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Bob Geldof: "Hunderttausende Leben gerettet"

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35 Jahre nach Live Aid - Bob Geldof: "Hunderttausende Leben gerettet"

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Eine globale Spendenaktion für Hungernde in Afrika wurde zum legendären "Live Aid"-Konzert 1985. Mitinitiator Bob Geldof über seine Angst - und wie David Bowie das Konzert prägte.

Vor 35 Jahren, ein Tag im Sommer, 1,9 Milliarden TV-Zuschauer, Spenden von über 200 Millionen Dollar: Das war das erste "Live Aid"-Konzert. Mitinitiator Sir Bob Geldof erinnert sich.

ZDFheute: Sir Bob Geldof, was ist Ihre eindrücklichste Erinnerung an diesen Tag?

Sir Bob Geldof: Ich hatte vor allem Angst, dass ich scheitern würde. Dass es zu groß war. Das war es nicht, was ich im Kopf hatte, als ich die Bilder von Hungernden gesehen hatte und ein paar befreundete Popgrößen anrief.

Vielleicht hatte ich mich übernommen. Ich würde mich selbst zu einer Lachfigur machen, ganz klar. Ich hatte mit keiner Band einen Vertrag, vielleicht würde keiner von ihnen erscheinen. Ich habe mir fast in die Hose gemacht, als ich ins Wembley-Stadion ging. Viele im Team waren aufgeregt, weil Prinz Charles und Diana da waren.

Ich aber konnte nur denken: Wo sind die Bands? Vergesst Charles und Diana!

ZDFheute: Auch 35 Jahre später wird darüber gestritten, wer am besten performte, bei welchem Künstler die meisten Spenden reinkamen, richtig?

Geldof: Ich hatte im Vorfeld vom kanadischen Fernsehen einen Film bekommen. Er war so schrecklich, eine Art Armuts-Porno. Ein Film, den man im normalen Nachrichtenprogramm nicht hätte zeigen können.

Also sagte ich zu David Bowie: Schau dir das an. Ihm liefen die Tränen. Er sagte: 'Ich werde das den Leuten zeigen.' Ich widersprach, aber er erwiderte, er werde auf einen Song verzichten und diesen Film zeigen. Ich war dagegen, dachte, die Leute würden dann aufstehen, sich einen Tee machen, wegschalten, nicht wieder kommen. David aber meinte, er werde drei Songs spielen und dann den Film zeigen - oder er komme nicht.

Also sang Bowie "Heroes" und sagte danach: 'Ich möchte, dass Ihr alle euch das anschaut, mehr nicht.' Und da war es, das junge England 1985. Die Mienen der Leute froren ein. Und die Leitungen der Spendentelefone explodierten.

Bowie, david mit bob geldof - beim live aid-konzert in london 1985
David Bowie und Bob Geldof beim ersten Live Aid Konzert 1985.

Und ja, ich kenne den Queen-Kinofilm. Da heißt es, die Telefone spielten verrückt nach deren Auftritt. Aber das stimmt nicht. Queen war unglaublich, aber eben nur eine weitere unglaubliche Band.

Aber im Bowie-Moment verstanden die Leute, dass das unglaublich war, um was es ging. Was die Bands hier taten.

ZDFheute: Was sagen Sie Kritikern, die sagen, die Aktion habe nur etwas an den Symptomen rumgedoktert, sie habe nicht wirklich etwas vorangebracht?

Geldof: Hat es funktioniert? Absolut. Wir haben 1985 mit dem Geld, was gespendet wurde, Hunderttausende Menschenleben gerettet. Vielleicht mehr. Und ich arbeite noch immer jeden Tag dafür. Aktuell haben wir Projekte wegen Corona in Äthiopien und Uganda.

Die Band-Aid-Stiftung besteht weiter, ich bin noch immer der Vorsitzende. Seit 2000 hat sich die extreme Armut in der Welt halbiert.

Klar, es hieß immer: Geldof, der naive Hippie, mit seinem Kumpel Bono. Diese Popstars, was wissen die schon?

Armut beraubt die Menschen all ihrer Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Dass wir sie besiegen, ist auch im Interesse der Reichen. Denn dann können wir miteinander handeln, all die coolen Dinge zusammen tun.

ZDFheute: Die Corona-Pandemie wird die Unterhaltungsbranche noch lange einschränken. Die Gelegenheit für eine Neuauflage von Live Aid?

Geldof: Nein, denn das würde nicht funktionieren. Und zwar aus vielerlei Gründen und schon gar nicht in der aktuellen Situation. Lady Gaga, einer der ganz großen weiblichen Stars, hat ja sowas gemacht und eine Art digitales Live Aid veranstaltet. Es war ein Desaster. Live Aid war ein Kind seiner Zeit.

ZDFheute: Wie haben Sie die vergangenen drei, vier Monate Corona-Krise erlebt?

Geldof: Ich fühle mich wirklich schuldig bei dieser Antwort. Denn ich habe es genossen. Ich weiß, wenn ich die Nachrichten einschalte, dass viele das ganz anders erfahren haben. Ich aber wurde zum Faulenzen gezwungen. Das kam mir sehr gelegen.

Dummerweise hatten wir das neue Album der Boomtown Rats zwei Stunden vor der Verkündigung der Ausgangsbeschränkungen veröffentlicht. Das war das Ende für das Album. Wir haben unsere Tour abgesagt, sie soll jetzt im Oktober losgehen. Aber ich denke, selbst dann werden die Menschen sich weigern, zu Tausenden eng beieinander zu stehen.

Das Interview führte Andreas Stamm, Korrespondent im ZDF-Studio London.

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