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Interview

Sexueller Missbrauch - "Wer sich anvertraut, ist nicht allein"

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Kinder, die Missbrauch erlebt haben, schweigen oft viele Jahre darüber. Psychotherapeutin Michaela Huber erklärt, warum es Erwachsenen und Kindern hilft, das Erlebte auszusprechen.

Archiv: Ein Mächen sitzt am 07.04.2013 in einer Wohnung in Berlin im Flur und weint
Kinder, die missbraucht werden, fühlen sich oft schuldig. Symbolbild
Quelle: dpa

ZDFheute: Warum fällt es von sexuellem Missbrauch betroffenen Kindern oft so schwer, darüber zu sprechen oder sich Hilfe zu holen?

Michaela Huber: Kinder vertrauen sich zunächst nicht an, wenn die Person, die ihnen das antut, ein naher Mensch ist. Entweder ein Elternteil oder jemand, der sonst wie ein Vertrauter des Kindes ist.

Ein Kind, das erlebt, dass seine geheimsten Stellen, wie Kinder oft sagen, von einem Erwachsenen berührt werden, wird erst einmal verwirrt sein: Ist das in Ordnung, auch wenn sich das komisch oder schmerzhaft anfühlt?

ZDFheute: Erkennen Kinder, dass ihnen ein Unrecht widerfährt?

Huber: Oft ist es so, dass die Kinder das Gefühl haben, es sei quasi normal, auch weil in den meisten Familien, in denen Kinder so gequält werden, jeder so tut, als sei alles in Ordnung. Gleichzeitig spüren sie, dass etwas nicht stimmt. Je länger die Quälereien andauern, desto mehr.

Die Täter intensivieren dann auch meist ihre Handlungen. Es wird immer unangenehmer, schmerzhafter, brutaler. Und noch immer haben die Kinder das Gefühl: Das scheint ja normal zu sein für mich. Und sie schämen sich ganz gewaltig.

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ZDFheute: Wofür schämen sich die Kinder?

Huber: Die Kinder denken, sie seien schuldig und schlecht. Immer gibt der Täter dem Opfer das Gefühl: Du bist daran schuld. Und das Kind wird es erst einmal glauben.

ZDFheute: Warum funktioniert diese Schuldumkehr so gut?

Huber: Weil die Kinder ein Bindungssystem haben, das sogar biologisch wichtiger ist als ihr Verteidigungssystem, also die Tendenz wegzulaufen oder sich zu wehren. Sehr häufig übt ja eine primäre Bindungsperson die sexuelle Gewalt aus: Vater oder Vaterersatz zum Beispiel.

ZDFheute: Was passiert dann beim Kind?

Huber: Wenn das Kind nicht fliehen oder kämpfen kann, wird es sich in sich selbst verkriechen oder in eine Fantasiewelt fliehen. Es wird sich aufspalten oder wegträumen. Gleichzeitig hat es dann das Gefühl, es selbst sei schlecht und nicht liebenswert, deswegen passiert ihm das.

Und der Täter wird viel dafür tun, damit das Kind das denkt: Wenn du redest, dann wird deine Mutter krank. Dann komme ich ins Gefängnis. Du zerstörst unsere Familie. Du bist böse, du bist schmutzig. Oder umgekehrt: Wenn ich dich sehe, dann kann ich gar nicht anders.

Im Zusammenhang mit dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach ist ein Mann zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Der 39-Jährige soll seine Kinder sexuell missbraucht haben.

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All das ist zerstörerisch für das Bindungssystem eines Kindes. Dennoch bleibt ihm nichts anderes übrig, als dem erst einmal Glauben zu schenken.

ZDFheute: Warum ist es wichtig, zu erzählen?

Huber: Sprache ist ein Mittel des Begreifens. Deshalb ist die sprachliche Verarbeitung so wichtig, um zu verstehen, was passiert ist.

Sexualität ist enorm tabuisiert, daher ist es schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Da kommt es für Betroffene darauf an, dass sie eine Person finden, bei der sie sich vortasten können, um zu erzählen.
Michaela Huber, Psychotherapeutin

Wie es für das Kind weitergeht, hängt stark davon ab, wie die andere Person reagiert.

ZDFheute: Wie können sich Angehörige und Vertrauenspersonen verhalten?

Huber: Die erwachsene Person, die das Kind ins Vertrauen zieht, sollte erst einmal eine ruhige, sichere Umgebung suchen, um mit dem Kind zu sprechen. Wichtig ist dann, dem Kind gut zuzuhören, ihm Glauben zu schenken und sein Leid anzuerkennen.

Der Erwachsene sollte dann das Vertrauensverhältnis möglichst weiter aufbauen, nicht vorschnell handeln, schon gar nicht ohne das Kind zu informieren, stattdessen das Kind ermutigen, sich professionelle Hilfe zu holen.

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ZDFheute: Was können Betroffene tun, wenn sie Hilfe wollen, aber gleichzeitig Angst davor haben, darüber zu sprechen?

Huber: Für das Kind oder den später jugendlichen oder erwachsenen Menschen, der sexualisierte Gewalt als Kind erlebt hat, ist wichtig, die richtige Person zu finden, sich anzuvertrauen und weiter gehen zu können. Wer das tut, ist nicht mehr allein, aus der Situation herauszukommen und zu heilen.

Das, was da passiert ist, das ist ungerecht, ja ein Verbrechen. Diese Erkenntnis kann die Kinder und Jugendlichen motivieren, sich aufzurichten.
Michaela Huber, Psychotherapeutin

Wenn man nicht mehr nur Opfer ist, sondern Zeuge, etwa vor Gericht, wenn man ernstgenommen und respektiert wird, dann fühlt sich das gut an. Das ist es, wofür es sich lohnt. Das sagen die meisten, die es gewagt haben.

Das Interview führte Isabell Prophet.

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