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Der Skandal nach dem Skandal

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Kommentar: Schuld der Kirche - Der Skandal nach dem Skandal

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Canisius, Ettal, Regensburg: Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche wurden vor zehn Jahren erstmals publik. Die Opfer warten bis heute auf Entschädigung.

Kommentar: Britta Spiekermann zum Missbrauchskandal in der katholischen Kirche
Quelle: ZDF/dpa

Es waren Mönche, Priester und Bischöfe, die Kinder und Jugendliche, die in ihrer Obhut waren, manipulierten, misshandelten, missbrauchten: die katholische Kirche als Täter. Keine Einzelfälle, sondern, wie sich herausstellte, ein perfides System. Es wurde geschwiegen, vertuscht, versetzt. Gesellschaft und Politik waren damals schockiert.

Die vermeintlich oberste moralische Instanz geriet ins Wanken, die Kirche warf sich zunächst reumütig in den Staub. Mit der Politik nahm man Platz am Runden Tisch, bezeichnender Weise nicht eingeladen: die Opfer. Große Worte folgten: Aufklärung, Wiedergutmachung. Doch das Versprechen blieb bis heute in vielen Punkten ein Versprechen.

Entschädigungen mit Verzögerungstaktik

Nur jeweils bis zu 5.000 Euro in 2.000 Fällen hat die katholische Kirche bislang an Betroffene als "Symbol der Anerkennung" ihres Leids gezahlt. Das ist keine Entschädigung, sondern ein Hohn für die Opfer, die häufig an den Spätfolgen leiden und kein normales Leben führen können. Der Betroffenenverband "Eckiger Tisch" fordert bis zu 400.000 Euro pro Opfer, gestaffelt nach der Schwere des Falles.

Die Kirche übt sich bislang erfolgreich in Verzögerungstaktik. Zwar wurde eine Kommission ins Leben gerufen, die auch von sehr viel höheren Zahlungen ausgeht, doch von einer Einigung unter den Bischöfen ist man weit entfernt. Der jüngste Vorschlag von Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs, die Entschädigungen aus der Kirchensteuer zu bezahlen, ist an Zynismus kaum zu übertreffen, würden doch auch unbescholtene Gläubige in Mithaftung genommen für die Taten anderer.

Zehn Jahre sind seit der Aufdeckung von sexuellem Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche vergangen. Der Regierungsbeauftragte Rörig fordert nun einen Pakt gegen sexuellen Missbrauch.

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Die Täter werden geschützt

Und was ist mit den Tätern? Auch dieses Kapitel ist beschämend. Die wenigstens wurden zur Rechenschaft gezogen, die meisten Fälle: verjährt. Noch heute kontrolliert die Kirche sich im Prinzip selbst, gibt es eine interne Gerichtsbarkeit neben der staatlichen Aufklärung. Die sogenannten Leitlinien, mit denen die katholische Kirche Missbrauchsfällen nachgeht, wurden zwar nach 2010 verschärft, lassen aber nach wie vor Spielraum für eigenes Ermessen.

Wann wird der Fall der Staatsanwaltschaft gemeldet: Wenn der Fall erwiesen ist oder nur dann, wenn weitere Gefahr droht? Kritische Theologen empfinden das schon lange als selbstherrliches Verhalten und wenden sich immer wieder eindringlich an Öffentlichkeit und Politik, so wie der Priester und Pastoraltheologe Wolfgang Beck:

Wieso akzeptiert eine demokratische Gesellschaft ein vormodern-absolutistisches Geflecht in ihrer Mitte? Helft uns! Kontrolliert uns - endlich!
Priester und Pastoraltheologe Wolfgang Beck

Aufklärung mit zahlreichen Lücken

Die Aufklärung und Aufarbeitung ist bis heute sehr lückenhaft, die Kirche nimmt sich das Recht raus, sie selbst zu steuern. 2018 veröffentlichte ein Forscherteam eine erste Missbrauchsstudie. Der Zugang zu den Archiven war nicht direkt, doch trotz aller Einschränkungen fanden die Forscher in den Bistümern Hinweise auf 1.670 Geistliche, die in den vergangenen sieben Jahrzehnten 3.677 Kinder und Jugendliche missbraucht hatten.

Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Die Kirche verspricht nun ein gemeinsames Regelwerk, nach dem alle 27 Bistümer nach gleichen Kriterien aufarbeiten sollen - unter der Kontrolle von Externen und Betroffenen. Beschlossen ist das noch nicht, überfällig ist es in jedem Falle. "Öffnet endlich eure Archive", fordern Opfer schon seit langem.

Die Bilanz ist ernüchternd

Auch zehn Jahre nach dem Missbrauchsskandal attestieren Forscher der katholischen Kirche ein strukturelles Problem, das Missbrauch begünstige und ihn sogar fortbestehen lasse. Verantwortlich dafür ist der Zölibat, eine damit einhergehende verklemmte Sexualmoral, ein männerbündisches System. Kritische Theologen fordern externe Kontrolle, weil sich die Kirche nicht aus sich selbst reformieren könne.

Doch die Politik ist bis heute im Wesentlichen Zaungast. Beschämend ist das Feilschen um Entschädigungen. Die Opfer fordern Wiedergutmachung, sie können nicht weitere zehn Jahre warten. Die katholische Kirche ist zum Täter geworden - sie darf nicht mehr zögern, ihre Schuld zu begleichen.

Wie ein Strafrechtler den Missbrauchsskandal in der Kirche und dessen Aufarbeitung sieht, lesen Sie in diesem Interview:

Bischöfe beim Gottesdienst

Aufarbeitung in katholischer Kirche - Missbrauch: "Allerlei subtile Verzögerungen"

Viele Missbrauchsopfer warten seit Jahren auf die Bestrafung ihrer Peiniger. Strafrechtsprofessor Putzke über das Versagen von Kirche und Politik in der Aufarbeitung.

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