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Medizin historisch: Penicillin - Der Beginn des antibiotischen Zeitalters

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Vor 80 Jahren wurde Penicilin erstmals einem Menschen verabreicht. Ein Ereignis, das später die Medizin revolutionierte. Doch der Weg dorthin war holprig.

Abgepackte Tabletten
Penicillin ist heute aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. Seine Entdeckung? Eher Zufall.
Quelle: Imago

ZDFheute: Herr Leven, welche Bedeutung hat Penicillin heute in der Medizin? 

Karl-Heinz Leven: Eine so große, dass auch ich den heutigen 12. Februar als 80. Jahrestag des Beginns des antibiotischen Zeitalters sehe. Der erste Patient damals war ein Polizist im englischen Oxford. Er hatte sich bei der Gartenarbeit im Gesicht verletzt, die Wunden hatten sich entzündet, es entwickelte sich eine Sepsis.

Man hatte ihn wie damals üblich mit Sulfonamiden behandelt, dem seinerzeit besten Chemotherapeutikum. Doch das hatte nicht geholfen, und es war klar, dass der Mann sterben würde. Daher gaben ihm die Mediziner Howard Walter Florey und Ernst Boris Chain Penicillin. Das war damals so kostbar, dass sie den Urin des Mannes sammelten und das darin abgegebene Penicillin aufarbeiteten.

Die Behandlung wirkte, der Polizist war binnen weniger Stunden fieberfrei. Nach fünf Tagen Behandlung hielt man ihn für geheilt und die Ärzte gaben das letzte Fläschchen Penicillin einem ebenfalls kranken 15-Jährigen. Der wurde geheilt, doch der Polizist bekam einen Rückfall, es war kein Penicillin mehr da, er starb.

Daraus hat man gelernt, dass die Therapie lang genug dauern muss, damit ein Patient mit Penicillin geheilt werden kann.

ZDFheute: Waren die Ärzte damals mutiger als heute, wenn es darum ging, neue Medikamente auszuprobieren?

Leven: So würde ich das nicht sagen. Man muss sich die damalige Zeit vor Augen halten: Die Experimente und Tests mit Penicillin liefen Ende der 1930er, Anfang der 1940er Jahre. Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange und solche innovativen Behandlungen unterlagen einer gewissen Geheimhaltung. Die standen nicht am nächsten Tag in der Zeitung wie heute, sondern waren erst mal mit einem militärischen Sperrvermerk versehen.

Penicillin kann nur biotechnologisch hergestellt werden, der Schimmelpilz wird in Biotanks gezüchtet. Das ist aufwändig und braucht Zeit, damals mehr als heute. Die Mediziner hatten nur geringste Mengen Penicillin zur Verfügung. Die konnten es sich nicht leisten, erst einmal 100 Freiwillige zu finden.

Das Mittel wurde daher in wenigen Einzelfällen zunächst an Tieren, dann an Menschen getestet. Und zwar an Menschen, die ansonsten gestorben wären, es waren also Heilversuche. Dass Penicillin damals so überragend gegen die Sepsis des Polizisten gewirkt hat, war ein Durchbruch, von dem wir bis heute profitieren.

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ZDFheute: Wie standen die Menschen damals medizinischem Fortschritt gegenüber?

Leven: Dazu eine kleine Geschichte: Es war damals immer Alexander Fleming in London, der eher zufällige Entdecker des Schimmelpilzes Penicillium notatum, der im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit stand. Er schickte die Journalisten auch nach Oxford zu Howard Walter Florey und Ernst Boris Chain, die aus Penicillin ein Heilmittel gemacht hatten.

Doch vor allem Florey wollte nicht mit den Zeitungen reden. Er befürchtete, dass ihn viele Kranke bestürmen würden. Neue Therapien haben oft solche Effekte gehabt. So auch, als Robert Koch einige Jahrzehnte früher das Tuberkulin als vermeintliches Heilmittel gegen Tuberkulose auf den Markt gebracht hatte oder 1910 Paul Ehrlichs Salvarsan eingeführt wurde.

Das wollte Florey vermeiden. Er wusste, dass sein Penicillin wirkte, aber im Frühjahr 1941 hatte er kein einziges Fläschchen mehr. 

ZDFheute: War es ein Glücksfall, dass ausgerechnet Penicillin angeschlagen hat? Wie viele Rückschläge gab es in der Forschung?

Leven: Um 1900 setzte - auch klinisch - eine sehr experimentierfreudige Zeit ein. Hier gab es fragwürdige Versuche, so die Verpflanzung von Krebszellen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Antibiotika werden oft falsch eingesetzt - Folge: bakterielle Erreger werden resistent. Hoffnung machen hier Experimente mit medizinischen Wirkstoffen aus einem ganz anderen Bereich: der Krebsforschung.

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Wichtig waren stets Impfversuche. Es ging darum, den Erfolg der vortrefflichen Pockenimpfung nachzuahmen. Es gab viele Rückschläge, so bei einer nicht gelingenden Impfung gegen Syphilis, aber auch ethische Defizite, die bereits den Zeitgenossen auffielen: Mancher Forscher experimentierte mit seinen Klinikinsassen, ohne sie zu informieren, dass sie auch als Versuchsobjekte dienten.

Derartige Vorkommnisse führten in Deutschland nach 1900 dazu, dass einige Regeln zur Durchführung medizinischer Experimente geschaffen wurden.

Eine Impfkatastrophe in Lübeck 1930, bei der 70 Kinder durch verunreinigten Tuberkulose-Impfstoff starben, erregte Entsetzen und Aufsehen. Schon 1931 schuf man daher neue verschärfte Regeln für die Durchführung von Heilversuchen und Experimenten, die in der NS-Zeit in Deutschland missachtet wurden.

Allgemein kann man feststellen, dass nach 1945 nicht nur die medizinischen, sondern auch die ethischen Regelungen für die Testung neuer Medikamente und Impfungen bedeutend strenger wurden. In den vergangenen Jahrzehnten hat das auch in der Behandlung von Infektionskrankheiten zu echten Durchbrüchen geführt.

Die hochaktive Aids-Therapie, die es nun seit rund 20 Jahren gibt, ist hier ein Markstein. Die Erfolgsgeschichte des Penicillins zeigt schließlich, dass außer Forschergeist und günstigen Rahmenbedingungen stets auch eine glückliche Hand notwendig ist.

Manche Entwicklungen liegen in der Luft, aber man kann nicht alles planen.

Das Gespräch führte Claudia Füßler.

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