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Debatte über Meinungsfreiheit : "Nazi ist ein ganz schnell benutztes Wort"

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Immer wieder hören Jochen Breyer und sein Team auf Drehreisen den Satz "Man kann nicht mehr alles sagen." Armin Piesker fühlt so - und hat mit Breyer darüber gesprochen.

Demonstrationen in Pforzheim
Das Wort "Nazi" kommt mittlerweile auf vielen Plakaten von Demonstrationen vor.
Quelle: dpa

Jochen Breyer: Sie haben ja geschrieben, man hat ständig das Gefühl oder lebt in der Angst, direkt in Schubladen gesteckt zu werden. Was meinen Sie damit?

Armin Piesker: Das ist eigentlich im Prinzip genau der Punkt. Egal welches Thema es ist, du wirst sofort in eine Schublade gesteckt. Also, klassisches Beispiel:

Wenn du dich jetzt mit irgendjemandem über Migranten unterhältst, da bist du doch ratzfatz erstmal ein Nazi. Du bist gleich in der Schublade drin.

Breyer: Wann hat das Gefühl, man kann nicht mehr alles sagen, bei Ihnen angefangen?

Piesker: Ich würde sagen, dass es tatsächlich 2015 losging, wo das ganze Volk auf einmal durchgerüttelt wurde.

Breyer: Also Migrationskrise?

Piesker: Ja. Ich denke, dass das der größte Punkt war, wo dann die Meinungen extrem auseinander gegangen sind. Ich habe es auch in Ordnung gefunden, wenn man Leute aufnimmt. Aber man kann nicht sagen, ohne Ende. Und man kann auch nicht sagen, es gibt keinen Plan B. Es wurde immer nur gesagt: Ja klar, wir müssen das schaffen.

Breyer: Viele haben das Gefühl, dass das einem so vorgeschrieben wird, was man zu denken hat. Und vor allem, dass man abgewertet wird. Also Nazi, Klimawandelleugner, Verschwörungstheoretiker. Ist es das?

Piesker: Das ist das, was mich am meisten ärgert, Und was dich auch wirklich am ehesten trifft, weil das vielleicht alles gar nicht der Fall ist.

Ich glaube, jemanden am schnellsten mundtot zu machen ist, ihn genau in diese Schublade reinzupacken. Ich glaube, dass das schon viele daran hindert, überhaupt in die Diskussion zu gehen.

Keiner will irgendwo in eine Schublade gesteckt werden, in die er gar nicht passt und auch nicht drinsitzt.

Breyer: Also in einer Schublade wie der Nazi-Schublade?

Piesker: Ja. Auch beispielsweise das jetzt mit den Querdenkern, die auch verteufelt werden. Da hörst du auch nur noch, dass sie unterwandert werden von Nazis. Das ist bei uns immer so ein ganz schnell benutztes Wort. Du triffst dann mit Sicherheit einen Prozentpunkt richtig.

Aber ich glaube, dass ein Großteil mit denen überhaupt nichts am Hut hat. Ja, die sind einfach nur anderer Meinung und die wollen das auch auf diesen Demos ausdrücken. Aber ich glaube: Schublade auf und dann erstmal ein Riesenstempel, den eigentlich keiner will, abzukriegen - das ist echt ein großes Problem.

Breyer: Gibt es Umfelder Freunde, Familie etc. wo Sie sagen, da kann ich noch komplett reden, wie ich möchte?

Piesker: Im Prinzip ist das sicherlich in meinem privaten Umfeld einfacher, was das Thema Meinungsfreiheit angeht. Ich bin leidenschaftlicher Motorradfahrer und das schon seit vielen, vielen Jahrzehnten. Ich lebe das mit Haut und Haaren und das ist in der Rockerszene, in der ich mich auch aufhalte, ein ganz anderes Thema.

Man geht viel einfacher und viel offener damit um. Da hat jeder seinen Vogel und ist trotzdem akzeptiert und auch toleriert. Da fühle ich mich wesentlich wohler. Man kann viel offener miteinander umgehen und auch über Themen sprechen.

Breyer: Weil die Menschen dort so denken wie Sie oder weil es eine andere Diskussionskultur gibt?

Piesker: Es ist eine andere Diskussionskultur. Jeder kann mit seinen Ideen, und mit seinem Vogel, mit seiner Meinung jederzeit kommen. Und man lässt ihn auch machen. Solange du mir nicht deine Meinung aufzwingst, ist es auch völlig in Ordnung. Und das habe ich in den 30 Jahren, wo ich da drin bin, so kennengelernt.

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Breyer: Dieses ganze Thema, was wir jetzt besprechen Meinungsklima, Debattenkultur, Meinungsfreiheit. Was macht das mit uns als Gesellschaft aus Ihrer Sicht?

Piesker: Ich denke, das wird uns langfristig sicherlich spalten. Und ich finde das nicht gut.

Wir müssen in die Diskussionskultur zurückgehen und nicht nur alles niederschreien.

Wir müssen das Schubladendenken wegmachen. Wenn du nicht Mainstream bist, dann bist du einfach ein Gegner - diese Kultur muss aufgebrochen werden. Wir müssen wieder hin zu: an den Tisch setzen, quatschen, Und bevor es komplett verrutscht, an den Tresen stellen und ein Bier trinken.

Breyer: We agree to disagree, wie man im Englischen so schön sagt. Also wir sind anderer Meinung, aber das ist auch okay, und wir trinken trotzdem ein Bier zusammen.

Hier ist die ganze Doku zu sehen:

Wie steht es um die Meinungsfreiheit? Wird der Meinungskorridor enger – im Freundeskreis, im Job, in den Medien? Diesen Fragen ist Jochen Breyer für "Am Puls Deutschlands" nachgegangen.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
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