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Kriminalität bei Bestellungen - So leicht wird es Online-Betrügern gemacht

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Betrug beim Online-Shopping sei bei vielen Anbietern noch viel zu einfach. Ein verurteilter Serienbetrüger berichtet ZDFheute, wo dringend nachgebessert werden müsste.

Der Button zur Bestätigung eines Einkaufs in einem Onlineshop auf einem Computermonitor
Der Button zur Bestätigung eines Einkaufs in einem Onlineshop auf einem Computermonitor
Quelle: dpa

Das war's: Führerschein weg - Job weg. Kevin S. (Name geändert) fiel in ein tiefes Loch. Der Mitte-30-Jährige war gerade erst mit seiner Familie umgezogen. Er hatte einen guten Job als Chauffeur antreten sollen, aber daraus wurde nichts. Ein Gericht nahm ihm den Führerschein weg "für ein Ding", das er nicht gemacht hat, sagt er ZDFheute.

Es folgten mehrere Klinikaufenthalte: Die Ärzt*innen diagnostizierten eine Borderline Störung und ADHS für Erwachsene. Unausgesprochene Vorwürfe seiner Frau und nichts, was er den Kindern bieten konnte - Kevin suchte einen Ausweg.

Jobcenter-Maßnahme brachte ihn auf die Idee

Eine "kaufmännische Maßnahme" im Jobcenter öffnete ihm eine Tür. Allerdings eine in Richtung Kriminalität. Genauer gesagt: Identitätsdiebstahl. Er drehte das im Kurs erlernte "Vorsicht vor Betrügern" einfach um.

Mit wenigen Klicks bei Facebook fand er seine Opfer: User, die ihren kompletten Namen und ihr Geburtsdatum posten. "Obwohl doch eigentlich jeder weiß, dass man das nicht macht", resümiert Kevin.

Zu der Zeit wusste er längst: Mehr Daten braucht es in Deutschland nicht, um durch die Plausibilitätsprüfung der meisten Online-Händler zu schlüpfen. Dazu eine Adresse im weiteren Umkreis und ein überklebtes Namensschild vor Ort - fertig ist der Warenkreditbetrug.

Identitätsklau - die fiese Masche von Online-Betrüger*innen

Beitragslänge:
28 min
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Erste Betrugsversuche mit kleinen Dingen

Kevin fing mit kleinen Dingen an: Kleidung, Stehtisch-Hussen, Lebensmittel. Dann steigerte er sich: Autoreifen, Buggy, Wickeltisch für den zweiten Sohn. Plötzlich konnte er seinen Kindern etwas bieten. Fahrräder für sich und seine Frau, ein Swimming-Pool.

Inzwischen wusste Kevin, wieviel er bei welchem Anbieter als Neukunde bestellen konnte. Bis zu dreimal am Tag für 1.000 Euro. Mit einem gestohlenen Namen und einer Adresse in einer guten Wohngegend, Lieferung zu einem Mehrfamilienhaus. Am Klingelschild überklebte er den Namen und wartete.

Die meisten Dienstleister haben ein so gutes Online-Tracking, dass ich immer rechtzeitig vor Ort war.
Online-Betrüger Kevin S.

"Niemand fragte mich nach meinem Perso"

In keinem einzigen Fall musste Kevin seinen Personalausweis zeigen, sonst wäre der Schwindel aufgeflogen. Selbst einen 3.500 Euro teuren Kühlschrank stellte die Spedition auf die Straße. "Vor meine Füße", wie Kevin sagt. Gefälschte Unterschrift und fertig. Kevins Frau machte mit, die Kinder ahnten nichts. Nachbarn und Bekannte erfuhren, dass Kevin wieder einen guten Job hat.

Doch wie so oft, wenn Verbrechen klappen, wird der Betrüger leichtsinnig: Kevin durchsuchte im Vorraum von Banken Mülleimer. Er fand Kontoauszüge, ungeschreddert und mit allen Informationen für die ganz großen Bestellungen: Name, Adresse, Kontonummer, Kreditlinie.

Damit bestellte er per Lastschrift Waren im Wert von insgesamt 50.000 Euro, wie das Gericht später feststellte.

Mit dem Paket kam die Kripo

Eines Tages kam mit der Paketlieferung auch ein Kripo-Beamter. Die Ballung des Online-Betrugs in einer Gegend fiel auf. Die Überwachungskameras der Banken hatten längst Alarm geschlagen. Ungewöhnliche Positionen und Haltungen im Automatenbereich fallen auf.

Es folgten zwei Hausdurchsuchungen und ein Prozess. Kevin S. wurde wegen Warenkreditbetruges zu zwei Jahren und sechs Monaten im offenen Vollzug verurteilt. Die Polizei beschlagnahmte alles, was sie finden konnte. Kevins Frau und er hatten längst einen Lagerraum für ihr Diebesgut gemietet.

Bestellbetrug ist deutschlandweit zu einem Massenphänomen geworden. 2019 registrierten die Landeskriminalämter 57.000 Fälle. Doch im Schnitt kann die Polizei nur jede dritte Tat aufklären.

Beitragslänge:
29 min
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"Warum kein Perso bei Neukunden?"

Im Interview mit ZDFheute wundert sich Kevin immer wieder, dass er niemals nach seinem Personalausweis gefragt wurde, dass er bei den angeblich so sicheren Zahlungsdienstleistern "Klarna" und "Billpay" ohne Probleme im vierstelligen Bereich einkaufen konnte.

Warum wird nicht zum Beispiel darauf geachtet, dass zumindest bei Neukunden die Logistikunternehmen nach einem Ausweis fragen? Warum reichen der Name und das Geburtsdatum?
Online-Betrüger Kevin S.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einem Unternehmen - egal wie groß - egal ist. Oder die kalkulieren das in den Margen schon mit ein", sagt Kevin.

Zumindest wollten einige Unternehmen die Waren nicht zurück haben. Teilweise hat die Staatsanwaltschaft die bestellten Waren vernichten lassen. Teilweise aber haben Kevin S. und seine Frau das Ergebnis ihres Online-Betruges ausgehändigt bekommen. Dann, wenn sich nicht mehr nachweisen ließ, ob die Produkte vielleicht schon vorher ihnen gehörten.

Es bleiben die Opfer und ein Transporter voller Betrugsgut

Es brauchte einen Kleintransporter für diese Dinge. Das wirft viele Fragen auf. Zumal Kevin sogar die von ihm in den Banken aus dem Müll geholten Kontoauszüge ausgehändigt bekam.

Transporter mit Teilen der beim Online-Betrug bestellten Waren, die der Betrüger jetzt, nach Verbüssen seiner Strafe im offenen Vollzug, zurück erhielt
Transporter mit Waren, die der Betrüger jetzt, nach Verbüssen seiner Strafe, zurückerhielt-
Quelle: ZDF

Dabei besagt die Strafprozessordnung, dass Asservate nur dann ausgehändigt werden dürfen, "wenn von ihnen keine Gefahr mehr ausgeht". Ist es eine gute Idee, dem Betrüger das Betrugswerkzeug zurückzugeben?

Für Kevin jedenfalls ist der Warenkreditbetrug in 100 Fällen juristisch abgeschlossen. Für alle die, die durch seinen Identitätsdiebstahl noch heute mit Forderungen und Schufa-Einträgen zu kämpfen haben, noch lange nicht.

Liebesfalle Internet - Leeres Konto statt großer Liebe  

Es ist eine Masche, die besonders verletzend ist - und am Ende meist auch teuer für die Opfer: Love Scam, so heißt der Liebesbetrug im Internet.

Videolänge
44 min
von Andrea Schäffler
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