Katholische Kirche in Polen verliert Gläubige

    Katholische Kirche in Polen:Eine nationale Institution verliert Gläubige

    von Thomas Dudek
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    Polen gilt als sehr katholisches Land. Doch auch an der Weichsel verliert die Kirche immer mehr Gläubige. Mit dafür verantwortlich ist ihr Umgang mit Missbrauchsfällen.

    Die Pfarrkirche Posen in Polen im barocken Stil von innen
    Polen: Ein katholisch geprägtes Land, in dem die Kirche doch immer mehr Gläubige verliert.
    Quelle: dpa

    Polen ist ein katholisches Land. Fast 33 Millionen, somit mehr als 85 Prozent der Bevölkerung, sind Katholiken. Es gibt dort 10.361 Pfarreien, die sich in den Weihnachtstagen über leere Kirchenbänke sicherlich nicht beklagen werden. Es sind Tage, die dem in Deutschland weit verbreiteten Klischee von Polen als einem strenggläubigen katholischen Land entsprechen.
    Doch von der bereits erwähnten hohen Zahl getaufter Polen und den über Weihnachten vollen Kirchen sollte man sich nicht täuschen lassen. Das Nachbarland, das von vielen Geistlichen, aber auch Politikern der regierenden PiS als letzte Bastion des Christentums dargestellt wird, säkularisiert sich unaufhaltsam.
    Das belegen die regelmäßig veröffentlichten Statistiken des Statistikinstituts der katholischen Kirche. Während 1990 noch 50,3 Prozent der Katholiken an der Sonntagsmesse teilnahmen, waren es 2019 nur noch 36,9 Prozent.

    Missbrauch: Heftige Kritik an Kirche

    Verantwortlich für die fortschreitendende Säkularisierung ist vor allem der Umgang der Kirche mit Missbrauchsfällen. Diese wurden über Jahrzehnte nicht nur vertuscht und verschwiegen. Einige Bischöfe stellten die Vorwürfe sogar als "Angriffe auf die Kirche" dar und betrieben eine Täter-Opfer-Umkehr.
    Jüngst sorgte der Redemptorist Tadeusz Rydzyk, Direktor des auch in Deutschland bekannten "Radio Maryja", für Schlagzeilen. Über den Bischof Stanisław Napierała sagte er:

    So entstehen Heilige. Da drängt man jemanden auf den Opferaltar. Für mich sind dies heutige Märtyrer.

    Tadeusz Rydzyk, Direktor des "Radio Maryja"

    Weil er während seiner Zeit als Bischof von Kalisz keine Untersuchungen gegen Priester einleitete, denen sexueller Missbrauch Minderjähriger vorgeworfen wurde, verbot ihm der Vatikan öffentliche Auftritte.
    Wie unsensibel die Kirche agiert, zeigt der Fall des Erzbischofs von Kattowitz, Wiktor Skworc. Obwohl Skworc 2021 von seinem Amt zurücktrat, weil er als Bischof von Tarnow Missbrauchsvorwürfe gegen zwei Geistliche nicht verfolgte, wollte er am 6. Januar unter anderem mit einem Symphonieorchester nicht nur seinen 75. Geburtstag feiern, sondern auch die auf den fallenden Jubiläen seiner Priester- und Bischofsweihe. Erst auf Druck der Öffentlichkeit wurde die Feier von der Erzdiözese abgesagt.

    Missbrauchsfälle vertuscht: Vorwürfe auch gegen Papst Johannes Paul II.

    "Die Kirche tut sich seit Jahren schwer mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle", erklärt Tomasz Terlikowski, einer der bekanntesten katholischen Publizisten des Landes. "Das zeigen auch die jüngsten Vorwürfe gegen Johannes Paul II.", so der Publizist.
    Auch in Deutschland beeinflusst Missbrauch und dessen Vertuschung das Bild der katholischen Kirche:
    Damit verweist Terlikowski nicht auf ein jüngst erschienenes Buch über den 2005 verstorbenen Papst, gegen den schon in der Vergangenheit diesbezügliche Vorwürfe erhoben wurden, sondern auch einige Presseartikel.
    Demnach soll Karol Wojtyła, als er noch Erzbischof in Krakau war, ebenfalls Missbrauchsfälle vertuscht haben. "Ob dies tatsächlich der Fall war, wird aus den Recherchen nicht ersichtlich", sagt Terlikowski.

    Manche sprechen sich aber gegen weitere Untersuchungen aus mit dem Verweis, Wojtyła sei immerhin heiliggesprochen worden.

    Tomasz Terlikowski, katholischer Publizist

    "Und die Bischofskonferenz hat sich zu den jüngsten Vorwürfen gegen Johannes Paull II. bisher nur einmal geäußert", berichtet der Publizist weiter.

    Frauen distanzieren sich schneller von der katholischen Kirche

    Zu einer weiteren Entfremdung der Polen von der katholischen Kirche führte auch 2020 das De-facto Abtreibungsverbot durch das Verfassungsgericht. Viele der damaligen Proteste fanden nicht nur vor Kirchen statt, sondern richteten sich auch gegen die Kirche als einflussreiche und mit der Politik eng verbundene Institution.
    "Dabei war das Urteil eine politische Entscheidung, an dem die Kirche nicht mitwirkte", meint Terlikowski. Dennoch sieht er weitreichende Auswirkungen für die Kirche.

    Laut Umfragen haben 48 Prozent der Frauen damals an den Protesten teilgenommen. Und Frauen, die eine wichtige Rolle bei der Vermittlung des Glaubens in der Familie spielen, säkularisieren sich schneller.

    Tomasz Terlikowski, katholischer Publizist

    Zu all den Problemen kam in den letzten Monaten noch die Enttäuschung über Papst Franziskus hinzu. "Seine Haltung zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sorgt bei den Gläubigen für Unverständnis", sagt Terlikowski und fügt hinzu: "Diesen Unmut teilen sowohl progressive als auch konservative Gläubige."

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