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"Kampf gegen sexuelle Gewalt erst am Anfang"

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Missbrauch in der Kirche - "Kampf gegen sexuelle Gewalt erst am Anfang"

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Zehn Jahre nach der Aufdeckung des #Missbrauch-Skandals in der Kirche beklagen Opfer eine Verschleppung der Aufklärung seitens der Kleriker und mangelnden staatlichen Druck.

Canisius-Kolleg in Berlin
Quelle: imago

"Sexueller Missbrauch ist kein Randphänomen, sondern gehört zu den Grundrisiken einer Kindheit in unserer Gesellschaft. Doch noch immer bekämpfen wir ein Phänomen vom Ausmaß einer Seuche mit Heftpflaster." Mit diesen Worten setzt Matthias Katsch den Grundton seines Buches "Damit es aufhört. Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche." Katsch, weiß aus persönlich erfahrenem Leid, wovon er spricht und schreibt.

Hohe Dunkelziffer von Missbrauchsfällen

Der inzwischen 56-jährige Philosoph aus Offenburg deckte auf den Tag genau vor zehn Jahren gemeinsam mit zwei weiteren ehemaligen Schülern den langjährigen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen am katholischen Canisius-Kolleg in Berlin auf. Als Teenager ist Katsch wie viele andere Mitschüler dort von Patres bedrängt und missbraucht worden. Nachdem der Skandal publik wurde, meldeten sich mehr als 100 ehemalige Schüler mit ähnlichen Schicksalen. Katsch, der zusammen mit anderen Betroffenen die Initiative "Eckiger Tisch" gründete, geht von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.

Tatsächlich verdichtete sich damals schnell der Verdacht, dass sexueller Kindesmissbrauch in etlichen Einrichtungen der Kirche - nicht nur der katholischen - ein ungeheures Ausmaß hatte. Eine 2014 von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie unabhängiger Forschungsinstitute kam 2018 zu dem zentralen Ergebnis, dass es zwischen 1946 und 2014 "bei 1670 Klerikern der katholischen Kirche Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger" gegeben habe.

Staat überlässt Kirchen die Aufklärung

Insgesamt seien 3.677 Kinder und Jugendliche von sexuellem Missbrauch betroffen gewesen. Auch die Autoren der Studie gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, kritisierte jüngst: "Noch lange nicht alle der 27 Bistümer haben mit der umfassenden Aufarbeitung begonnen." Rörig fordert deshalb, dass die Bischöfe nun "Farbe bekennen" müssten. Ähnlich äußert sich etwa Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Mehr Druck aber macht der Staat nicht.

Matthias Katsch fordert deshalb, dass Aufklärungsarbeit nicht allein der Kirche überlassen werden dürfe: "Gerade weil sie ja nicht unabhängig, sondern tatbeteiligt ist, braucht man an dieser Stelle die Unterstützung von außen." Zumal in der Vergangenheit zahlreiche Taten vertuscht worden sind.

Papst setzt nun auf Zusammenarbeit mit Staatsanwälten

Immerhin haben die Kirchenoberen - nicht zuletzt wegen des öffentlichen Drucks und der weiterhin hohen Austrittszahlen von Mitgliedern erkannt - dass sie das Thema Missbrauch nicht weiter aussitzen können. So schaffte Papst Franziskus 2019 das "päpstliche Geheimnis" ab, wenn es um Verfahren wegen sexueller Gewalt geht. Dieses hatte die Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaften verhindert.

Kleriker sind zudem verpflichtet, Informationen über Missbrauchsverdachtsfälle "unverzüglich" bei den zuständigen kirchlichen Stellen anzuzeigen. Die Diözesen müssen zudem leicht zugängliche Meldestellen einrichten. Für Missbrauchsopfer bieten katholische und evangelische Kirche nun auch medizinische und psychotherapeutische Hilfe an.

Hilfe von staatlichem Portal

Missbrauchsopfer oder deren Angehörige, die Beratung und Hilfe suchen, sich aber nicht an kirchliche Stellen wenden möchten, können auch den Service des staatlichen "Hilfeportal sexueller Missbrauch" in Anspruch nehmen.

Neben Informationen über medizinische Therapiemöglichkeiten leistet das Portal auch telefonisch unter der kostenfreien Nummer 0800-2255530 juristische Informationen, zum Beispiel darüber, welche neuen Rechte Opfer von sexuellem Missbrauch inzwischen vor Gericht haben oder wie Betroffene durch das 2019 reformierte Opferentschädigungsgesetz leichter Hilfe und Unterstützung bekommen können.

Missbrauchsopfer warten noch immer auf Entschädigung

Von Seiten der Kirche warten Missbrauchsopfer bis heute auf finanzielle Entschädigung. Zwar hatten die Bischöfe 2010 beteuert, an der Seite der Opfer zu stehen, allerdings gibt es bei dem Thema Geld Streit. Opferverbände haben zuletzt eine Entschädigung von monatlich 500 Euro angesetzt – hochgerechnet auf eine Lebenserwartung von 50 Jahren ab der Tat würde das für jeden Betroffenen pauschal 300.000 Euro bedeuten. Der Knackpunkt: Bischof Ackermann sieht derzeit "keine Alternative zur Zahlung von Entschädigungsleistungen für Missbrauchsopfer aus der Kirchensteuer". Die Kirchenmitglieder seien als "Solidargemeinschaft in der Pflicht". Neuer Ärger ist da vorprogrammiert.

Matthias Katsch zieht nach zehn Jahren eine eher bittere Bilanz: Trotz der gesellschaftlichen Diskussionen seien Abwehr und Scheu beim Thema Kindesmissbrauch immer noch ausgeprägt. "Immer noch werden Missbrauchsfälle von den Verantwortlichen vertuscht, immer noch warten die Opfer auf angemessene Entschädigung." Katsch glaubt deshalb: "Der gesellschaftliche Kampf gegen sexuelle Gewalt hat gerade erst begonnen."

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