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Weniger Praxen bieten Abbrüche an - warum?

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Ungewollte Schwangerschaften - Weniger Praxen bieten Abbrüche an - warum?

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Der Fall Kristina Hänel zeigt: Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, werden angefeindet. Das wirkt sich auf die Versorgung der Patientinnen aus.

Archiv, Prenzlau: Vorbereitung einer Abtreibungsoperation.
Vorbereitung in einem OP zu einem Schwangerschaftsabbruch
Quelle: AP

Ärztinnen und Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten, ziehen bis heutzutage viel Hass auf sich. Das zeigt nicht nur der Fall Kristina Hänel, die sich am Montag gerichtlich gegen einen radikalen Abtreibungsgegner durchsetzte. Dieser hatte ihre Tätigkeit auf seiner Internetseite mit den Verbrechen in NS-Vernichtungslagern gleichgesetzt.

Hinzu kommen Morddrohungen, Mahnwachen vor Praxen, Hassbotschaften. Das alles, weil die Gynäkologinnen und Gynäkologen Frauen in Not helfen.

Zahlen bei Praxen und Klinken rückläufig

Diese feindselige Stimmung nimmt auch der Berufsverband der Frauenärzte wahr. "Diese Stimmung ist einer der Gründe, weshalb sich manche Ärztinnen und Ärzte zweimal überlegen, ob sie die Eingriffe anbieten oder dies im Internet, zum Beispiel auf der Seite der Bundesärztekammer, öffentlich machen", erklärt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes im Gespräch mit ZDFheute.

Tatsächlich ist die Zahl der Ärzte, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, rückläufig. Darauf deuten Zahlen des Statistischen Bundesamts hin, über die das ARD-Magazin "Kontraste" bereits vor zwei Jahren prominent berichtete.

Die Statistik erfasst die Anzahl von Kliniken und Arztpraxen, die darüber Meldung erstatten, dass sie grundsätzlich Abbrüche vornehmen. Diese "Meldestellen" drücken also aus, wie viele Stellen einen Abbruch anbieten - nicht aber, wie viele ihn durchführen. Im Jahr 2003 gab es 2.050 "Meldestellen" in Deutschland, im ersten Quartal 2020 waren es nur noch 1.128 - ein Rückgang um fast 45 Prozent.

Gesetzliche Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen

Neben der Stimmung, die gegen die Gynäkologen gemacht wird, gibt es weitere Gründe dafür, dass die Zahl der Praxen so stark gesunken ist. Einer davon: die gesetzliche Stigmatisierung des Eingriffs.

Nach deutschem Recht ist ein Schwangerschaftsabbruch rechtswidrig, der bestraft wird, sofern er nicht genau den im Gesetz definierten Vorgaben folgt.
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

Problematisch ist dabei der Paragraf 2019a des Strafgesetzbuchs, der sogenannte "Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft" verbietet. "Die reine Information auf den Praxis-Homepages der Frauenärztinnen und Frauenärzte ist unsinnigerweise verboten", sagt Albring.

Das überalterte Facharztmodell

Ein weiterer Grund, dass immer weniger Praxen den Eingriff anbieten, hängt mit der Untätigkeit der Politik zusammen, die nicht genug auf veränderte Strukturen bei Fachärzten reagiert. Früher war es üblich, dass ein Frauenarzt bis zu 80 Stunden die Woche in der Praxis arbeitete. Doch Familien- und Arztbild haben sich geändert.

"Junge Ärztinnen und Ärzte wollen diese Selbstausbeutung nicht mehr. Sie wollen mehr Zeit für ihre Familie, ihre Kinder und auch für sich selbst haben", sagt Albring. Doch durch die geringere Arbeitszeit sinkt auch die Anzahl der Praxen, die zusätzlich Operationen anbieten.

Da aber die Zahl der Praxen festgeschrieben ist, wird insgesamt die Versorgung schlechter, Wartezeiten immer länger, viele Praxen können kaum noch neue Patientinnen aufnehmen, was langfristig noch schlimmer wird.
Christian Albring

Die Politik hat bis dato kaum darauf reagiert. Das Resultat: Es gibt noch viele Ärzte, die die Eingriffe über das Rentenalter hinaus anbieten. Ewig werden sie dies nicht machen können.

Bundesländer bei Schwangerschaftsabbrüchen in der Pflicht

Um auch in Zukunft die Versorgung von Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch benötigen, zu gewährleisten, sind neben dem Gesetzgeber vor allem die Bundesländer in der Pflicht.

Die Länder stellen ein ausreichendes Angebot ambulanter und stationärer Einrichtungen zur Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen sicher.
Gesetz zur Vermeidung und Bewältigung von Schwangerschaftskonflikten

Doch nicht jedes Bundesland ist hier gleich engagiert: Während das Statistische Bundesamt im ersten Quartal dieses Jahres in Berlin 137 "Meldestellen" verzeichnete, hochgerechnet also etwa eine "Meldestelle" pro 27.500 Einwohner, waren es im wesentlich größeren Bayern 92, also nur eine pro 142.000 Einwohner.

Das bayerische Gesundheitsministerium sieht seinerseits keinen Nachholbedarf und erklärt auf Anfrage, dass es "in Bayern derzeit genügend Einrichtungen gibt, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen". Zugleich verweist die Behörde auf die alleinige "unternehmerische Entscheidung einer Klinik oder einer ärztlichen Praxis, ob sie Schwangerschaftsabbrüche vornimmt oder nicht".

Das sieht Christian Albring etwas anders: "Die Bundesländer haben die moralische Pflicht, die Frauenärztinnen und -ärzte zu schützen, tun aber viel zu wenig, um nicht zu sagen gar nichts", sagt er.

In einer früheren Fassung dieses Beitrags wurde Kristina Hänel als Gynäkologin bezeichnet. Sie ist jedoch Allgemeinmedizinerin.

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