Österreich: Wie sich Migranten nach Europa durchschlagen

    Geflüchtete in Österreich:Auf der Durchreise in eine bessere Zukunft

    von Atiena Abednia, Wien
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    Auf der Balkanroute steigt die Zahl der Migranten, die versuchen, in die EU zu gelangen. Immer mehr Geflüchtete erreichen auch Österreich. Bleiben wollen die meisten aber nicht.

    Der Bahnhof Wien-Meidling am Abend - eine Gruppe junger Männer sitzt ohne Gepäck im Wartebereich. Einige laden ihr Handy auf, andere laufen verwirrt hin und her. Sie unterhalten sich laut, scheinbar auf Dari, ein Dialekt des Persischen. Sie sind aufgeregt, aber auch erschöpft.

    Shahin will weiter nach England

    Ein junger Mann mit kurzen, schwarzen Haaren sitzt nachdenklich am Rande. Shahin ist 18 Jahre alt, er ist Kampfsportler - und vor einer Woche allein in Österreich angekommen.

    Ich komme aus Afghanistan, die Lage dort ist sehr schlecht. Es gibt keine Arbeit, nichts zu essen, nichts zu trinken.

    Shahin, Migrant aus Afghanistan

    Er sei über die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn nach Österreich gereist. Shahin will ein neues Leben in England bei seinem Bruder. Er wünscht sich einen Job und einen neuen Kampfsportclub.

    Traiskirchen: Größtes Flüchtlingslager Österreichs

    Laut der österreichischen Asylstatistik stieg die Zahl der Asylanträge seit Anfang 2022 auf 70.000, rund 203 Prozent mehr als im Vorjahr.
    Viele von ihnen, größtenteils aus Afghanistan, Syrien und Irak, werden von der Polizei an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn in Nickelsdorf aufgegriffen und nach Traiskirchen gebracht. Dort liegt das größte und bekannteste Flüchtlingslager in Österreich. Wenn sie dort nicht bleiben wollen, hält sie niemand auf.

    Verletzungen und Bissspuren von Hunden

    Bis zu diesem Punkt haben sie viel erlebt: Viele Schutzsuchende schlagen sich durch, trotz Polizeipräsenz und mancherorts auch Grenzzäunen. Doch nicht alle schaffen es. Laut der Flüchtlingsorganisation "Pro Asyl" verlieren viele aufgrund von Hunger, Kälte oder kriminellen Übergriffen ihr Leben, bleiben an der Grenze stecken oder geben auf.

    Wir waren Hundert als wir losgingen. Nur zehn haben es nach Österreich geschafft.

    Shahin, Migrant aus Afghanistan

    Viele seien in bulgarischen Gefängnissen. Auch sein Weg durch den Westbalkan sei gefährlich gewesen, erzählt Shahin und zeigt auf seine Wunde am Arm. Ein 15-Jähriger zieht aufgeregt sein Hosenbein hoch. "An der türkisch-bulgarischen Grenze war es sehr schlimm. Sie haben Hunde auf uns losgelassen", sagt er. An seiner Wade sind zwei große, rote Bissspuren erkennbar.
    Dazu komme: "Allein kommt man aber nicht über die Grenze. Ich habe bis jetzt 8.000 Euro ausgegeben, das meiste Geld ging an die Schlepper", sagt der 18-Jährige.

    Passanten beäugen die Gruppe kritisch

    Die jungen Männer fallen auf, das haben sie gemeinsam. Sie werden teilweise kritisch beäugt, auch von einer älteren Frau. Sie hat viele Fragen: "Seit Wochen sehe ich hier immer wieder eine Gruppe junger Herren. Was tun sie hier?"
    Sie hört, was die vielen Menschen herbringt und welche Gefahren sie auf ihrem Weg erlebt haben. Ihr Ausdruck ändert sich von ablehnend zu besorgt. Als sie jedoch erfährt, dass die jungen Männer weiterziehen, wirkt sie erleichtert.

    Mit dem Nachtzug nach Paris geht es weiter

    Einige Stunden muss Shahin hier noch warten, bis sein Nachtzug nach Paris abfährt. Währenddessen bitten zwei Afghanen um Hilfe, sie möchten ein Ticket nach Italien kaufen. "Jeder hat ein anderes Ziel", sagt Shahin. "Einige möchten nach Frankreich, andere nach Italien und wieder andere nach Spanien." Alle, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
    Shahin ist mittlerweile in Frankreich angekommen. Bald geht es weiter nach England zu seinem Bruder, so hofft er.

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