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"Isoliert in ihrer Parallelwelt"

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Arbeit in der Fleischindustrie - "Isoliert in ihrer Parallelwelt"

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Nah dran und doch unsichtbar, so beschreibt die Dokumentarfilmerin Yulia Lokshina die Leiharbeit in der Fleischindustrie. Jahrelang hat sie die prekären Lebensbedingungen gedreht.

Was auf Schlachthöfen passiert, bleibt oft im Verborgenen. Der preisgekrönte Dokumentarfilm "Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit" liefert nun seltene Einblicke in das Leben der Arbeiter und zeigt den Druck, dem sie ausgesetzt sind.

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2 min
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Die Dokumentarfilmerin Yulia Lokshina hat über zwei Jahre im Umfeld der westfälischen Fleischindustrie gedreht und das Leben der dort tätigen Leiharbeiter*innen in ihrem Film "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit" festgehalten. Der preisgekrönte Dokumentarfilm kommt am 22. Oktober 2020 in die deutschen Kinos.

ZDF: Wie sind Sie auf die Idee gekommen über das Thema "Leiharbeit in der Fleischindustrie" einen Film zu machen?

Yulia Lokshina: Als wir vor drei Jahren angefangen haben, war das Thema gar nicht so neu, es gab viele Berichte über prekäre Lebensbedingungen von osteuropäischen Leiharbeitern in den Fleischbetrieben. Uns hat das sehr beschäftigt, dass das so nah an uns dran ist und doch so unsichtbar.

Es scheint die Menschen, die nicht in diesen Betrieben arbeiten, gar nicht wirklich zu tangieren. Es scheint da so eine seltsame Isolation zu herrschen. Diese vielbeschriebene Parallelwelt hat uns sehr bewegt.

ZDF: Was konnten Sie feststellen, wie leben und arbeiten die Leiharbeiter?

Lokshina: Wir sind in die Nähe der Betriebe gefahren, haben versucht, ganz frei mit den Arbeitern Kontakt aufzunehmen, stellten fest, dass es wahnsinnig schwer ist. Die Sprachbarriere führt dazu, dass es sehr schwer ist, Kontakt aufzunehmen und sich kennenzulernen.

Wir haben auch gesehen, dass da so eine Angst herrscht, auch aus Unwissenheit, weil man sich aufgrund von diesen Beschäftigungsverhältnissen nicht sicher sein kann: Was folgt denn daraus, was heißt das, wenn ich in einem Film mitwirke, wenn ich meine Geschichte erzähle?

Diese Unkenntnis, die auch sehr stark gefördert wird und auch erwünscht ist, führt leider dazu, dass da auch eine große Verschlossenheit geherrscht hat.
Yulia Lokshina

Alle arbeiten sehr, sehr viel und haben dementsprechend auch wenig Zeit, selbst etwas gegen diese Verhältnisse zu tun. Sie haben wenig Raum, um sich der Situation zu bemächtigen, um die Sprache zu lernen, um darüber zu reflektieren, was falsch läuft und was man selber dagegen tun kann.

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5 min
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ZDF: Welches Engagement gibt es von Seiten der Bevölkerung, um die Lebensverhältnisse vor Ort zu verbessern?

Lokshina: Es gibt immer wieder sehr aktive Menschen, was ich auch sehr erstaunlich finde. In diesen Jahren vor der Pandemie als diese Verhältnisse auch da waren und wir sie auch kannten, da wurden diese Menschen sehr belächelt, weil sie alleine gegen etwas kämpften.

Sie haben keine Armee von MitstreiterInnen. Warum tun sie das? Man glaubt, mit denen sei irgendwas falsch. Dabei sind diese Leute genau diejenigen, die versuchen proaktiv auf die Situation einzuwirken und nicht darauf zu warten, dass eine Pandemie kommt.

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ZDF: Wie werden die Leiharbeiter in den Orten wahrgenommen?

Lokshina: Die Arbeiter leben isoliert in ihrer Parallelwelt. Sie  haben keine Zeit, um ins Theater oder Kino zu gehen, sie arbeiten die ganze Zeit. Und wenn sie nicht arbeiten, haben sie kurze Erholungsphasen und müssen das Geld sparen, was sie für ihre Familie oder sich selbst brauchen.

Es gibt sehr wenige Berührungspunkte mit der Bevölkerung. Es ist ein strukturelles Problem.
Yulia Lokshina

ZDF: Gibt es Solidarität unter den Arbeiter*innen?

Lokshina: Ich glaube, in solchen Extremsituationen ist es wahnsinnig schwer, neben dem eigenen Schicksal auch das Schicksal anderer im Blick zu behalten. Wenn da Menschen unterschiedlicher Nationen zusammenkommen, die keine gemeinsame Sprache haben ist es wahnsinnig schwer, sich zusammenzuschließen und einen gemeinsamen Kampf zu führen.

Jeder und jede steht unter diesem Druck und versucht, die eigene Situation zu verbessern. Man muss das auch tun, sonst ist die Gefahr sehr groß, dass man untergeht.

ZDF: Wie erklären Sie sich die jahrelange Passivität der Gesellschaft, obwohl die Verhältnisse ja bekannt waren?

Lokshina: Es ist zu hoffen, dass die aktuelle Situation, die wir jetzt so stark erleben und sehen können, dass die nicht nur ein Funken Menschlichkeit und Aufmerksamkeit ist - sondern vielleicht ein Weg, die Situation auch als etwas anzunehmen, dass in unser aller Verantwortung liegt.

Das Interview führten Kerstin Edinger und Nadia Nasser.

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