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Interview

Studie zu Nachrichtennutzung - Jüngere "nicht über einen Kamm scheren"

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Eine Studie hat den Umgang junger Menschen mit Nachrichten untersucht. Jugendliche lesen zu wenig Zeitung? So einfach ist das nicht, erklärt Studienleiter Uwe Hasebrink.

Archiv: Jugendliche halten Smartphones in den Händen, aufgenommen am 07.03.2019
Junge Menschen informieren sich zunehmend über soziale Medien. (Symbolbild)
Quelle: dpa

ZDFheute: Herr Hasebrink, wie informieren sich junge Menschen über das aktuelle Tagesgeschehen?

Uwe Hasebrink: Wie sich das heute in unserer Medienlandschaft so gehört, informieren sie sich an sehr, sehr vielen unterschiedlichen Stellen und über sehr unterschiedliche Wege. Das, was uns als Älteren dabei auffällt ist, dass es dabei nicht mehr so automatisch die Quellen sind, an die wir sofort denken, wenn es um Nachrichten geht.

Es ist nicht unbedingt eine Fernsehnachrichtensendung, es ist nicht unbedingt eine regionale Tageszeitung. Sondern es sind alle möglichen Arten von sozialen Medien. Es sind persönliche Gespräche, es sind Influencer - es sind auch noch alte, traditionelle etablierte journalistische Medien.

ZDFheute: Wenn Sie Social Media sagen, dann heißt das, oft entsteht der Kontakt mit Nachrichten auch eher beiläufig und wird vielleicht nicht aktiv gesucht. Warum ist das so?

Hasebrink: Menschen, die, wie eben die Jüngeren, in einer Informationsumgebung groß werden, in der Information überall vorhanden ist, entwickeln von Beginn an ein anderes Verhältnis zu Informationen: Informationen sind nicht etwas, was wir gezielt suchen müssen, für die wir um 20 Uhr abends das Fernsehen einschalten oder uns morgens eine Zeitung besorgen müssen. Sondern Informationen kommen auf mich zu.

ZDFheute: Inwiefern hat die Tendenz hin zu Social Media auch Einfluss auf die Meinungsbildung junger Menschen?

Hasebrink: Wir konnten feststellen, dass es eine kleine Gruppe gibt, die von sich selber sagt: Mir sind besonders soziale Medien wichtig. Bei diesen spielen Influencer und andere Medienangebote eine sehr große Rolle bei der Meinungsbildung spielen.

Das ist aber anders bei anderen Jugendlichen, die sich ganz gezielt nach wie vor an etablierten journalistischen Quellen orientieren. Was wirklich wichtig ist:

Wir können diese Gruppe der jüngeren Nutzerinnen und Nutzer nicht über einen Kamm scheren.
Uwe Hasebrink, Medienwissenschaftler

ZDFheute: Sehen Sie grundsätzlich eine Gefahr in dieser Entwicklung, dass auch Persönlichkeiten, die nicht journalistischer Natur sind - wie etwa Influencer -, zunehmend Einfluss nehmen?

Hasebrink: Das ist in der Tat die interessante Frage, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Ich würde selber dabei immer zu bedenken geben: Zunächst einmal ist jede zusätzliche Informationsquelle, die die Vielfalt der Informationen erhöht, gut. Da muss man applaudieren. Wir brauchen auch Informationen aus verschiedenen Perspektiven, um selber abwägen zu können.

Ein Problem kann daraus entstehen, wenn einzelne Gruppen oder einzelne Personen sich weitgehend auf Informationsquellen beziehen, die in sich selber einseitig sind und sich nicht etwa an journalistischen Kriterien orientieren.

ZDFheute: Gibt es denn auch Aspekte, die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen bei journalistischen Nachrichtenangeboten fehlen?

Hasebrink: Insbesondere junge Zielgruppen bringen bei solchen Befragungen einen Punkt immer wieder zur Sprache: Was hat das mit mir zu tun? Inwiefern ist eine Nachricht für mich persönlich relevant?

ZDFheute: Das heißt, teilweise fehlt die Nutzernähe?

Hasebrink: Nutzernähe im Sinne der Relevanz. Journalismus sollte Interesse daran haben, dass er deswegen genutzt wird, weil er als Journalismus erkennbar ist. Dass er versucht, seriös zu recherchieren. Dass er versucht, gegen zu prüfen, ob Dinge tatsächlich so sind, wie sie gerade dargestellt worden sind.

Und Journalismus, der als solcher erkennbar ist, hat dann auch eher Chancen, auch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen anerkannt zu werden.

ZDFheute: Eine obligatorische Frage in diesen Zeiten: Wie wirkt sich die Pandemie auf den Umgang junger Menschen mit Nachrichten aus?

Hasebrink: Ein solches politisches Großthema, das den Alltag der gesamten Bevölkerung, in unterschiedlicher Weise zwar, aber doch betrifft, hinterlässt seine Spuren in unser aller Alltag. Und diese Spuren reichen auch hinein bis in unsere Mediennutzung. Wir alle, Jugendliche und junge Erwachsene auch, brauchen Informationen.

Es wächst ein Interesse daran, wo ich mich informieren kann, inwieweit ich gefährdet bin, wie ich mich schützen kann, wie ich andere vor mir schützen kann und so weiter. Das sind also ganz neue Informationsbedürfnisse.

ZDFheute: Herr Hasebrink, wie steht es also insgesamt um die Nachrichtenkompetenz junger Menschen im digitalen Zeitalter?

Hasebrink: Jugendliche und junge Erwachsene sind jedenfalls nachrichtenkompetenter als die Älteren es oft vermuten. Wir wollen mit dieser Studie auch dazu beitragen, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihrer Perspektive ernst zu nehmen. Und dazu gehört dann etwa, dass ihnen besonders daran gelegen ist, dass sie Informationen erhalten, die für sie relevant sind. Das spricht durchaus für Nachrichtenkompetenz.

Zugleich stellen wir aber fest, dass das Wissen über den Journalismus, wie er funktioniert, wie er arbeitet, inwiefern er wichtig ist und sich von anderen Angeboten - etwa von Influencern - unterscheidet, relativ gering ausgeprägt ist. In dieser Hinsicht gibt es ohne Frage erheblichen Nachholbedarf, der auch für Bildungsinstitutionen und Bildungspolitik Konsequenzen haben sollte.

Das Interview führte Laura Marie Mertes.

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