalten wird und Linkshänder von Hirnstudien aussortiert oder aber als eigene Gruppe definiert werden, hat vor allem pragmatische Gründe: Die Studienautoren versuchen, alle Einflussgrößen konstant zu halten, so wie man beispielsweise mal Männer, mal Frauen, mal Kinder oder mal die Über-60-Jährigen ausschließt, je nach Fragestellung. So macht man das Studienergebnis auch weniger angreifbar.

Vor allem bei Sprachstudien achten Forscher nach wie vor darauf, nur Rechtshänder zu nehmen. "Hier kann man sich durchaus fragen, inwieweit es sinnvoll ist, daran festzuhalten", sagt Weiller. "Man sollte die Händigkeit bei der Interpretation berücksichtigen."

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