Ukraine-Krieg: Wie lange hält die Ukraine-Hilfe in Polen?

    Noch mehr Flüchtende im Winter:Wie lange hält die Ukraine-Hilfe in Polen?

    von Natalie Steger, Jenifer Girke
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    Polen hat die Ukraine von Beginn an unterstützt. Selbst in rechtsorientierten Gegenden herrscht Solidarität mit der Ukraine. Nur: Die nächste Herausforderung wartet schon.

    Seit Beginn des Angriffskrieges fliehen viele Ukrainerinnen und Ukrainer in das benachbarte Polen. Und dort fragen sich viele, wie lange sie den Geflohenen noch helfen können. 27.10.2022 | 10:20 min
    Laut des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind derzeit 1,7 Millionen ukrainische Geflüchtete in Polen registriert. Yeva ist eine von ihnen. Das Mädchen ist 15 Jahre jung. Sie steht an dem polnischen Grenzbahnhof in Przemysl, wartet auf den nächsten Schwung Geflüchteter aus Kiew, auf ihre Landsleute. Sie ist selbst im März aus der Ost-Ukraine geflohen - mit ihrer Mutter, ihrer Tante und dem kleinen Bruder.

    Polen - schon seit der Krim-Annexion Anlaufstelle

    Teenager-Launen oder eine unbeschwerte Kindheit - vorbei. Seit dem Krieg hat die 15-Jährige eine neue Aufgabe - durchhalten und helfen, meistens als Übersetzerin für die Neuankömmlinge. Dafür hat sie Polnisch gelernt:

    Jeder hat Stress, wenn er ein neues Leben beginnt. Als ich ankam, verstand ich keine polnischen Wörter. Jetzt schon, aber nicht immer.

    Yeva, 15 Jahre alt

    Yeva wohnt nun in Przemysl in einer Wohnung von Verwandten. Schon seit der Annexion der Krim 2014 lebten mehr als eine Million Ukrainer und Ukrainerinnen in Polen. Auch damals war das Land schon eine Anlaufstelle für Geflohene.

    Geflüchtete aus Cherson: "Wie eine Umarmung von Polen"

    Wer Ukrainer nach der russischen Invasion im Februar diese Jahres aufnahm, wurde vier Monate lang vom polnischen Staat mit acht Euro pro Kopf und Tag unterstützt. Mittlerweile gibt es diese Hilfe nicht mehr. Die Folge: So manch Aufgenommener musste raus, sich eine andere Bleibe suchen.
    Iryna Shapovalova musste nicht raus, noch nicht. Sie konnte eine Wohnung mieten, für sich und ihre vierjährige Tochter Daria. Nun leben sie in Rzeszów, 90 Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt und über 1.000 Kilometer weit weg von ihrer Heimatstadt Cherson - und dem Schrecken, den sie dort erleben mussten.

    Ich muss für meine Tochter weiterleben, ich muss lächeln. Ich wasche mir morgens das Gesicht und bringe mich in die richtige Laune.

    Iryna, Geflüchtete in Polen

    Sie fügt hinzu: "Das ist alles, was ich im Moment machen kann."
    Der Weg aus Cherson war gefährlich, die russischen Besatzer unkalkulierbar. Es gibt Berichte von Entführungen und Erschießungen: "Auf dem Weg hatten wir nur Sorgen. Aber als wir hier angekommen sind, haben wir einfach nur Ruhe gefühlt. Eine Ruhe, wie eine Umarmung von Polen.  Du fühlst ganz viel Mitleid und Hilfe von den Menschen."
    Es sind vor allem junge Russen, die vor Putins Teilmobilmachung fliehen - sie wollen nicht kämpfen und suchen in Georgien neue Sicherheit. Doch was sagen die Menschen in Georgien dazu?27.10.2022 | 10:21 min
    Normalerweise leben in Rzeszów 200.000 Menschen, im Frühling kamen schlagartig 100.000 aus der Ukraine dazu. Die Stadt nahm sie auf - ohne große Debatten. Das ist bemerkenswert, denn Südost-Polen ist eine Hochburg der Rechten und normalerweise nicht sonderlich weltoffen. Trotzdem kippt die Stimmung nicht.
    Bürgermeister Konrad Fijolek erklärt: "Diese gemeinsame Bedrohung und das Grauen, die Brutalität dieses Krieges hat bei den Polen, auch in dieser Region, einen großen Reflex des Herzens ausgelöst. Andere Dinge sind da in den Hintergrund getreten. Und das ist meiner Meinung nach der wichtigste Punkt, der uns verbindet. Die große Bedrohung aus Russland."

    Was macht der Ukraine-Krieg mit uns und der Welt? Menschen und Staaten blicken mit großer Sorge auf den kommenden Winter – nicht nur wegen der kalten Temperaturen. Das ZDF auslandsjournal berichtet darüber in der Dokumentation-Reihe "Winter is coming“ – Korrespondentinnen und Korrespondenten aus der ganzen Welt zeigen, wie sich dieser Krieg mitten in Europa auf scheinbar alles auswirkt. Alle Teile können Sie in der ZDF-Mediathek und auf dem ZDFheute YouTube-Kanal sehen.

    Wenn dieser Feind, vor dem man flieht, aber kein gemeinsamer ist, dann sieht es anders aus mit der Hilfsbereitschaft. Das konnte man besonders im vergangenen Winter an der polnisch-belarussischen Grenze sehen. Eingebrannt haben sich die Bilder von frierenden und völlig erschöpften Geflüchteten aus Ländern wie dem Irak, Syrien oder Afghanistan, die vor Grenzzäunen standen und nicht weiterkamen.
    Und die vom polnischen Grenzschutz brutal zurückgedrängt wurden. Für diese Pushbacks wurde auch die polnische Regierung viel kritisiert.
    In Serbien, seit 2012 Beitrittskandidat, wollen viele nicht mehr in die EU. In Ungarn gibt Orbán der EU die Schuld an der Inflation. Die Sympathien für Putin sind offensichtlich.27.10.2022 | 10:23 min

    Bleibt Polen auch im kalten Winter der starke Helfer?

    Jetzt scheint alles anders: Ukrainer und Ukrainerinnen sind Nachbarn, keine Fremden. Außerdem sind über 90 Prozent der aktuell Geflüchteten Frauen und Kinder. Man fühlt sich ihnen näher als Schutzsuchenden aus dem Nahen Osten: "Wir kennen die Ukrainer. Sie sind bei uns, sie arbeiten hier schon lange. Sie sind gut in Polen angekommen. Und der zweite Faktor: Wir kennen die russische imperiale Politik - vielleicht besser als einige westliche Länder", erklärt Andrzej Rychard von der polnischen Akademie der Wissenschaften
    Der Krieg wird die globalen Kräfteverhältnisse verschieben. Wird sich die Welt in zwei Lager teilen und was ist der Preis der Freiheit?27.10.2022 | 14:10 min
    Menschen aus der Ukraine werden in Polen nicht nur aufgenommen, sondern auch versorgt: So hat auch Iryna eine polnische Personenregistrierungsnummer bekommen. Klingt bürokratisch, geht aber für alle Ukrainerinnen schnell und unkompliziert. Die Nummer bedeutet: Recht auf Kindergeld, Schule, medizinische Versorgung. Außerdem gibt es private Stiftungen, unter anderem für traumatisierte Kriegskinder.
    Auch Yeva hat traumatisierende Dinge erleben müssen, oder erlebt sie immer noch. Im polnischen Grenzort Przemysl präsentiert sich die polnische Freiwilligen-Armee. Die Soldaten sollen ein Gefühl von Sicherheit geben. Für Yeva schlimm genug, dass das nötig ist. Ihr Vater blieb in der Ukraine - wie so viele Männer. Von einem Hügel aus blickt Yeva in Richtung Heimat. Etwa 900 Kilometer ist der Vater von ihr entfernt.

    Wir werden weiterhin in Polen bleiben, weil es in der Ukraine nicht sicher ist. Im Haus einer Freundin, 400 Meter von uns zu Hause entfernt, wurden zwei Obergeschosse zerstört. Niemand weiß, ob er morgen noch am Leben ist.

    Yeva, ukrainische Geflüchtete

    Im Moment ist es eher ruhig an der Grenze. Aber spätestens, wenn die Kälte zuschlägt und die Energie in der Ukraine immer knapper wird, rechnen sie hier mit einer neuen Flüchtlingswelle. Dann steht Polen, das selbst mit hohen Preisen kämpft, vor der nächsten Herausforderung - um sein freundliches Gesicht zu bewahren.
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