Fischsterben im Sommer: Nabu-Negativpreis geht an die Oder

    Fischsterben im Sommer:Negativpreis für Öko-Sünde geht an die Oder

    von Gabriele Lesser
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    Die Oder erhält den Negativpreis "Dinosaurier des Jahres". Doch das Fischsterben vom Sommer kann sich wiederholen: Polens Regierung hat bislang keine Gegenmaßnahmen ergriffen.

    Tote Fische schwimmen an der Wasseroberfläche des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder.
    Die Oder auf der Höhe von Krajnik Dolny in Polen: Laut Nabu die "größte Umweltsauerei" 2022.
    Quelle: dpa

    Das wochenlange Fischsterben im deutsch-polnischen Grenzfluss Oder bekommt als größte Umweltkatastrophe 2022 den diesjährigen Negativpreis "Dinosaurier des Jahres" des Naturschutzbundes Nabu.
    Polnische Industrieunternehmen, aber auch Gemeinden und sogar der Zoologische Garten von Wroclaw (Breslau) hatten ihre oft salzhaltigen Abwässer in die Oder geleitet. Dazu kamen Niedrigwasser und eine extreme Sommerhitze, die die Flusstemperatur stellenweise auf rund 27 Grad Celsius steigen ließ und eine für Fische, Muscheln und andere Flusslebwesen tödliche Blüte der Goldalge auslöste.
    Diese Alge kommt normalerweise nur in stehendem Brackwasser vor, nicht aber in Fließgewässern. Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger sagte während der Preisverleihung:

    Wer in diesem Jahr nach der größten Umweltsauerei sucht, hat sofort die Umweltkatastrophe an der Oder vor Augen.

    Jörg-Andreas Krüger, Nabu-Präsident

    Besonders ins Gedächtnis gebrannt hätten sich die Bilder der geschätzten 200 bis 400 Tonnen Fischkadaver, die per Hand, aber auch mit Schaufelbaggern aus dem Grenzfluss geholt werden mussten.

    Oder nur eins von vielen Beispielen von Umweltzerstörung

    Die Oder als "Dinosaurier des Jahres" stehe stellvertretend für die kritische Situation an vielen anderen Flüssen in Deutschland, so Krüger.  Nach wie vor würden Flüsse begradigt, ihre Ufer befestigt und ihre Fahrrinnen vertieft, um eine höhere Fließgeschwindigkeit zu erreichen, heißt es in der Begründung des Preises. Die Folge dieser Maßnahmen: Es gehen wichtige Lebensräume für Pflanzen und Tiere verloren, die Flüsse selbst verlieren an Widerstandsfähigkeit.

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    Der Nabu, eine der ältesten und größten Naturschutzorganisationen Deutschlands, fordert daher, alle schädlichen Umwelteinflüsse an deutschen Flüssen sofort zu stoppen. Für die Oder speziell solle zudem ein Moratorium ausgerufen werden - "sowohl für den Ausbau des Flusses als auch für instandsetzende Unterhaltungsmaßnahmen".

    Juristisches Tauziehen um Oder-Ausbau

    Da Politiker der nationalpopulistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in Polen sich weigern, eine andere als eine "natürliche Ursache" für das massenhafte Fischsterben anzunehmen, klagten die Umweltschutzorganisationen Nabu, der Deutsche Naturschutzring (DNR), der Bund für Umwelt und Naturschutz sowie das Brandenburger Umweltministerium vor dem Verwaltungsgericht in Warschau.
    Ein erster Erfolg war der Stopp der Oder-Ausbauarbeiten am 9. Dezember durch das Gericht, das den Argumenten der Kläger folgte. Doch die Freude der Umweltaktivisten war verfrüht, denn am 21. Dezember, kurz vor Ende der Widerspruchsfrist, legten sowohl die Generaldirektion für Umweltschutz der Republik Polen (GDOŚ) als auch die Behörde für Wasserwirtschaft (Wody Polskie) in Warschau Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung ein.
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    Polen will Bauarbeiten an Oder weiterführen

    Erst das Gerichtsurteil nach dem Hauptverfahren im nächsten Jahr wird rechtsverbindlich sein. Polens Umweltbehörde steht auf dem Standpunkt, dass der Widerspruch gegen eine einstweilige Verfügung diese aufhebt und als Ergebnis lediglich bleibt, dass es im konkreten Fall Streit über den Oder-Ausbau gibt.
    "Wir werden unsere Investitionen mit Sicherheit nicht unterbrechen", kündigt Marek Gróbarczyk, der stellvertretende Infrastrukturminister, an. "Denn es geht um die Sicherheit Polens. Zudem haben wir alle erforderlichen Genehmigungen eingeholt."  Die neuen Buhnen, in den Fluss hineingebaute kleine Dämme, seien Maßnahmen zum Hochwasserschutz.

    Gerade jetzt können wir die Baumaßnahmen nicht unterbrechen, da dies eine Katastrophe nach sich ziehen könnte.

    Marek Gróbarczyk, Vize-Infrastrukturminister

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    "Es beginnt die Zeit, in der Eisbrecher gefährliche Eiszusammenballungen lösen müssen", so der Vizeminister. "Die ersten Eisbrecher sind schließlich schon unterwegs. Wir können von Glück sagen, dass wir zur Zeit ein so mildes Wetter haben, aber die Erfahrung der letzten Jahre hat uns gelehrt, dass wir wahrscheinlich schon  bald gegen Eisrückstaus ankämpfen müssen, die Überflutungen auslösen können."
    Die Umweltschutzverbände und das Land Brandenburg werfen den polnischen Behörden vor, mit dem Abriss der alten Buhnen Sedimentgestein zu lösen, in dem sich über die Jahrzehnte auch Schwermetalle und andere für Fische und Muscheln gefährliche Stoffe festgesetzt hätten. In gelöstem Zustand verhinderten sie die Erholung der Oder und der Oder-Fischbestände nach der Katastrophe vom Sommer.

    Fischsterben könnte sich wiederholen

    Allerdings warnte inzwischen die konservative Tageszeitung "Rzeczpospolita" vor einer Wiederholung des massenhaften Fischsterbens in der Oder. Die Zeitung bekam Zugang zu einem internen Experten-Bericht, der im Regierungsauftrag erstellt wurde und ganz klar die bislang vor allem legalen Abwasser-Einleitungen in die Oder als Ursache für die hohe Salzlast im Fluss und den Tod hunderttausender Fische verantwortlich macht.
    Allerdings haben die zuständigen Behörden bislang keinerlei Gegenmaßnahmen ergriffen. Im Gegenteil: Laut "Rzeczpospolita" gibt es zur Zeit 751 Genehmigungen für Abwassereinleitungen in die Oder, 70 Prozent davon hätten die Kommunalverwaltungen erteilt, 230 das Amt für Wasserwirtschaft. 

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