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Sexualisierte Gewalt - Evangelische Kirche: Aufarbeitung auf Raten

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Auch die Evangelische Kirche muss sich mit Fällen von sexualisierter Gewalt befassen, seit Jahrzehnten tun das die Landeskirchen. Die Gesamt-Kirche fand erst spät eine Antwort.

Kirche und Missbrauch (Symbolbild)
881 Missbrauchsfälle gab es in der evangelischen Kirche.
Quelle: Friso Gentsch/dpa

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche von 2010, der mit den Fällen am Berliner Canisius-Kolleg in der großen Öffentlichkeit publik wurde, habe in der evangelischen Kirche Schockwellen ausgelöst, sagt die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs: In den einzelnen Landeskirchen sind Präventionskonzepte nachgebessert oder entwickelt worden, so Fehrs.

Auf der übergeordneten EKD-Ebene aber hat sich lange kaum etwas getan. Erst 2018 kam die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt auf die Agenda einer Synodentagung. Für diese überfällige Aufgabe wurde ein Beauftragtenrat ins Leben gerufen mit der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs als Sprecherin und es wurde eine Gewaltschutzrichtlinie verabschiedet, die vor allem der Prävention in den Gemeinden dienen soll.

2019 wurde eine zentrale Anlaufstelle für Betroffene mit dem Namen "help" eingerichtet. Bis zum Sommer 2020 dauerte es, bis ein Beirat von Betroffenen gegründet wurde, damit sie an der Aufarbeitung beteiligt werden. Schließlich ist eine umfangreiche Studie in Auftrag gegeben worden, die auch untersuchen soll, wo und warum speziell im evangelischen Bereich Risiken für sexualisierte Gewalt bestehen.

881 Fälle in der evangelischen Kirche

Bis jetzt liegt die Zahl von Menschen, die seit 1950 in der evangelischen Kirche sexualisierte Gewalt erfahren haben, bei 881 Fällen. Sie betreffen nicht nur den Bereich der Landeskirche, sondern vor allem auch Einrichtungen der Diakonie und Kinderheime. Der neue Sprecher des Betroffenenrates, der Braunschweiger Bischof Christoph Meyns, geht davon aus, dass die Dunkelziffer ein Vielfaches davon betrage.

Seit 2012 ist es Standard in den Landeskirchen, dass die Staatsanwaltschaft im Verdachtsfall eingeschaltet wird und gegebenenfalls disziplinarrechtliche Konsequenzen gezogen werden.

Therapien und Geldbeträge für die Opfer

In der Diskussion um sogenannten Anerkennungsleistungen plant die Kirche auch weiterhin, den Betroffenen in der Regel nicht pauschale Zahlungen zu leisten wie in der katholischen Kirche, sondern hält an dem System der individuellen Leistungen fest. Dazu gehören Therapien, aber auch Geldbeträge.

Seit 2012 haben die Landeskirchen bisher 7,4 Millionen bezahlt. Gemeinsame Standards für die die Ermittlung dieser Leistungen gibt es bei den zwanzig evangelischen Landeskirchen aber nicht.

In der avangelischen Kirche fehlt eine Aufarbeitungskommission

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, nannte es"historisch", als die katholische Kirche 2020 eine unabhängige Kommission mit verbindlichen Regeln für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt eingerichtet hat. Auf evangelischer Seite ist das noch nicht geschehen.

Es geht dabei um die Untersuchung der Institution Kirche und um die grundlegenden Fragen: Was ist passiert? Welche Strukturen begünstigen sexualisierte Gewalt und wer hat Verantwortung übernommen?

Rörig forderte auch für die evangelischen Kirche einen "Ruck" und mehr Tempo bei dieser Aufgabe. Im Sommer dieses Jahres soll es so weit sein, und auch bei der evangelischen Kirche soll es dann für alle Landeskirchen allgemein verbindliche Kriterien und Standards für eine von der Institution unabhängige Aufarbeitung geben. 

Missbrauch in besonders perfider Weise

Dies ist überfällig: für die Opfer und auch für die Kirche. Für die Opfer, die einen Anspruch auf Aufklärung und nachvollziehbare Verantwortungsübernahme haben. Und für die Kirche, denn hier ist im Gegensatz zu anderen großen Organisationen die Machtposition der Täter und der Wunsch junger Menschen nach Lebensorientierung in besonders perfider Weise missbraucht worden.

Das verlorene Vertrauen muss wiedergewonnen werden. Lange hat es gedauert, bis sich die Institution evangelische Kirche auf den Weg konsequenter Aufarbeitung gemacht hat, sehr lange.

Reinold Hartmann leitet die ZDF-Redaktion Kirche und Leben evangelisch.

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