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Nobelpreisträger über Forschung - Genzel: Deutschland hält mit, USA lassen nach

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Der Physik-Nobelpreisträger Genzel lobt die deutsche Forschung - auch mit China oder den USA könne sie mithalten. Und zum Corona-Kurs der Bundesregierung hat er eine klare Meinung.

Physik-Nobelpreisträger Prof. Reinhard Genzel im "heute-journal"-Interview

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ZDF: Sie sind bereits vielfach ausgezeichnet, Herr Professor Genzel. Was bedeutet Ihnen nun dieser Preis, der Nobelpreis? Haben sie insgeheim auch ein bisschen damit gerechnet?

Reinhard Genzel: Eigentlich nicht, denn ich hatte vor acht Jahren mal das Äquivalent des Nobelpreises in Schweden für Felder, für die es keinen Nobelpreis gibt, bekommen. Das nennt sich der Crafoord-Preis. Und da hatte ich gedacht, naja, das ist es jetzt sozusagen. Im Übrigen war es so: In den letzten wenigen Jahren gab es dreimal den Preis für Astrophysik-Wissenschaften innerhalb der Physik. Und da hatte ich gedacht also nee, nee. Heute Morgen, das hat mich doch sehr erstaunt und erfreut.

ZDF: Wenn sie einem Laien in Naturwissenschaften in aller Kürze mal erklären müssen, was der Kern ihrer Forschung ist. Was sagen Sie dann?

Genzel: Wir versuchen in der Astrophysik, von weiter Distanz her typischerweise, mit Methoden des Lichts in unserem Falle - aber inzwischen haben wir ja auch die Gravitationswellen - Objekte und Physik zu verstehen. Und im galaktischen Zentrum vermuten wir seit vielen Jahren, dass sich dort ein massereiches Vier-Millionen-Sonnenmassen schwarzes Loch befindet. Und die Frage war jetzt: Wie kann man so ein Objekt von so einer Distanz, wo man nicht mit dem Labor hinfahren kann, dingfest machen? Und zwar in der Qualität von Beweisen, die man auf der Erde in Labors herstellen kann. Und das hat eine lange Zeit gedauert, immer bessere Instrumente zu bauen.

Wir tun das, indem wir die Gravitation selber benutzen. Wenn Sie sich das Sonnensystem vorstellen, sie haben die Sonne und Planeten, dann müssen die Planeten auf Bahnen herumlaufen. Und wenn Sie jetzt mal in Gedanken die Sonne abschalten, kein Licht mehr, dann bewegen die sich immer noch auf denselben Bahnen. Und sie können schließen dann aus der Messung der Bahn, dass es eine Sonnenmasse in der Mitte geben muss. So ähnlich ist es, wie wir das tun, mit Sternen und Gas in weit entfernten Objekten.

Schwarze Löcher – mysteriöse Objekte im Universum. Für ihre Erforschung erhalten drei Ausgezeichnete, darunter eine Frau, den Physik-Nobelpreis. Der deutsche Astrophysiker Genzel wird für den Nachweis eines Schwarzen Loches in der Milchstraße geehrt.

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ZDF: Und damit hatte sich ja nun auch schon Albert Einstein mit seiner Relativitätstheorie befasst. Kann man jetzt sagen, sie sind so etwas wie ein moderner Einstein? Haben sie ihn vollendet? Oder haben Sie ihn überwunden gar?

Genzel: Nein, nein, keinesfalls. Ich würde sagen, wie immer in der Physik ist es so, dass man an irgendeinem Zwischenzustand ist. Man hat schon Erfolge vorzuweisen. Aber die Theorie von Einstein ist in dem Sinne noch nicht voll bewiesen, wenn sie das wollen. Wir müssen noch genauer messen. Auch die Gravitationswellen vor ein paar Jahren sind noch nicht voll ausreichend. Das wird schon noch dauern. Aber sagen wir mal, die Qualität der Evidenz wird erdrückend.

ZDF: Sie arbeiten in Deutschland, waren aber lange auch in den USA. Die Kontakte sind ja auch eng. Und den USA wird gerne nachgesagt, die besten Wissenschaftsköpfe mit viel Geld abzuwerben. Auch China ist ja ein aufsteigender Player im Bereich der Wissenschaft. Kann Deutschland, kann Europa der auf Dauer mithalten?

Genzel: Ja, wir können mithalten! Also in Deutschland, muss ich sagen, die Einzigartigkeit in der Grundlagenforschung […] hat es möglich gemacht, Wissenschaftstalente hier nach Deutschland zu bringen, die wirklich nur noch anderweitig in die USA oder vielleicht in die Schweiz mal gehen würden. Es ist schon einzigartig. Darüber hinaus ist die europäische Zusammenarbeit einfach ganz essentiell für uns. Ohne die ginge es nicht. Und die Amerikaner haben da durchaus nachgelassen.

Sehen Sie hier die Pressekonferenz mit Reinhard Genzel.

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ZDF: Die Corona-Pandemie zeigt ja, dass die Skepsis an der Wissenschaft scheinbar größer wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden da in Zweifel gezogen. Vor allem, wenn sie nicht genehm sind. Wir sehen im Weißen Haus einen amerikanischen Präsidenten, der sich seine Fakten heraussucht, wie er sie braucht. Nehmen Sie solche Skepsis wahr? Besorgt sie das? Was, wenn der Wissenschaft nicht mehr geglaubt wird?

Genzel: Ja, nein, da haben Sie vollkommen recht. Da kann ich also gerade, weil sie die Pandemie angesprochen haben, nur erstmal sagen, da bin ich stolz auf Deutschland. Ich bin stolz auf unsere Bundeskanzlerin und auf unsere Politiker-Kaste. Da sie diesen Weg eben nicht beschritten haben. Natürlich, es gibt verschiedene Meinungen, und nicht alles ist gewusst, man muss auch lernen. Was in Amerika passiert im Moment ist eine Katastrophe. Wenn ich mit meinen Kollegen spreche aus Amerika, sie werden es kaum glauben, wie pessimistisch die sind. Dass ein Land, das so erfolgreich, so wahnsinnig erfolgreich über hundert Jahre war, im Moment praktisch am Zerbröseln ist. Und dass, wie sie sagen, auf der einen Seite eine Bevölkerungsschicht, natürlich weiterhin hervorragendes leistet. Und auf der andere Seite eine Bevölkerungsschicht, die unterstützt rein von politischen Motiven dies ablehnt, noch nicht mal diskutiert - und damit zu einer katastrophalen Verschlechterung des Landes führt. Es ist eine Katastrophe.

Das Interview führte "heute-journal"-Moderatorin und stellvertretende ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten.

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