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Aufarbeitung in katholischer Kirche - Missbrauch: "Allerlei subtile Verzögerungen"

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Viele Missbrauchsopfer warten seit Jahren auf die Bestrafung ihrer Peiniger. Strafrechtsprofessor Putzke über das Versagen von Kirche und Politik in der Aufarbeitung.

Archiv: Bischofskonferenz
"Die Kirche hatte noch nie ein Interesse daran, dass der Staat sich in ihre Angelegenheiten einmischt", sagt Strafrechtsexperte Holm Putzke.
Quelle: dpa

heute.de: Gemeinsam mit fünf weiteren Strafrechtsprofessoren haben Sie im Oktober 2018 staatsanwaltliche Ermittlungen zu den Missbrauchsvorfällen in der katholischen Kirche angestoßen. Welches Zwischenfazit ziehen Sie heute?

Holm Putzke: Wir haben damals bundesweit Strafanzeige bei 27 Staatsanwaltschaften gestellt, in denen die untersuchten Diözesen ihren Sitz haben. Viele Straftaten sind inzwischen verjährt, weshalb die Verfahren gegen Beschuldigte eingestellt werden mussten. Wer den Umgang der katholischen Kirche mit der Problematik des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Kleriker in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, für den ist das Ergebnis nicht überraschend.

heute.de: Was meinen Sie konkret?

Putzke: Die Kirche hatte noch nie ein Interesse daran, dass der Staat sich in ihre Angelegenheiten einmischt. Jahrhundertelang hat sie deshalb Parallelstrukturen gebildet und versucht, sich von staatlichem Recht und der Staatsgewalt abzuschirmen. Im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen hat die katholische Kirche sich durch allerlei subtile Verzögerungen, die in der Regel ihr auch zuzurechnen sind, wirklich redlich darum bemüht, damit die in ihren Reihen massenweise begangenen Verbrechen an Kindern inzwischen nicht mehr verfolgbar sind.

Zunächst hat die katholische Kirche jahrzehntelang vertuscht, hat Akten in Geheimarchiven verschwinden lassen und für die Ende September 2018 vorgestellte "Missbrauchsstudie" der Kommission nur zuvor gefilterte Unterlagen übergeben. Das alles hat dazu geführt, dass viele Täter sich viele Jahre lang vor dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden sicher fühlen durften und viele Taten inzwischen verjährt sind.

heute.de: Das heißt, dass viele Missbrauchsopfer vergeblich auf die Bestrafung ihrer Peiniger warten…

Putzke: Dass Straftaten irgendwann verjähren, ist gut und richtig. Das mag aus Opfersicht zwar ungerecht und unbefriedigend erscheinen, dient aber vor allem dem Rechtsfrieden. Das gilt auch für Straftaten, die für Opfer lebenslange negative Folgen haben. Beim Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sollte die Frist allerdings so lang sein, dass kein Täter sich selbst nach Jahrzehnten sicher fühlen kann. Aber irgendwann ist es legitim, dass Straftaten verjähren - immerhin haben Opfer viele Jahre Zeit, Strafanzeige zu erstatten, und im Übrigen wird die Beweislage nach Jahrzehnten des Wartens auch nicht besser.

heute.de: Ist es Ihnen möglich, einzuschätzen, wie die Staatsanwaltschaften an die Ermittlungsarbeiten herangegangen sind, nachdem Sie und Ihre Kollegen Strafanzeige erstattet hatten?

Putzke: Manche Staatsanwaltschaften haben den Bistümern nach unserer Anzeige deutlich gemacht, dass die relevanten Akten herauszugeben sind oder sonst Konsequenzen drohen, manche haben eher zurückhaltend appelliert, andere pauschal jeden Tatverdacht verneint, mit der fadenscheinigen Begründung, es gebe keine konkreten Täter, weshalb kein Anfangsverdacht vorliege. Diese Begründung ist abwegig. Selbstverständlich gibt es zu den in der Missbrauchsstudie aufgeführten Fällen Täter und die katholische Kirche kennt jeden einzelnen.

Hier ist auch der Politik, konkret etwa der niedersächsischen Justizministerin Barbara Havliza, ein schwerer Vorwurf zu machen, die sich nach Erstattung der Anzeigen sogleich zu Wort gemeldet und das Vorliegen eines Anfangsverdachts mangels konkreter Täter pauschal bestritten hat. Anstatt sich mit derart unqualifizierten Äußerungen in die Ermittlungen einzumischen, hätte die Politik stattdessen von Anfang an viel mehr Druck aufbauen müssen, damit unverzüglich sämtliche relevanten Akten herausgegeben werden.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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