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Kommentar

Missbrauch in der Kirche : Zu spät für den Befreiungsschlag

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Die Kirche sei an einem "toten Punkt" angelangt, sagte der Kardinal - im letzten Juni. Das Adjektiv "tot" lässt sich nicht steigern, aber heute gäbe es Grund dafür.

Erzbischof Reinhard Marx gibt zu, auch persönlich Fehler gemacht zu haben. Die größte Schuld sei gewesen, Betroffene übersehen zu haben. "Das ist unverzeihlich", sagt der Kardinal auf einer Pressekonferenz in München. Reformen seien notwendig.

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Die, die es gut meinen mit der Kirche, hatten noch auf einen Befreiungsschlag gehofft. Doch die Stellungnahme des Münchner Erzbischofs zeigt: Das Repertoire an Gesten und Worten ist zu erschöpft, um der Vertrauenserschütterung noch etwas entgegenzusetzen.

Das Bekenntnis kommt spät, für viele zu spät

Für einen Befreiungsschlag ist es zu spät, der Kirche fehlen die Instrumente dafür. "Scham", "Schuld", "Verantwortung" - die Vokabeln haben sich erschöpft und abgenutzt in den Mühlen der Zeit, in der Halbherzigkeit der Aufklärung und den enttäuschten Versprechen auf Konsequenzen und Reformen. Man nimmt Reinhard Marx seine Demut und seine Scham vor den monströsen Verbrechen seiner Kirche sogar ab. Doch das Bekenntnis kommt spät, für viele Betroffene zu spät, und es bleibt zu folgenlos. 90 Minuten lang führt Münchens Kardinal Marx vor Augen, wie tief sich die katholische Kirche in die Ausweglosigkeit gegraben hat.

Auch das Symbol des Rücktritts ist verbraucht. Das Angebot des Münchner Kardinals auf Amtsverzicht lehnte Papst Franziskus im Juni ab. Ein neuer Versuch, inklusive des Risikos, erneut am Papst zu scheitern, hätte das Symbol entwertet.

Dass es vielen - Kirchenfernen wie Kirchenanhängern - sogar inzwischen egal ist, ob ein Bischof zurücktritt oder nicht, ist das Bemerkenswerte dieser Krise.

Auf die Empörung über die pädokriminelle Energie und die systemische Leugnung und Vertuschung in der Kirche folgt nun die Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Zukunft. Hauptamtliche Mitarbeiter, treueste Anhänger, seit Kindheit Engagierte verlassen die Kirche. Sie hat ihr Potential verloren, Heimat für Menschen zu sein - das ist die bittere Bilanz von Jahrzehnten verpasster Chancen.

Der Professor für Kirchenrecht an der Universität Münster, Thomas Schüller, plädiert für eine unabhängige Kommission, die das gesamte Feld des Missbrauchs aufarbeitet. Aufbruch in der Kirche bedeute, sich wieder auf das Evangelium zu beziehen.

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Ungeheuerlichkeiten der Missbrauchs-Aufarbeitung

Marx' Versprechen auf tiefgreifende Kirchenreformen ist gut gemeint, aber zielt in einen Raum, der voller Widerstände ist. Für eine Erneuerung von Sexualmoral, Leitungsverständnis und priesterlicher Lebensform fehlt der Weltkirche der Konsens und den Beharrungskräften im Vatikan der Wille. Marx weiß das und läuft trotz guter Absichten Gefahr, neue Enttäuschungen zu produzieren.

Als Miterfinder des "Synodalen Wegs", des Erneuerungsprozesses innerhalb des deutschen Katholizismus, hat er selbst erfahren müssen, wie tief auch in Deutschland die Gräben zwischen Erneuerern und Bewahrern sind. Dass die Kirchenkonservativen das Missbrauchsgutachten gar als Instrumentalisierung des Missbrauchs für die Anliegen der Reformer diffamieren, gehört zu den vielen Ungeheuerlichkeiten der Missbrauchs-Aufarbeitung.

„Lassen Sie uns gemeinsam überlegen, wie man eine Beratungsstelle für Opfer aufbauen kann“, bittet Matthias Katsch, Opferinitiative „Eckiger Tisch", zum Missbrauchsgutachten.

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Wuchtig, aber unkonkret

So wuchtig das Schuldbekenntnis des Kardinals auch ausfiel, so unkonkret bleibt, was daraus jetzt folgt: für die Pfarrgemeinden, in denen sich Missbrauchsopfer melden; für die Strukturreform der deutschen Kirche; für die Entschädigungspraxis; für die Frage außerkirchlicher Aufarbeitung.

"Ich klebe nicht an meinem Amt", sagt Erzbischof Marx. Das nimmt man ihm ab. Aber was er mit seinem Amt noch vorhat, das bleibt erschreckend offen. 

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