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Reich-Ranicki: Meister des Unmöglichen

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Leidenschaft für Literatur - Reich-Ranicki: Meister des Unmöglichen

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Marcel Reich-Ranicki, der Erfinder und erste Gastgeber des "Literarischen Quartetts", wäre heute 100 Jahre alt geworden. Eine Würdigung.

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Wer erinnert sich nicht an die Wutrede, die Marcel Reich-Ranicki gegen das deutsche Fernsehen - mit Ausnahme von Arte - bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Jahre 2008 gehalten hat? Leider in Vergessenheit geraten ist hingegen, dass Reich-Ranicki bereits lange, bevor er selbst zum Bildschirmstar avancierte, eine Lanze für Literatur im Fernsehen brach.

Dem damaligen Feuilletonchef der "Welt", Georg Ramseger, der 1961 in einer Tirade gegen das damals noch junge Medium eine "Urfehde" zwischen Fernsehen und Buch erkannt haben wollte, widersprach er leidenschaftlich. Er, Marcel Reich-Ranicki, glaube "an ein für das Kulturleben unbedingt notwendiges Bündnis".

Vermutlich kann nur eine Persönlichkeit, deren Leben von Zerrissenheit und Widersprüchen geprägt ist, zum idealen Literaturvermittler im Fernsehen werden. Nur einem Meister des Unmöglichen gelingt das Wunder, sowohl intellektuell brillant als auch höchst populär zu sein.

Marcel Reich-Ranicki war bekannt für seine unterhaltsame Buchkritik. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

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Reich-Ranicki: Literaturpapst und Entertainer

"MRR" war der Literaturpapst - doch niemals war er sich zu schade, auch den Entertainer zu geben. In der rhetorischen Waffenkammer griff er gern nach dem breitesten Raufdegen - um damit anmutig Florett zu fechten. Er liebte die Literatur, den stillen, innig-einverständigen Austausch zwischen Schriftsteller und Leser - als Kritiker kannte er keine Hemmungen, über Bücher und Autoren gnadenlos zu richten.

1996 schickte das Team der SWR-Sendung "Verstehen Sie Spaß?" Reich-Ranicki mit dem - als Lockvogel eingeweihten - Hellmuth Karasek auf eine nächtliche Nebelirrfahrt durch Oberbayern. Die Fahrt endete an einer sorgfältig präparierten Tankstelle, die dem verdutzten Kritiker vorgaukeln sollte, er sei auf mysteriöse Weise in der finnischen Pampa, 119 Kilometer vor Helsinki, gestrandet.

Es kommt zu einem der anrührendsten Momente der deutschen Fernsehgeschichte, als der vermeintliche finnische Tankwart einen Fisch aus einer Zeitungsseite wickelt, auf der "Marselli Rikas-Rannikkinen" - zusammen mit "Gyntteri Grassinen" - abgebildet ist, Karasek auf das fettbefleckte Foto zeigt, "du bist da!" kräht und Reich-Ranicki mit dem freudigen Strahlen eines Fünfjährigen beim Öffnen des lang ersehnten Geburtstagsgeschenks ruft: "Ja!"

Er war mit Leib und Seele Literat

Es sei dahingestellt, wie taktvoll es ist, sich einen derartigen Spaß mit einem Mann zu erlauben, dessen Eltern und Bruder von den Nazis verschleppt und ermordet worden sind und der den Naziterror selbst nur mit knapper Not im Warschauer Ghetto überlebt hat.

Tatsache ist: Trotz bitterster Lebenserfahrungen verstand Marcel Reich-Ranicki Spaß. Und er war mit Leib und Seele Literat. Denn wer außer einem eingefleischten Literaten bringt es fertig, den Umstand, nachts zwischen Bad Tölz und München an einer finnischen Tankstelle zu stranden, gelassen mit einem einzigen Wort zu quittieren: "Kafka!"

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