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Orthodoxie in Russlands Krieg : Die Kirchen und der Krieg

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Ein Großteil der ukrainischen und russischen Bevölkerung bezeichnet sich als orthodox. Doch wie positionieren sich die orthodoxen Kirchen zu Russlands Krieg?

Patriarch Kirill. am 24.04.2022 in Moskau
Das russisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt Patriarch Kirill unterstützt den russischen Angriffskrieg (Archivbild).
Quelle: dpa

Der orthodoxe Glauben war bis zur Unterdrückung in der Sowjetunion jahrhundertelang zentraler Bestandteil ukrainischer und russischer Kultur. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es erneut einen starken Zulauf zu den orthodoxen Kirchen: In Russland zur Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK), in der Ukraine zur ROK-zugehörigen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (UOK) und der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU). In aktuellen Umfragen bezeichnen sich in der Ukraine circa 60 Prozent und in Russland über 70 Prozent als orthodox.

Gleicher Glauben, andere Haltungen

Doch auch wenn die Glaubensgrundlage in allen drei Kirchen gleich ist – ihre Haltung zum Krieg ist es nicht. Die russisch-orthodoxe Kirche unterstützt die Kreml-Sicht auf den Krieg: Der Patriarch Kirill segnet Soldaten und Panzer, die in den Krieg ziehen, und spricht der Ukraine die Staatlichkeit ab.

Einige Länder, darunter Litauen und Großbritannien, haben den Patriarchen daher bereits sanktioniert. EU-Sanktionen gegen Kirill scheiterten am Widerstand von Ungarns Präsident Orban.

Ein Thema der "Kulturzeit" vom 28.04.2022: Putin, die orthodoxe Kirche und der Krieg.

Beitragslänge:
37 min
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Gegen den "gottlosen Westen"

Die russisch-orthodoxe Kirche untermauert den Krieg daher ideologisch. Während auf politischer Ebene die Nato als äußerer Feind bekämpft werden soll, ist es aus religiöser Sicht die Verteidigung gegen die sogenannten "westlichen Werte", insbesondere gegen die Rechte von LGBTQI+-Menschen.

Religion dient daher zur ideologischen Abgrenzung vom sogenannten "gottlosen Westen", obwohl Orthodoxie in Russland oft eher Ausdruck einer kulturellen und politischen Identität anstatt eine Frage der Gläubigkeit ist. Das zeigen auch die Zahlen zu den Gottesdienstbesuchen: Fast die Hälfte gibt an, nie in die Kirche zu gehen.

Montage: Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj vor einem Blick auf das zerstörte Mariupol

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Kaum Widerstand seitens der Kirche gegen Krieg

Durch die starke Abhängigkeit der Kirche von der russischen Regierung war die Unterstützung des Krieges seitens der Kirche nicht weiter verwunderlich. Zwar werden einige Aussagen der Kirche bewusst schwammig formuliert, doch das habe Strategie, so Regina Elsner, Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS):

Das Sprachspiel der Kirchenleitung zeigt, dass man sich alle Wege offen halten will, man formuliert sehr schwammig, um am Ende auch sagen zu können, dass man es so nicht gemeint hat.
Regina Elsner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZOiS

Tatsächlichen Widerstand gegen die offizielle Haltung der ROK gibt es innerhalb der Kirche kaum. Zwar haben ein Prozent der Priester einen Protestbrief gegen den Krieg unterschrieben, der größere Widerstand kommt jedoch von russisch-orthodoxen Priestern im Ausland.

Ukrainisch-Orthodoxen Kirche in Maryland (USA)

Reaktionen aus den USA - Orthodoxe Ukrainer beten für den Frieden  

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von Laila Shoma

Priester beteten nicht mehr für Oberhaupt

In der Ukraine positionierte sich die ROK-zugehörige UOK hingegen klar gegen Russland. Neben Stellungnahmen hörten einige Priester aus Protest auf, für das Kirchenoberhaupt der ROK zu beten, wie es normalerweise üblich ist.

Was von außen betrachtet irrelevant wirkt, "bedeutet in theologischer Hinsicht den Abbruch der Gemeinschaft," schreibt Thomas Bremer, katholischer Theologe und Professor für Ostkirchenkunde an der Universität Münster, in der Zeitschrift Osteuropa. Es stellt einen tatsächlichen Bruch dar, der laut Regina Elsner "inoffiziell längst vollzogen ist".

Erwartbar stark war auch die Verurteilung des Krieges durch die OKU. Dennoch sei laut Bremer "nicht zu erwarten, dass diese Annäherung [zwischen beiden ukrainischen Kirchen] strukturelle Folgen haben könnte, dass sich also beide zusammenschließen werden."

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Seelische Unterstützung versus politische Instrumentalisierung

Da laut Elsner in der Ukraine "Gottesdienstbesuch, Wissen um religiöse Glaubensinhalte, religiöse Erziehung etc. tiefer verwurzelt sind als in Russland," sind beide Kirchen aktuell ein moralischer Halt für viele Gläubige. Die Konkurrenz zwischen ihnen verhindere jedoch, "dass Religion ein Teil der ukrainischen Kriegsführung wird," so die Theologin.

Während der Glaube in der Ukraine daher vor allem seelische Unterstützung im Krieg bedeutet, wird in Russland erneut die starke Nähe und Instrumentalisierung von der Kirche für den Staat deutlich. Der Krieg und der daraus folgende Bruch zwischen den orthodoxen Kirchen in Russland und der Ukraine wird auch Auswirkungen auf die Beziehungen der orthodoxen Kirchen untereinander haben.

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29.09.2022
Videolänge
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