Nach Verhaftung: Wie mächtig ist die Cosa Nostra jetzt noch?

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    Nach Verhaftung von Mafiaboss:Wie mächtig ist die Cosa Nostra jetzt noch?

    Oliver Klein
    von Oliver Klein
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    Mafiaboss Denaro ist gefasst. Was bedeutet die Verhaftung für die Cosa Nostra? Und wie mächtig ist die Organisation noch in Italien - und in Deutschland? Hier die Antworten.

    Er war der meistgesuchte Mafioso des Landes, drei Jahrzehnte auf der Flucht - nun konnte die italienische Polizei Matteo Messina Denaro, Chef der sizilianischen Cosa Nostra, verhaften. Doch es stellen sich viele Fragen: Wie gelang es Denaro, so lange unterzutauchen? Welche Bedeutung hat die Verhaftung für die Cosa Nostra? Welche Rolle spielt die Mafia heute in Italien - und in Deutschland? ZDFheute mit den wichtigsten Antworten:

    Wie wurde Denaro gefasst?

    In den vergangenen Jahrzehnten hatte die Polizei den Mafia-Boss bei unzähligen Razzien auf Sizilien immer wieder verpasst. Seit der Jahrtausendwende hatten die Ermittler versucht, den heute 60-Jährigen mit Hilfe von Festnahmen in seinem Umfeld und Beschlagnahmungen zu isolieren. Diese Strategie war nun erfolgreich. Auf Anordnung der Staatsanwälte Maurizio de Lucia und Paolo Guido erfolgte der Zugriff in der Privatklinik "La Maddalena" in Palermo.

    Welche Bedeutung hat die Festnahme?

    Der Berliner Mafia-Experte und Vorsitzender des Vereins "Mafianeindanke" Sandro Mattioli bilanziert nüchtern:

    Es ist vor allem ein symbolischer Erfog für die Ermittlungsbehören.

    Sandro Mattioli, Mafia-Experte

    "Ich hoffe, dass sich die Bedeutung der Festnahme im Nachhinein zeigt, wenn rauskommt, warum Denaro so lange im Untergrund leben konnte - ob es möglicherweise politische Unterstützung für ihn gab", so Mattioli.
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    Dahinter steht die Vermutung, dass es geheime Absprachen zwischen der Cosa Nostra und Politikern gab, erklärt Mattioli. Denn die Cosa Nostra habe in den vergangenen Jahren ihre Strategie deutlich verändert und weniger Morde begangen. Gleichzeitig konnte Denaro drei Jahrzehnte lang im Untergrund leben. Wurde er also von einflussreichen Politikern geschützt?
    "Das ist ein sehr heikles Thema", so Mattioli. "Trotz jahrelanger Ermittlungen ist nichts Konkretes bekannt, aber meine Hoffnung ist, dass die politischen Akteure und eventuelle Absprachen von damals jetzt ans Licht kommen. Der Mann ist in Palermo verhaftet worden, im Krankenhaus - das spricht dafür, dass er nicht mehr so geschützt war wie früher."

    Wie viel Bedeutung hat die Cosa Nostra noch in Italien?

    Insgesamt habe sich die Cosa Nostra in den vergangenen Jahrzehnten durch ihre blutige Strategie mehr und mehr selbst geschwächt, erklärt Mattioli. "Dazu hatte auch Denaro beigetragen. Die ganzen blutigen Morde in den 80ern und 90ern an Richtern, Staatsanwälten, Politikern und deren Eskorten, das hat für viel Aufsehen gesorgt und zu einem Umdenken geführt - auch die Bevölkerung hat die Mafia-Organisation immer weniger unterstützt."
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    Unter anderem die tödlichen Bombenanschläge auf die Mafia-Jäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahr 1992 hatten Italien geschockt und zu einer neuen Offensive gegen die organisierte Kriminalität geführt. Die Cosa Nostra sei von der kalabrischen 'Ndrangheta unter ihre Fittiche genommen worden, um nicht weiter an Bedeutung zu verlieren, so Mattioli. Die 'Ndrangheta gilt seit den 90er Jahren als die mächtigste Mafiaorganisation Europas. Ermittler schätzen, dass die 'Ndrangheta im Jahr 2021 einen Jahresumsatz von rund 50 Milliarden Euro machte.
    Dennoch werden diese Mafiaorganisationen von der italienischen Bevölkerung bis heute nicht als bloße Bande von Verbrechern wahrgenommen - "das ist ein soziales und kulturelles Phänomen", so Mattioli. Er nennt ein beliebtes Beispiel:

    Wenn Ihnen das Auto geklaut wird - dann gehen viele Menschen in Sizilien halt zum Boss. Der sorgt eher dafür, dass es wieder zurück kommt.

    Sandro Mattioli, Mafia-Experte

    Das sei vor allem in der Vergangenheit so gewesen - aber teilweise bis heute der Fall.

    Welche Rolle spielt die Cosa Nostra in Deutschland?

    "Die Cosa Nostra ist auf Expansionskurs in Deutschland, wir sehen mehr und mehr Aktivitäten", erklärt Mattioli. Insbesondere betreibt die Mafia im großen Stil Geldwäsche in Deutschland, davor warnte beispielsweise die italienische Senatorin und Anti-Mafia-Kämpferin Laura Garavini. Schwerpunkte der Cosa Nostra in Deutschland sind nach Angaben des Bundeskriminalamts außerdem "Raub- bzw. Banküberfälle und illegale Tätigkeiten in der Bauwirtschaft", andere sizilianische Mafiagruppen hätten sich auf Schutzgelderpressung und Rauschgifthandel spezialisiert.
    Das Problem: Häufig werden die Aktivitäten der Clans nicht als Mafia-Kriminalität registriert und bewertet, sondern als "normale Kriminalität", sagt Mattioli:

    Das Thema italienische Mafia-Clans wird von der Polizei oft noch zu sehr vernachlässigt - das Vorgehen gegen sie hängt viel zu oft vom Engagement der einzelnen Polizisten ab. Das Thema braucht dringend mehr politische Aufmerksamkeit.

    Sandro Mattioli, Mafia-Experte

    mit Material von dpa, AFP

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