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18. Januar 1871 - Einheit über alles - 150 Jahre Reichsgründung

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Vor 150 Jahren wurde das Deutsche Reich gegründet. Wie sollen wir umgehen mit diesem 18. Januar 1871 - einem Datum, das man den ersten Tag der Deutschen Einheit nennen könnte?

Reichsgründung Deutsches-Reich, 1871
1871 wurde das Deutsche Reich gegründet.
Quelle: imago

Wie bewertet man den Gründungsakt eines Nationalstaats, in dessen völkerrechtlicher Kontinuität wir zwar leben, dessen Geburt heute aber - im Gegensatz zu damals - keineswegs Anlass zu Feierlaune gibt. Seit dreißig Jahren feiern wir selbstverständlich - und aus gutem Grund - einen anderen Tag der Einheit, den 3. Oktober 1990, als ein Datum, das für eine Einigung der Deutschen unter freiheitlich demokratischen Verhältnissen und im friedlichen Einvernehmen mit den Nachbarn steht.

1871 - kein Datum des Volkes

Das neue Deutsche Kaiserreich hingegen wurde am 18. Januar 1871 im Schloss von Versailles - im Herzen des besiegten "Feindeslandes" Frankreich - vor einer Kulisse hoher Militärs und des Hochadels proklamiert, gewählte Volksvertreter waren nicht zugegen.

Vor 150 Jahren entstand zwar ein geeinter Nationalstaat, aber in Folge eines erbitterten Krieges und weitgehend als Obrigkeitsveranstaltung. Dennoch wurde er von weiten Teilen der Bevölkerung begrüßt, auch bejubelt. Ausdruck einer politischen Kultur, die der Einheit den klaren Vorrang gab gegenüber Forderungen nach mehr Demokratie und Völkerverständigung.

Einheit - und Freiheit?

Der Versuch, die beiden Ziele "Einheit und Freiheit" in einem Anlauf zu erreichen, also Vereinigung und Demokratisierung zugleich, "von unten", scheiterte während der Revolution von 1848/49. So blieb eine weitere Option. Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck verfolgte sie zwei Jahrzehnte später mit allen Mitteln: die Nationalstaatsgründung "von oben".

Nachdem Österreich 1866 als Rivale im Ringen um die Vormachtstellung innerhalb Deutschlands bezwungen war, bildete der daraufhin gegründete Norddeutsche Bund unter der Führung Preußens die Vorstufe zum geeinten Deutschland. Die südlichen Länder, wie Bayern, Baden und Württemberg, blieben zunächst außen vor.

Erster Erfolg der Revolution: Am 18. Mai 1848 tagt die erste deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche.

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Ein Krieg gegen die Franzosen werde die Deutschen zusammenschmieden - so Bismarcks Kalkül. Er provozierte den Konflikt mit dem Nachbarland, das immer wieder als Bedrohung galt, und Frankreich erklärte prompt den Krieg, stand als Aggressor da. Die Nord- und Südstaaten Deutschlands rückten gegenüber dem gemeinsamen Feind zusammen und siegten nach blutigen Schlachten.

Am 18. Januar 1871 wurde der preußisch-deutsche Nationalstaat - im Spiegelsaal von Schloss Versailles - aus der Taufe gehoben.

Reichsgründung "von oben" und "unten"

Zwar ging die Staatsgewalt nicht vom Volke aus wie in England oder Frankreich. Der Souverän des geeinten Reiches war ein "ewiger Bund" von Fürstenstaaten und drei freien Hansestädten - mit einem deutschen Kaiser an der Spitze, der zugleich König von Preußen war, in dessen Gebieten zwei Drittel der deutschen Bevölkerung lebten. Doch gab es im national gestimmten Bürgertum offenbar so viel Dankbarkeit für die ersehnte Einheit, dass es dafür den Verzicht auf mehr politische Mitbestimmung in Kauf nahm und den neuen Staat stützte, sich mit ihm identifizierte. Zumal er auch vielfältige wirtschaftliche Perspektiven bot.

Otto von Bismarck will die Einigung Deutschlands. Nach dem deutsch-französischen Krieg hat er sein Ziel erreicht.

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Zudem machte Bismarck Konzessionen: Das gesamtdeutsche Parlament wurde nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht gewählt - für die damalige Zeit ein großer Fortschritt. Frauen blieben allerdings auch in Deutschland noch davon ausgenommen.

Zwar waren die Befugnisse des Reichstages stark eingeschränkt, doch es entstand ein funktionierender föderaler Verfassungs- und Rechtsstaat. Gegensätzliche Parteien fanden ein Forum, konnten Einfluss gewinnen, Wege zu weiteren Reformen blieben offen - auch in Richtung auf einen Sozialstaat, was allerdings nicht davon abhielt, Opposition wie die "Sozialisten" per Gesetz zu unterdrücken.

Europa aus der Balance?

Und was bedeutete die Reichs-Einigung nach außen? Die Mitte Europas wurde wieder mächtig. Auf die Kaiserproklamation in Versailles folgte die deutsche Annexion Elsass-Lothringens.

Damit war das Klima zwischen beiden Völkern vergiftet, die Franzosen zutiefst gedemütigt. Doch Bismarck hörte nicht auf zu beschwichtigen: Das Deutsche Reich sei nunmehr saturiert. Für ihn galt es, neben Frankreich, das wegen der Gebietsverluste auf Revanche sann, nicht noch andere Mächte herauszufordern. Bismarck schlüpfte deshalb in eine Mittlerrolle, suchte die Balance, schloss dafür zum Teil widersprüchliche Bündnisse.

Mit dem absehbaren Ende des Zeitalters der Zeitzeugen äußert sich zunehmendes Unbehagen an der Erinnerungskultur. Wie geht man in Zukunft um mit Erinnern, Gedenken und Vergessen?

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Einheit und Demokratie

Blieb all das in Deutschland unwidersprochen? Nein, auch damals gab es noch diejenigen, die an den Idealen von 1848 festhielten, die eine Einheit wollten, bei der die Staatsgewalt vom Volk ausgeht, die forderten, dass sich das eigene Land friedvoll mit den europäischen Nachbarn arrangiert. So wie es den Maßstäben auch unserer Tage entspricht. Aber solche Stimmen blieben in der Minderheit.

Bismarck hat den Deutschen den Weg zum Nationalstaat geebnet. Allerdings nicht im Sinne einer schwarz-rot-goldenen Ahnenreihe - diese bietet andere Wegmarken: Vom freiheitlichen Hambacher Fest 1832 über das Paulskirchen-Parlament zur ersten deutschen Republik von Weimar, schließlich zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 und der Wiedervereinigung 1990.

Darauf baut unsere politische Kultur heute auf. Auf diese demokratische Tradition der Einigung können wir setzen, ihre Jahrestage können wir ohne Vorbehalte würdigen. Doch gerade deshalb ist die Beschäftigung mit der Bismarck’schen Reichsgründung so wichtig. Sie zeigt, wie wechselvoll und unterbrochen der Weg zur deutschen Einheit in Freiheit und Frieden während der beiden vergangenen Jahrhunderte war.

Stefan Brauburger ist Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte.

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