100 Jahre Schulpsychologie: Ein Psychologe für 5.400 Schüler

    100 Jahre Schulpsychologie:Ein Psychologe für 5.400 Schüler

    von Constanze Kainz
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    Seit 100 Jahren gibt es in Deutschland die Schulpsychologie - heute fehlt es an Schulpsychologinnen und Schulpsychologen Dabei sind die Probleme groß wie selten.

    Corona und der Ukrainekrieg haben - gerade bei Kindern - deutliche Spuren hinterlassen. Hilfe könnten unter anderem Schulpsychologen leisten. Am Bedarf herrscht kein Mangel, am Personal allerdings schon. 14.10.2022 | 1:51 min
    Während in Mannheim mit einem Festakt das 100-jährige Bestehen der Schulpsychologie in Deutschland gefeiert wurde, ist so mancher Fachkraft nicht zum Feiern zumute.

    Deutsche Schulen brauchen Schulpsychologen

    Denn: Es mangelt an Schulpsychologinnen und Schulpsychologen. Corinna Ehlert vom Schulpsychologischen Dienst in Stuttgart spürt das in ihrer täglichen Arbeit:

    Es gibt zu viele Anfragen. Wenn es wo brennt, helfen wir und unterstützen wir. Aber wir hätten schon Ideen, was wir noch alles machen können.

    Corinna Ehlert, Schulpsychologischen Dienst Stuttgart

    "Mehr in die Prävention zu gehen, dass es gar nicht so weit kommt. Das können wir aber mit der Ausstattung, die wir im Moment haben, nicht leisten", sagt Ehlert.
    Dabei ist auch hierzulande der Bedarf an Schulpsychologen hoch. Laut PISA-Studie (2017) wird in Deutschland jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von Mobbing an der Schule. Durch Corona hat sich die Lage nochmal verschlechtert.

    Deutsche Schüler tendenziell aggressiver

    Jede zweite Lehrkraft beobachtet mehr aggressives Verhalten und weniger Empathie unter Schülerinnen und Schülern, ergibt eine Lehrkräftebefragung des Deutschen Schulbarometers 2022.

    Im Durchschnitt ist eine Fachkraft für rund 5.800 Schülerinnen und Schüler zuständig. Dabei unterscheidet sich die Versorgung in den Bundesländern stark und schwankt zwischen:
    1:3.500 in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Hamburg oder Bayern und
    1:9.000 in Brandenburg und Niedersachsen.
    Zum Vergleich: In der Schweiz wird ein Verhältnis von 1:500 angestrebt, in Dänemark von 1:800.

    Rund 50 Kinder und Jugendliche betreut Schulpsychologin Karin Faigle am Stuttgarter Mörike-Gymnasium derzeit. Seit Corona seien die Anfragen deutlich gestiegen, so die Schulpsychologin.

    Ich stelle viele Belastungsreaktionen fest, die Fallzahlen bei Depressionen oder bei Symptomen wie Ängsten sind deutlich gestiegen.

    Karin Faigle, Schulpsycholigin an einem Gymnasium

    "Es gibt mehr sozialen Rückzug oder soziale Ängste, von denen Kinder und Jugendliche betroffen sind, auch selbstverletzendes Verhalten ist gestiegen", ergänzt Faigle.

    Schüler warten teils wochenlang auf einen Termin

    Der Vorteil am Evangelischen Mörike-Gymnasium: "Ich bin jeden Tag vor Ort. Es ist viel niedrigschwelliger, mit mir Kontakt aufzunehmen, als es in Deutschland sonst üblich ist."
    Denn eine "hauseigene" Psychologin, wie Faigle, haben hierzulande die wenigsten Schulen. In der Regel kümmert sich der Schulpsychologische Dienst um die Anliegen der Kinder und Jugendlichen.
    Die Fachkräfte kommen stundenweise an die Schulen, sind per Telefon erreichbar oder vergeben Termine in den eigenen Räumen. Allerdings ist schnelle Hilfe oft nur in dringenden Fällen möglich, Wartezeiten von mehreren Wochen sind keine Seltenheit.

    Psychologen gibt es nicht wie Sand am Meer

    Natürlich gebe es noch andere Anlaufstellen, sagt Dr. Andreas Rapp vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung. "Nehmen wir die Schulsozialarbeit oder die Beratungslehrkräfte. Aber gerade wenn es nicht nur ums Lernen leisten geht, sondern wirklich auch emotionale Schwierigkeiten, dann sind Schulpsychologen schon wichtige erste Ansprechpersonen."
    "Sobald sie lesen können, lesen sie Schlagzeilen", der Krieg sei für Kinder ein "Gefühl von Vertrauensverlust und Sicherheitsverlust" sagt Psychologe Georg Pieper.26.02.2022 | 5:23 min
    Baden-Württemberg versucht nun mit zusätzlichem Geld vom Bund, neue Kräfte einzustellen. Aber:

    Psychologinnen und Psychologen sind heiß begehrt. Deswegen ist es gar nicht einfach, die Mittel, die wir haben tatsächlich personell umzusetzen.

    Thomas Riecke-Baulecke, Präsident des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL), Baden-Württemberg.

    Zum 100. Geburtstag ihres Berufsstands hat Schulpsychologin Karin Faigle schließlich einen Wunsch: "Es wäre toll, wenn das Angebot ausgebaut werden würde, weil dann hoffentlich auch die Hemmschwelle sinkt, sich Hilfe zu suchen - auch später im Leben."
    Constanze Kainz berichtet für das ZDF-Studio in Stuttgart.

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