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"Herkunft sagt nichts über meinen Charakter"

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Marius Jung zu Rassismus-Debatte - "Herkunft sagt nichts über meinen Charakter"

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Kabarettist Marius Jung erklärt im ZDF, beim Sprachgebrauch sei wichtig zu erkennen, welche Haltung dahinter steckt. Man müsse immer reflektieren: Was macht das mit dem anderen?

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ZDF: Wir sind beide Spracharbeiter, Sie als Kaberettist, ich als Journalistin. Wir wollen über Sprache und Rassismus sprechen. Aber nicht von Sprache, die von Rassisten ganz bewusst verwendet wird, um zu beleidigen, um wehzutun. Sondern, um das, was im alltäglichen Sprachrassismus passiert. Wie erleben Sie das?

Marius Jung: Ich habe mich damit natürlich viel auseinandergesetzt, weil ich viele Vorträge mache zum Thema Respekt. Beim Thema Respekt geht es genau darum. Wenn ich respektvoll mit jemandem umgehen will, dann sollte ich ihn so benennen, dass er sich wohlfühlt.

Ein "Fräulein" ist verschwunden, aber der "Negerkuss" ist nicht verschwunden. Oder "Nacht- und Nebel-Aktion". Das sind Sachen, wo man die Geschichte dazu vielleicht vergisst.

Auf Grund dessen glaube ich, dass es bei Sprache das wichtigste ist, dass wir die Haltung dahinter sehen.

ZDF: Haben Sie das Gefühl, dass das Wort "Negerkuss" bei Kindern heute weg ist?

Jung: Ja, habe ich. Die meisten Kinder kennen das gar nicht mehr. Wenn dann kennen sie das von den Eltern und sagen denen "Wieso sagst du Neger?". Von daher glaube ich, dass das in der nächsten Generation nicht mehr so ein Thema ist. [...] Aber wenn ich mit Leuten auf dem Land spreche, die sagen sehr oft diesen Satz: "Das haben wir bei uns immer so gesagt, aber wir meinen das nicht negativ." Das ist natürlich schwierig.

Da sage ich dann immer, wenn ich jetzt jemanden gut kenne und zu einer Frau "Schlampe" sage und ich meine das nicht so - dann bringt das nichts. Dann ist das trotzdem beleidigend für mein Gegenüber. Das ist ein wichtiger Punkt, dass wir sehen müssen, was macht das mit dem anderen. Und nicht nur, was das in unserem Kopf macht.

ZDF: Haben wir da auch ein Vokabeldefizit im Deutschen?

Jung: Überhaupt für Menschen, die nicht der Norm entsprechen, gibt es oft ein Defizit an Wörtern, die das beschreiben. Wir müssen aber eins ganz klar sehen. Wenn wir über beschreibende Worte sprechen, dann sprechen wir nicht über Worte, die ich nicht für mein Gegenüber nutze, sondern wenn ich jemanden beschreibe.

Und da ist es natürlich gut, wenn ich das präzise machen kann. Und nicht einfach sage der Asiate oder der Afrikaner. Und das ist genau der Punkt. Woran müssen wir eine Beschreibung festmachen? [...] Ist die Herkunft wichtig, um ihn zu beschreiben? Da ist dann wichtig, wenn ich weiß, in diesem Raum ist genau ein Mensch, der nicht weiß ist. Da hilft es natürlich, wenn ich sage, das ist der Schwarze.

ZDF: Aber dann ist das doch nur die Hautfarbe, die als Merkmal gilt. Das ist doch auch eine Diskriminierung, oder?

Jung: Wenn ich jetzt zum Beispiel jemanden beschreiben möchte, der im Rollstuhl sitzt [...] und das beschreibe, dann ist das nicht diskriminierend, weil er gut zu erkennen ist. Ich würde aber nie hingehen und sagen "Na, du Mann im Rollstuhl". Da wird es dann diskriminierend. [...] Das ist eine reine Optik.

Meine Herkunft, meine Hautfarbe, sagt ansonsten nichts über meinen Charakter, meine Moral, über meine Ethik.

ZDF: Zeigt z.B. die Tatsache, dass wir das englische "race" oft mit "Rasse" übersetzen, obwohl es Menschenrassen nicht gibt, was wir noch für einen weiten Weg zu gehen haben?

Jung: Ich glaube, dass Sprache etwas sehr Behäbiges ist. Unsere Sprache ist auch noch sehr patriarchal geprägt. Ich glaube, dass sich Sprache sehr langsam entwickelt.

Ich glaube, dass wir noch einen sehr langen Weg vor uns haben, weil wir in Deutschland über Rassismus auch nicht so gerne sprechen.

Und das ist aber wichtig, um ihn zu bekämpfen, um ihn niederzudrücken. Es ist wichtig, dass wir darüber sprechen, wie wir uns bezeichnen. Was macht es mit dir wenn ich dich so bezeichne? Wie können wir miteinander umgehen? Was ist dir wichtig? Was ist mir wichtig? Auf Grund dessen glaube ich, dass es tatsächlich dieses Defizit an Begriffen gibt, aber eben auch ein Defizit an Kommunikation.

Das Interview führte Marietta Slomka.

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