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Organisation des Friedenspreises - Osloer Nobelinstitut in Geldnot

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Bibliothekare gärtnern, das Haus droht verkauft zu werden: Das norwegische Nobelinstitut hat große Finanzprobleme. Gerät die Unabhängigkeit der Institution in Gefahr?

Alter Torbogen mit Inschrift - der EIngang des norwegischen Nobelinstituts in Oslo.
Das norwegische Nobelinstitut in Oslo: Die Zuwendungen der Nobelstiftung wurden gekürzt.
Quelle: dpa

Heute ist es wieder so weit: Das norwegische Nobelkomitee verkündet, wer dieses Jahr den Friedensnobelpreis bekommt. Seit mehr als einem Jahrhundert spielt das Nobelinstitut in Oslo eine wesentliche Rolle bei der Verleihung des prestigeträchtigsten Friedenspreises der Welt.

Akute Geldprobleme ließen die altehrwürdige Institution jedoch zum verzweifelten Bittsteller werden. Auf der Suche nach Finanzierung wandte sich das Institut an das norwegische Parlament - und riskiert nach Ansicht einiger Beobachter damit seine Unabhängigkeit. Institutsdirektor Olav Njolstad beschreibt das Dilemma wie folgt:

In den vergangenen 20 Jahren haben sich unsere Einkünfte verringert, während gleichzeitig die Kosten weiter gestiegen sind.
Olav Njolstad, Direktor des Nobelinstituts in Oslo

Ohne zusätzliches Geld sei seine Organisation in zwei bis drei Jahren zahlungsunfähig.

Institut in Oslo hängt von Nobelstiftung ab

Das Nobelinstitut ist für Verwaltung und Organisation des Nobelpreises verantwortlich, dessen Gewinner jedes Jahr unter strenger Geheimhaltung von einem fünfköpfigen Komitee bestimmt werden. Die Mitglieder werden vom norwegischen Parlament ernannt, das bereits jetzt mit einem geringen Betrag die Institutsbibliothek unterstützt. Njolstad forderte zuletzt einen jährlichen Zuschuss in Höhe von acht Millionen norwegischen Kronen (780.000 Euro).

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Anders als die Nobelinstitutionen in Schweden, die jeweils eigene Dachorganisationen zur Finanzierungshilfe haben, hängt das Nobelinstitut in Oslo in großem Maße von den jährlichen Zahlungen der Nobelstiftung ab. Diese verwaltet das auf rund fünf Milliarden schwedische Kronen (490 Millionen Euro) angewachsene Erbe des 1896 gestorbenen schwedischen Chemikers und Ingenieurs Alfred Nobel.

Bibliothekare übernehmen Gärtnerarbeit

2013 kürzte die Stiftung die jährlichen Zahlungen nach Oslo auf 5,3 Millionen schwedische Kronen und brachte das Nobelinstitut damit in eine ernste Notlage. Seitdem wurde die Zahl der Angestellten von acht auf fünf reduziert, sogar der Landschaftsgärtner musste entlassen werden.

Zeitweise kümmerten sich zwei Bibliothekare um die Grünflächen des Institutsgebäudes, in dessen historischen Räumlichkeiten am Rande des Schlossparks in der Vergangenheit Friedensnobelpreisträger wie Nelson Mandela, der Dalai Lama und Malala Yousafzai zu Gast waren.

Doch die Nobelstiftung erwägt einen Verkauf des Hauses. Stiftungsdirektor Vidar Helgesen erklärte auf Anfrage:

Eine Immobilie zu unterhalten, die ständig Verluste einbringt und damit das Nobelvermögen auffrisst, ist keine zufriedenstellende Art der Kapitalverwaltung.
Vidar Helgesen, Stiftungsdirektor

Institutsdirektor Njolstad hingegen bezeichnete das Szenario eines möglichen Verkaufs als "entsetzlich". Also soll das Parlament helfen. Doch dort traf Njolstads Forderung auf wenig Begeisterung. Parlamentspräsident Tone Wilhelmsen Troen verwies auf "grundsätzliche und praktische Fragen" und forderte eine "offene politische Debatte" der Angelegenheit.

Gefahr der politischen Einflussnahme

Die Parlamentarier treibt dabei wohl auch der Fall Liu Xiaobo um. Der chinesische Dissident bekam 2010 den Friedensnobelpreis verliehen. Mit der Wahl verärgerte das Komitee die Regierung in Peking. Sechs Jahre diplomatische Eiszeit zwischen den Ländern waren die Folge sowie ein sehr wirkungsvoller chinesischer Importstopp für norwegischen Lachs. Angesichts der laufenden Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen schrecken einige Abgeordnete möglicherweise davor zurück, sich zusätzlich beim Nobelinstitut zu engagieren.

Dan Smith vom Stockholmer Friedensinstitut Sipri warnt explizit vor der Einflussnahme durch politische Gruppen, die durch höhere staatliche Finanzierung drohe. "Es gibt da Risiken, und ich wäre sehr, sehr vorsichtig", sagt Smith. Tatsächlich ist die Unabhängigkeit von der norwegischen Obrigkeit eines der wichtigsten Prinzipien des Nobelkomitees. Bereits seit 1936 ist es Ministern verboten, Mitglied zu werden. Auch Parlamentsabgeordnete dürfen seit 2017 nicht mehr in das Gremium gewählt werden.

von Pierre-Henri Deshayes und Tom Little, AFP

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