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Günstiger Nahverkehr ab Mittwoch : Fünf Lehren aus dem Hype ums Neun-Euro-Ticket

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Am Mittwoch startet das Neun-Euro-Ticket im Nahverkehr. Kann es der Startschuss zu einer Verkehrswende sein? Experten blicken gespannt auf ein großes und einmaliges Experiment.

Berlin. Fahrgäste warten am Bahnsteig Friedrichstrasse auf die S-Bahn.
Berlin. Fahrgäste warten am Bahnsteig Friedrichstrasse auf die S-Bahn.
Quelle: Fabrizio Bensch/Reuters

Ob nach Sylt oder zur Arbeit - ab Mittwoch sind Millionen Menschen in Deutschland mit dem Neun-Euro-Ticket unterwegs. Sie zahlen deutlich weniger oder werden gar zum ersten Mal zu regelmäßigen Bahnfahrern. Kann das gutgehen, oder stehen drei chaotische Monate bevor? Schon jetzt können fünf Lehren aus dem Neun-Euro-Ticket gezogen werden.

1. Das ganze Projekt ist mit heißer Nadel gestrickt

Am 27. April beschloss das Bundeskabinett diverse an Entlastungen gegen stark gestiegene Energie- und Kraftstoffpreise, darunter das Neun-Euro-Ticket. Es war ein intensives politisches Ringen. 2,5 Milliarden Euro an Ausgleichszahlungen kosten die Tickets den Bund für drei Monate.

Für neun Euro einen Monat lang in ganz Deutschland den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Ab 1. Juni gilt das neue Ticket, seit heute ist es bundesweit erhältlich.

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"Die Politik sollte solche Entscheidungen nicht nachts um drei Uhr als Hauruckaktion fällen. Bahn-Personenverkehr-Vorstand Berthold Huber hat von dem Beschluss erst im Nachhinein erfahren", sagt Lukas Iffländer, stellvertretender Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn, gegenüber ZDFheute. "Mit besserer Planung und Einbeziehung der Beteiligten hätte man einige Probleme vermeiden können." Was Iffländer problematisch findet:

Das Ticket ist eine super Idee, aber der Zeitpunkt passt nicht. Juni und Juli sind eigentlich die Bau-Monate, wo viele Strecken gesperrt sind. Dazu kommt der Reiseverkehr. Vielleicht wäre September bis November der bessere Zeitraum gewesen.
Lukas Iffländer, Fahrgastverband Pro Bahn

Seine Sorge ist, dass Bahnkunden schnell wieder im Auto sitzen, sollten sie jetzt schlechte Erfahrungen mit überfüllten Bahnen machen. "Das Neun-Euro-Ticket wird zeigen, dass die aktuelle Infrastruktur nicht geeignet ist, so ein Angebot dauerhaft anzubieten. Mit diesen Erfahrungen können wir dann aber auf die Politik zugehen und Verbesserungen einfordern."

Man werde etwa ehrenamtliche Fahrgastzähler auf Stecken einsetzen, wo seit Jahren eine Einstellung diskutiert werde. "Wenn wir jetzt sehen, dass die Züge dort voll sind, dann ist das ein mächtiges Argument", sagt Iffländer.

Die Bahn-Industrie wird vermutlich stark von der geplanten Verkehrswende profitieren. Doch auch diese Branche kämpft mit Lieferengpässen und hohen Preisen.

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2. Der ÖPNV in Deutschland ist viel zu kompliziert

Dutzende Tarifverbünde, viele davon mit eigenen Tarifmodellen - der öffentliche Nahverkehr (ÖPNV) in Deutschland erinnert an Kleinstaaterei. "Das System, wie wir öffentlichen Verkehr organisieren, ist viel zu kompliziert und kleinteilig. All die Ausnahmen beim Neun-Euro-Ticket und auf welchen Linien es gilt, sind nicht leicht zu erklären." Iffländer ist sicher, dass die vielen Tarifregeln und damit verbundene Kosten Menschen von der Bahnnutzung abhalten.

Da müsste man eigentlich von oben mit dem Rasenmäher kommen und radikal vereinfachen. Das wäre aber ein Großvorhaben vom Umfang einer zweiten Bahnreform.
Lukas Iffländer, Fahrgastverband Pro Bahn

Das Neun-Euro-Ticket sei ein Schritt in die richtige Richtung: "Erste Verkaufszahlen zeigen, wie viele Leute den ÖPNV nutzen würden, wenn er einfach und günstig verfügbar wäre."

3. Eigentliches Ziel verfehlt? Von der Pendlerentlastung zum Freizeitticket

Geplant war das Neun-Euro-Ticket von der Politik zunächst, um angesichts hoher Energiepreise Pendler zu entlasten. "In der öffentlichen Wahrnehmung hat aber eine Akzentverschiebung stattgefunden, weg von der Pendlerentlastung hin zu einem Fokus auf Freizeitmobilität", sagt Jürgen Gies vom Deutschen Institut für Urbanistik. "Die Fernverkehrspendler etwa sind ganz vergessen worden."

"Im Alpenraum, am Bodensee und auf anderen Freizeitverbindungen könnte es zu einer starken Belastung führen", sagt Gies ZDFheute. Jetzt schaue man gespannt auf das Pfingstwochenende.

So bereitet sich der ÖPNV auf den Ansturm vor. Für die nächsten drei Monate kann damit der deutsche Nahverkehr komplett genutzt werden inklusive Regionalzügen.

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4. Neun-Euro-Ticket ist ein gigantischer Feldversuch

Für Verkehrsexperten und Mobilitätsforscher ist das Neun-Euro-Ticket eine einmalige Chance: "Es ist ein großes Experiment mit kurzem Vorlauf. Aus den nächsten drei Monaten sollte man viel Wissen ziehen können", sagt Gies. Etwa wie die Preisgestaltung die Nachfrage beeinflusst und welche Regionen oder sozialen Gruppen besser erreicht werden. Auch Philipp Kosok vom Thinktank Agora Verkehrswende hofft auf spannende Erkenntnisse:

Es gab noch nie ein Experiment im ÖPNV mit solch einem Ausmaß. Die Mobilitätsforschung ist höchst gespannt auf die Daten.
Philipp Kosok, Agora Verkehrswende

Kosok warnt jedoch auch vor falschen Schlüssen: "In diesem Experiment gelten einmalige Bedingungen: der für alle unerwartete Anstieg der Spritpreise, die enorme mediale Aufmerksamkeit, die Ferienzeit. Um die Ergebnisse zu verstetigen, wird es nicht ausreichen, die Aktion einfach fortzuführen."

5. Für den dauerhaften ÖPNV-Ausbau ist viel mehr nötig

In den kommenden drei Monaten trifft eine ungewohnt hohe Nachfrage auf ein weitgehend unverändertes Angebot. 50 zusätzliche Züge stehen laut Bahn bereit. Mehr kann so kurzfristig kaum auf die Schiene gebracht werden. Lokführer etwa waren schon vorher Mangelware. Nötig wären langfristige Investitionen. "Daher macht es mir große Sorgen, dass die Bundesregierung viel über die Finanzierung des Neun-Euro-Tickets debattiert hat, jedoch noch kein einziger Euro für zusätzliche Bus- und Bahnfahrten gesichert ist", beklagt Kosok.

Er plädiert dafür, durch das Neun-Euro-Ticket eintretende Entlastungseffekte im Straßenverkehr direkt zu nutzen - etwa Fahrspuren zu Bus- und Radspuren umzugestalten. "Ein Neun-Euro-Ticket macht noch keine Verkehrswende, doch wenn in den nächsten Monaten weitere Maßnahmen aus der Bundesregierung und den Kommunen folgen, könnte der 1. Juni 2022 der Einstieg in die Verkehrswende sein."

Baden-Württemberg, Stuttgart: Menschen warten an einem Gleis des Tiefbahnhofs im Hauptbahnhof auf die S-Bahn.

Neun-Euro-Ticket - "Überfüllter Zug, da tobt der Bär" 

Vor dem Start der Rabattaktion für Bus und Bahn mischen sich Freude und bange Erwartung. Die Bahn setzt Sonderzüge ein, Branchenkenner fürchten dennoch "drei sehr heiße Monate".

von Marcel Burkhardt
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