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Kein Verbrechen aus Leidenschaft - Wenn häusliche Gewalt eskaliert

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Häusliche Gewalt ist ein Kontroll-System aus Demütigungen, Drohungen und körperlicher Gewalt. Auch mit tödlichem Ausgang: 2019 traf es in Deutschland 117 Frauen.

Frauen sollen besser vor Gewalt geschützt werden. Symbolbild
Frauen sollen besser vor Gewalt geschützt werden. Symbolbild
Quelle: Mikko Stig/Lehtikuva/dpa

ZDF: Sie sind Expertin für Partnerschaftsgewalt und für Mordfälle an Frauen. Was hat Sie bei Ihren Studien am meisten überrascht?

Jane Monckton-Smith: Mir sind Muster aufgefallen in den vielen Mordfällen, die ich in meiner Forschung an der Universität untersucht habe. Insgesamt 400 Morde an Frauen waren das.

Wir haben typische Verhaltensweisen herausgearbeitet, die sich wiederholen. Und diese Muster haben wir dann in 8 Stufen eingeteilt: Mit jeder Stufe eskaliert das Risiko, es wird von Stufe zu Stufe gefährlicher für das Opfer.

Das auffälligste Merkmal in all den untersuchten Mordfällen ist das Verlangen des Partners nach Kontrolle. Wenn man so einem Kontrollregime unterworfen ist, dann ist das Risiko für das Opfer schon sehr hoch. Was mich am meisten geschockt hat in unserem Modell ist Stufe sieben, die Planung des Mordes. Wir denken ja oft, dass diese Tötungen spontan passieren, im Affekt - zum Beispiel in einem Streit.

Ich war entsetzt, als ich erkennen musste, in wie vielen Fällen die Männer die Morde ganz klar geplant haben.

Manche haben Listen angelegt, was noch zu tun ist. Manchmal wurde schon vorher ein Grab ausgehoben, manchmal haben die Täter Mord-Instrumente im Kofferraum durch die Gegend gefahren. Das war sehr eindeutig und hat alle Zweifel ausgeräumt.

ZDF: Wann wird es für Frauen gefährlich?

Jane Monckton-Smith: Wir warnen die Mädchen und Frauen ja immer: "Seid vorsichtig mit Fremden, geht im Dunklen nicht allein nach Hause, habt was zu Eurer Verteidigung dabei!"

Aber die größte Gefahr für eine Frau ist nicht der Heimweg, sondern es ist der Moment, in dem sie den Schlüssel ins Schloss steckt und ihr Zuhause betritt.

Genau dort lauert die größte Gefahr, das wollen wir einfach nicht wahrhaben. Eigentlich kennen wir die Statistiken. Aber es fällt uns schwer, zu akzeptieren, dass es Partner und Ehemänner sind, die die größte Gefahr für Frauen darstellen.

ZDF: Warum verlassen die Frauen die Gewaltbeziehung nicht einfach?

Jane Monckton-Smith: Wir müssen besser verstehen, was häusliche Gewalt mit den Opfern macht. Es ist nicht so, dass zwei Menschen eine Beziehung führen, die dann eine schlechte Dynamik entwickelt und wenn sie sich einfach in Ruhe lassen würden, dann wäre alles gut. Bei häuslicher Gewalt ist es eher so, dass zwei Menschen eine Beziehung eingehen, in der der eine Partner, meist die Frau, zwanghaft kontrolliert und kleingehalten wird, sie kann dann nicht einfach gehen.

Denn der Moment, in dem das Risiko für die Frau enorm steigt, ist meist die Trennung.

In meinem 8-Stufen-Modell, das Risikopartnerschaften bis zum Mord beschreibt, ist das die vierte Stufe. Denn in diesem Moment stürzt das Kontroll-Regime des Täters zusammen. Und die meisten Opfer wissen um die drohende Gefahr.

Ihnen ist klar, dass sie die Trennung planen müssen, weil sie danach nicht sicher sind.

In neun von zehn Fällen steigt das Risiko für Mord, wenn die Frau entscheidet, sich zu trennen oder wenn der Partner befürchtet, dass die Frau sich trennen könnte.

ZDF: Wie erkennt man Risikobeziehungen?

Jane Monckton-Smith: Ein typisches erstes Warnsignal: Jemand ist übermäßig eifersüchtig und schiebt es darauf, wie sehr er sie doch liebt. Problematisch wird es, wenn es irgendwann zur Trennung kommt.

Menschen, die sehr eifersüchtig und besitzergreifend sind, beobachten und verfolgen meist genau, was ihr Partner oder ihre Partnerin macht.

Das machen sie oft schon während die Beziehung. Nach Mordfällen haben wir beispielsweise GPS-Tracking-Vorrichtungen am Auto gefunden oder versteckte Überwachungskameras im Haus. Dieses Stalking-Verhalten eskaliert noch einmal, wenn es zu einer Trennung kommt. Dann wird es für die Frauen wirklich gefährlich: Die Männer akzeptieren einfach nicht, dass die Beziehung zu Ende ist.

Deswegen ist es so wichtig, dass die Polizei bei Einsätzen zu häuslicher Gewalt weiß, ob es im Vorfeld eine Trennung gab, um dann wirklich alles zu tun, um das Opfer zu schützen und das Kontrollverhalten des Täters einzudämmen.

Die Fragen stellte Eva Münstermann

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