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Saatgutretter kämpfen gegen Monokulturen

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Industrielles vs. Bio-Saatgut - Saatgutretter kämpfen gegen Monokulturen

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Die Industrie setzt verstärkt auf Hochleistungssamen. Das bedroht rund 80 Prozent der Gemüse- und Getreidesorten. Wie Saatgutretter für ihren Erhalt und Geschmacksvielfalt kämpfen.

Tomaten, die nicht schmecken, kerzengerade Gurken und glänzende Äpfel ohne Makel: Obst-, Gemüse- und Getreidesorten aus Hochleistungssaatgut verdrängen die Vielfalt auf dem Teller.

Beitragslänge:
29 min
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Gärtner Oliver Christ baut Möhren an, die garantiert niemand isst. Und doch hütet er seine Rüben wie einen kostbaren Schatz. Denn aus ihnen will der 48-Jährige mittels mühsamer Handarbeit eigenes Bio-Saatgut erzeugen, um sich dem Diktat der Weltkonzerne zu entziehen. Seine Samen gäben den Menschen den wahren Geschmack der Möhren zurück, ist Christ überzeugt. Es gelte, sich endlich vom chemischen Einheitsbrei auf dem Markt zu befreien.

Seine Mission erinnert an den Kampf David gegen Goliath und ist zunächst ein kräftezehrendes Geduldspiel: Denn erst nach rund 50 Wochen entwickeln seine Karotten ihre filigranen Blüten, in denen das heiß ersehnte Saatgut reift. Der Gärtner muss seine sensiblen Möhren durch das gesamte Jahr bringen und sie vor Kälte, Dürre sowie Mäusen schützen.

Schwierige Zulassung von Bio-Saatgut

Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Christ schon auf dem Demeterhof Piluweri in Müllheim bei Freiburg im Breisgau. Sein Rüben-Saatgut ist eines von 80 neu zugelassenen auf dem Markt. Doch anders als die Industrie mit ihren künstlich gezüchteten Hochleistungssamen muss Christ jedes Jahr aufs Neue um seine hart erkämpfte Ernte zittern, denn die geltenden Auflagen sind mit biologischem Anbau deutlich schwerer zu erreichen: Erst ab einer Keimfähigkeit von 85 Prozent kommen seine Samen für den Handel in Frage. Erreichen sie diese magische Grenze nicht, war der ganze Aufwand umsonst.

Oliver Christ steht in einem grünen Feld.
Zwei Monate bis zur Samenernte: Oliver Christ baut Bio-Saatgut an.
Quelle: ZDF/Christina Voges

Anders als Oliver Christ züchten die dominierenden Chemiekonzerne ihr Saatgut meist in Laboren. Sie verändern unter Hightech-Bedingungen Pflanzensamen so, dass sie sofort hohe Erträge bringen. Solche Züchtungen haben in Europa bei vielen Obst- und Gemüsearten inzwischen einen Marktanteil von über 90 Prozent.

Weltweit arbeiten Wissenschaftler daran, Obst und Gemüse für den internationalen Markt zu züchten und genetisch zu verändern. Wie gesund, natürlich und fair ist das, was wir essen?

Beitragslänge:
43 min
Datum:

Wir ernten, was wir säen

Zehn Konzerne dominieren rund 74 Prozent des Weltmarktes und bestimmen somit maßgeblich, was bei uns auf den Teller kommt. Diese "Mega-Player" bestimmen nicht nur das Angebot der Hightech-Samen, sondern unter anderem auch, welche Pestizide und Düngemittel in den Handel gelangen. Wir ernten, was wir säen …

Das industrielle Saatgut funktioniert dabei wie ein Einmalhandschuh: Es ist nicht wiederverwertbar und die Landwirte müssen im darauffolgenden Jahr wieder neue Samen bei den Konzernen bestellen, womit sie sich immer abhängiger von den Kapriolen des Weltmarktes machen.

Zudem ist der kommerzielle Saatguthandel gesetzlich streng reglementiert. Das schreckt viele Gärtner davon ab, ihr eigenes Saatgut eigenständig und biologisch zu kultivieren. Weil ihnen das finanzielle Risiko zu hoch ist, geben sie sich den Global Playern geschlagen.

Geschmacksvielfalt ist in Gefahr

Das Wissen um selbstgezogenes Saatgut ist in den vergangenen 100 Jahren immer mehr verschwunden. Auch viele Kräuter- und Getreidesorten sind vom Aussterben bedroht, weil sie dem weltweiten Samen-Handel nicht mehr lukrativ erscheinen. Die Konsequenz: Die Arten- und damit auch die Geschmacksvielfalt unserer Lebensmittel ist in Gefahr.

Nach fast einem Jahr Arbeit haben die wilden Möhren von Oliver Christ endlich reife Samen gebildet. In jeder Dolde stecken Tausende von ihnen. Ihre Qualität ist gut und somit werden sie schon bald als biologisches Saatgut in den Handel kommen. Um den Teufelskreis der Industrie dauerhaft zu durchbrechen und die Kulturtechnik des Säens zu erhalten, braucht es laut Christ aber auch den Verbraucher.

Man könne sich im Handel einfach erkundigen nach nachbaufähigen, nach samenfesten Sorten, nach alten Sorten, so Christ.

Nur dann, wenn sie konsumiert werden, nur wenn sie gebraucht werden, wenn sie angebaut werden, nur dann ist es ein lebendiges Produkt.
Oliver Christ, Gärtner
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