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Mehr Aufgaben, mehr Druck, weniger Respekt

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Polizisten im Alltag - Mehr Aufgaben, mehr Druck, weniger Respekt

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Mehr Aufgaben, mehr öffentlicher Druck, mehr Respektlosigkeiten: Polizeialltag hat sich geändert. Kevin Komolka im ZDF-Interview über das, was Polizisten tagtäglich bewegt.

Ein Polizist in der Uniform der hessischen Polizei
Fehlverhalten von Polizisten sorgt schnell für öffentliche Diskussionen. Aber auch der Gesamtkontext ist wichtig für eine Einordnung.
Quelle: dpa

ZDF heute: In unserem Gespräch soll es um den Alltag von Polizisten in Deutschland gehen. Dazu gehört momentan auch die Diskussion um rechtsextreme Mitarbeiter bei der Polizei. Wie sieht man das, wenn man selbst Polizist ist: Muss man mit solchen Kollegen irgendwie leben, sich arrangieren?

Kevin Komolka: Nein, das muss man nicht. Und das darf man nicht. Ich möchte diejenigen, die mit solchen Gedanken und Einstellungen unterwegs sind, auch nicht mehr Kollegen nennen.

Wir Polizeibeamte müssen unsere Aufgaben genau kennen - und extreme Einstellungen haben da keinen Platz.

Das kann man auch nicht mehr als unbedachtes oder dummes Handeln darstellen. Dumm sind hingegen diejenigen, die bei so etwas wegschauen und nichts dagegen unternehmen, wenn es ihnen auffällt.

ZDF heute: Ist Ihnen selbst schon einmal extremes Gedankengut innerhalb der Polizei begegnet?

Komolka: Bislang nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass das einfach nur Glück war. Ich denke, dass wir wirklich über sehr wenige extreme Polizisten reden - trotzdem ist jeder einer zu viel. Aber natürlich nimmt man auch solche Dinge irgendwie mit nach Hause, macht sich so seine Gedanken. Wie über so viele Dinge.

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ZDF heute: Worüber machen Sie sich denn Gedanken?

Komolka: Es hat sich vieles verändert, seit ich 2006 mit der Polizeiausbildung begonnen habe.

Ich nehme zum Beispiel wahr, dass Polizisten anders in der Gesellschaft gesehen werden.

Ich bin Bahnpendler und deshalb häufig auch in Uniform unterwegs. Da höre ich jetzt immer öfter Sprüche von der Seite oder aus zehn, 15 Metern Entfernung "Hey, da ist ein Bulle, pack schnell die Drogen weg." Ich erfahre eine Menge Provokation - und eben auch permanente Kontrolle.

ZDF heute: Kontrolle durch Bürger?

Komolka: Als Polizist hat man inzwischen den Eindruck, dass bei jedem Einsatz gleich mehrere Smartphone-Kameras mitfilmen. Direkt vor einem oder aus der Entfernung.

Das große Problem dabei ist, wenn in kippenden Situationen am Ende dann wieder einmal der prügelnde Polizist in den sozialen Medien herumgereicht wird - das Ganze aber aus dem Gesamtzusammenhang gerissen wird.

Und die Urteile darüber sind schneller gefällt, als man etwas erklären kann. Kritik ist richtig und wichtig - aber vorschnelle Urteile selbsternannter Experten und auch aus der Politik helfen nicht weiter. Und so kenne ich das Gefühl gut, am Abend mit einem mulmigen Gefühl im Bauch nach Hause zu fahren. Habe ich auch wirklich keinen Fehler gemacht? Das war vor zehn Jahren noch nicht so.

ZDF heute: Ein Phänomen ist es ja, dass sich streitende Gruppen beim Eintreffen der Polizei spontan solidarisieren und gemeinsam gegen die Beamten vorgehen? Hat das mittlerweile System?

Komolka: System würde ich das nicht nennen, aber es kommt wirklich recht häufig vor. Ich bin kein Soziologe, aber ich habe dazu meine ganz eigene Theorie: Wenn wir als Polizei auftauchen, um Streit zu schlichten, dann haben die streitenden Parteien keine Gelegenheit mehr, sich gegenseitig an die Wäsche zu gehen. In so einer Situation sind die Polizisten nicht die Rettung, sondern ein Störenfried. Und der muss gemeinsam beseitigt werden, damit man danach weitermachen kann.

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ZDF heute: Fehlt da in Teilen der Gesellschaft einfach die Akzeptanz?

Komolka: Ich halte das für gut möglich. Es gibt Menschen, die uns als Autorität schlichtweg ablehnen. Dann haben wir Menschen, in deren Heimatländern die Polizei korrupt ist. Denen fehlt das Vertrauen und vielleicht auch das Verständnis für Polizeiaufgaben in Deutschland.

Und dann gibt es aber ebenso die, die ein problematisches Verhältnis zu unserem Staat haben und dementsprechend auch der Polizei begegnen - ganz aktuell zum Beispiel in Bezug auf die Corona-Maßnahmen.

Ich glaube, dass wir viel mehr mit den Menschen in Kontakt treten müssen: reden, reden, reden. Aber für so etwas ist eben kaum noch Zeit.

ZDF heute: Weil es nicht genug Polizisten gibt?

Komolka: Weil die gleich bleibende Zahl an Polizisten immer mehr Aufgaben erledigen muss. Und am Ende schaffen wir dann nur das Drängendste und andere Aufgaben bleiben liegen - die Bearbeitung eines Fahrraddiebstahls, die Verkehrsüberwachung oder auch der Besuch unserer Präventionsexperten in den Schulen. Unterm Strich erleben wir Druck von vielen Seiten.

ZDF heute: Ein Druck, bei dem man auch die Freude am Beruf verlieren kann?

Komolka: Es gibt Kollegen, die sich so ihre Gedanken machen. Manchmal hilft ein Tapetenwechsel. Glücklicherweise haben wir bei der Polizei ja sehr viele unterschiedliche Einsatzbereiche. Und bei akuten Problemen gilt auch bei uns intern: reden, reden, reden. Mit Kollegen, mit Personalräten, mit den psychologisch ausgebildeten Mitarbeitern in unseren internen Beratungsstellen. Reden, zuhören und Probleme lösen.

Das Interview führte Christian Thomann-Busse.

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